Chronik

"Der Spielraum ist ausgereizt"

Experte Kurt Luger sieht in vielerlei Hinsicht touristische Grenzen erreicht, auch im Pinzgau.

Kurt Luger spricht eindringlich über den Tourismus.  Bild: rach SN/sw/andreas rachersberger
Kurt Luger spricht eindringlich über den Tourismus.  Bild: rach

Bei scharfen Tönen zu diesem Thema ist das Glatteis für "Unruhestifter" meist nicht weit: "Die wirtschaftliche Dimension im Tourismus steht bei uns in Österreich derart im Vordergrund: Wenn man ein negatives oder kritisches Wort sagt, wird man sofort beschuldigt oder beschimpft. Ich habe eine gewisse Narrenfreiheit", sagte Kurt Luger vorige Woche bei einem Vortrag in der Volkshochschule Saalfelden. Der Tourismusexperte ist unter anderem Leiter des Unesco-Lehrstuhls "Kulturelles Erbe im Tourismus" an der Universität Salzburg, beobachtet Entwicklungen auf diesem Gebiet mit einem besonders kritischen Auge, stellt vieles infrage.

Den Aufbau von Chaletdörfern, wie zuletzt auch in Maria Alm, bezeichnet Luger mit bedenklicher Miene als "Phänomen", ein solches "Zupflastern" sei in mehrfacher Hinsicht ein drastischer Eingriff: "Weil da eine Spirale in Gang kommt, die den Platz so teuer macht, dass für eine Ansiedelung der einheimischen jüngeren Bevölkerung eigentlich keine Möglichkeit mehr besteht." Wenn er etwa Bürgermeister von Neukirchen oder Wald-Königsleiten wäre, so würde er sagen: "Das geht so nicht."

Auch zwischen Zell am See und Saalfelden sei nicht alles schön, sagt Luger. "Oder die Gegend Schüttdorf, die ist kommerziell bis zum Gehtnichtmehr. Wenn das so weitergeht, werden wir die Landschaft irgendwann zunageln mit den Schuhschachteln und es wird ganz schwierig, den Gästen zu vermitteln, dass es hier bei uns am schönsten ist."

Er verkenne nicht, dass es auch Gebiete brauche, wo Industrie passiere und das Gewerbe seinen Platz habe - "aber es wird schwer, diese Regionen in Summe als Erholungsdestinationen zu sehen. Man muss dann schon in die ein oder andere Tallandschaft hinein, um das zu erleben, was versprochen wurde."

Von einer ständigen Rekordjagd im Tourismus hält Luger absolut nichts. "Nur jedes Jahr noch einmal zwei Prozent mehr Gäste - das ist nicht das Gelbe vom Ei." Es gehe letztlich nicht nur um die ökonomische Wertschöpfung, sondern auch um Aspekte wie: "Wie viel Landschaft ist ruiniert worden? Wie viele Treibhausgase wurden emittiert? Und, und, und. Diese Gesamtrechnung wird nicht gemacht."

"Enormes Einsparpotenzial" in Sachen Verkehr

Das Einsparpotenzial sei speziell im Transportbereich enorm, überwiegend erfolge die Anreise mit dem eigenen Pkw. Ein wichtiges Thema, speziell in Sachen Verkehr, sei die Fragestellung: "Sind diejenigen, die den Nutzen daraus haben, auch diejenigen, die den Schaden daraus haben?" Der "balancierte Nutzen" bleibe oft irgendwo zwischen Startort A und Zielort B auf der Strecke.

Im Pinzgau sei der Spielraum bei der Anzahl an Urlaubsgästen bereits vielerorts völlig ausgereizt. Als Beispiel nennt Luger: "Das Glemmtal ist voll." Aber: "Die Festlegung von Belastungsgrenzen wollen die Touristiker gar nicht hören."

Luger ging auch auf die Großglockner Hochalpenstraße ein, die heuer zum Unesco-Welterbe ernannt werden könnte. Er begrüßt das als Teil des Entwicklungsteams, sagt, dass die Einbindung der Straße in die Landschaft einen noch höheren Wert für die Besucher dieser Gegend geschaffen habe. "Das ist ein ganz tolles Ding, das wir da vor der Haustür haben. Wenngleich es ein bisschen merkwürdig ist, wenn Millionen Leute dezidiert mit Auto oder Motorrad diese Straße bewältigen. Mein Wunsch wäre, in einem offenen Bus diese Straße zu befahren, aber dann ist das Erlebnis des Selbstlenkens eben nicht mehr gegeben."

Einen Schwenk machte Luger in Richtung Architektur, nachdem er von der verbindlichen 45-Grad-Dachneigung in St. Martin/Lofer gelesen habe: "Das geht vielleicht eine Spur zu weit, es gibt Wichtigeres. Aber wenn man sagt, man möchte ein Ensemble erhalten, kann ich das nachvollziehen."

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