Chronik

Durch Berührung in den heilenden Dialog treten

Der Tastsinn ist nicht mess- oder darstellbar, deshalb hat er in einer Zeit der Diktatur der Algorithmen einen niedrigen Stellenwert: Ein großer Fehler, warnte der Medizinethiker Giovanni Maio bei den Goldegger Dialogen.

Im Mutterleib ist der Tastsinn der erste, den wir entwickeln. Durch Tasten lernen Kleinkinder im ursprünglichen Wortsinn ihre Umwelt zu begreifen, durch das Berührtwerden entwickeln sie ihr Körperbewusstsein. Verweigert man dagegen Babys oder Kleinkindern die Berührung oder den Körperkontakt, werden sie schwer krank oder sterben, das wurde in früheren Jahrhunderten in grausamen Versuchen nachgewiesen. Berührungen können wahre Wunder wirken und sind in der Medizin eigentlich essenziell für Diagnosen, dennoch haben sie in der modernen Apparatemedizin oft einen niedrigen Stellenwert, weil nicht darstellbar oder objektivierbar. Eine Berührung kann man nun einmal nicht in ein Fließdiagramm überführen. Vor diesem Hintergrund hielt der deutsche Medizinethiker Giovanni Maio den Eröffnungsvortrag der diesjährigen Goldegger Dialoge. Der programmatische Titel des Vortrags: "Heilende Berührung im Zeitalter von Technik und Ökonomie".

Die Dialoge - heuer in ihrer 37. Auflage - werden stets zu Fronleichnam nach dem Ende der Prozession eröffnet. Die Trachtenmusikkapelle, die Schützen, die Traditionsvereine kommen in den Burginnenhof, nach einem Ehrensalut geht es ins Schloss, wo die Dialoge offiziell eröffnet werden. Bevor Maio - er lehrt an der Universität Freiburg - seine völlig zu Recht viel beachtete Rede hielt, sprachen Kulturvereinsobmann Cyriak Schwaighofer, LH-Stv. und Gesundheitsreferent Christian Stöckl - er stammt aus Goldegg-Weng - und Andreas Huss, der Obmann der Salzburger Gebietskrankenkasse. Die SGKK trat heuer erstmals als Mitveranstalter auf und unterstützte so die Dialoge mit ihrem stark präventivmedizinischen Ansatz noch mehr als bisher.

Stöckl sprach ethische Fragen an, die sich durch die hoch technisierte Gerätemedizin ergeben: Wie weit soll und kann Medizin gehen? Kann und soll die Solidargemeinschaft der Versicherten extrem teure Behandlungen - so können sich laut Stöckl in Extremfällen die Medikamentenkosten für einen Patienten auf über eine Million Euro pro Jahr belaufen - finanzieren?

Schwaighofer skizzierte das heurige Programm rund um das Motto "Die Magie des Berührens": Berührungen, obwohl, wie bereits angeführt, (überlebens-) notwendig, können auch grenzüberschreitend und ungewollt sein, Beispiele dafür gibt es leider genug. Umgekehrt aber führt die Angst davor, sich dem Vorwurf der sexuellen Belästigung aussetzbar zu machen, zu negativen Entwicklungen. Etwa, wenn sich der Turnlehrer nicht mehr traut, ein siebenjähriges Mädchen in den Arm zu nehmen und zu trösten, wenn es sich in der Turnstunde wehgetan hat.

Auf Fragen wie diese ging Maio ein, Taktgefühl sei bei Berührungen, auch im medizinischen Kontext, das Um und Auf. Das Tasten und Berühren sei gleichsam diagnostisch und heilend. Wenn ein Arzt einen Patienten berührt, zeigt er ihm gleichsam: "Ich bin bei dir, ich nehme mich deiner an." Er nannte das Beispiel eines schambehafteten Psoriasis-Patienten, für den eine Berührung etwas Haltgebendes und Bestätigendes sei. Vor dem Hintergrund der technisierten Medizin sei es eine Stärke, keine Schwäche, dass der Tastsinn nicht objektivierbar und dokumentierbar sei, so Maio. Zum Schluss seiner Rede dichtete er noch den Prolog des Johannesevangeliums um, so sollte es Maios Meinung nach heißen: "Im Anfang war die Berührung ..."

Aufgerufen am 17.08.2018 um 01:41 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/durch-beruehrung-in-den-heilenden-dialog-treten-28853104

87 Gasteiner Schätze gerettet

87 Gasteiner Schätze gerettet

Autorin hat alte Sagen neu erzählt und überraschend viel entdeckt. Die reichen Gold- und Silberschätze und das sprudelnde Heilwasser regten seit Jahrhunderten die Erzählkunst an: Das Gasteiner Tal ist …

Schwarzach hat jetzt eigens getauften Zug

Schwarzach hat jetzt eigens getauften Zug

Eine eigene Garnitur für die Pongauer Gemeinde - damit sollen mehr Passagiere gewonnen werden. Warum? Weil man in einen Zug, auf dem die eigene Gemeinde prangt, vielleicht lieber einsteigt. Einsteigen, bitte! …

Schlagzeilen