Chronik

Ein Besatzungskind erzählt: "Eine Hälfte hat mir immer gefehlt"

Kinder riefen ihr "Franzosenmädel" hinterher. Sie selbst erfuhr erst mit acht Jahren, dass sie ein Besatzungskind ist. Die Salzburgerin suchte ihr Leben lang nach ihrem Vater.

Am Nationalfeiertag gedenkt Österreich jenem Tag, an dem 1955 das Gesetz zur österreichischen Neutralität beschlossen wurde. Ein paar Tage zuvor hatte der letzte russische Besatzungssoldat das Land verlassen. Zurück blieben tausende Besatzungskinder, von denen viele eine düstere Kindheit erlebten. Sie wurden ausgegrenzt, verspottet und beschimpft. So wie die Salzburgerin Brigitte Mader, die fast 60 Jahre lang nach ihrem Vater suchte.

Bis zu jenem Tag, der jetzt ziemlich genau ein Jahr zurückliegt. Brigitte Mader steht nach vielen Rückschlägen und Enttäuschungen vor der Wohnungstür ihres Vaters im französischen Anglet und klingelt. In ihren Händen hält sie einen Brief. " Alles, was ich wollte, war, dass er ihn liest und mir fünf Minuten seiner Zeit schenkt", erzählt die heute 68-jährige Salzburgerin. Den Moment, als ihr Vater die Tür öffnet und ihr ein inzwischen 96 Jahre alter, aber erstaunlich fitter Mann gegenübersteht, beschreibt sie als magisch. Er habe sie angelächelt und voller Stolz gemeint, dass er da ein richtig schönes Kind zusammengebracht habe. "Danach beschwerte er sich scherzhaft darüber, dass ich größer bin als er", sagt Mader. Die Zeit bei ihrem Vater hat sie verinnerlicht. "Wir haben gelacht, geweint und miteinander gesprochen, über die Vergangenheit, meine Mutter und über das Leben."

Der Salzburgerin ist damit gelungen, was vielen anderen Besatzungskindern verwährt bleibt. Sie hat ihren Vater nach langer Suche lebend angetroffen. "Dafür bin ich irrsinnig dankbar, dafür, ihn zu sehen, zu berühren und seine Stimme zu hören. Das war mein größter Wunsch." Über eine Stunde hat Brigitte Mader an diesem Tag mit ihrem Vater verbracht. Es sollte das erste und vorerst auch letzte Mal sein.

"Die Umstände waren gegen die Beziehung"

Doch zurück zum Anfang. Die Geschichte von Brigitte Mader beginnt in Reutte in Tirol. Dort lernen 1947 zwei junge Mädchen zwei französische Besatzungssoldaten kennen. Sie verlieben sich, sie schweben im siebten Himmel und werden kurze Zeit später schwanger. Während die Freundin nach dem Ende der Besatzungszeit ihrem Freund nach Frankreich folgt, steht die Mutter von Brigitte Mader kurz vor ihrer Niederkunft allein da, vom Vater ihres ungeborenen Kindes verlassen. Mader: "Die Umstände dieser Zeit waren dagegen, dass diese Beziehung funktioniert." Auf ihren Vater habe in Frankreich sein zweijähriger Sohn gewartet, der ihn nach dem Tod seiner Mutter brauchte. Doch dem Soldaten war nur wenig Zeit bei der Familie vergönnt. Kurz darauf zog er in den Krieg gegen Algerien.

Daheim in Tirol wuchs die kleine Brigitte heran. Dass sie ein Besatzungskind war, wusste sie nicht. "Ich hab gespürt, dass mich andere komisch anschauen. Oft haben sie mir ,Franzosenmädel' hinterhergerufen." Doch das habe sie auf ihre Kleidung bezogen. Denn ihre Mutter habe stets darauf geachtet, dass die Tochter adrett angezogen ist.

Schwierig war die Beziehung zum Großvater. Der kam mit der Situation nicht klar, würdigte seine Enkelin in deren erstem Lebensjahr keines Blickes. Der traurige Hintergrund: Sein Sohn, Brigitte Maders Onkel, war in französischer Gefangenschaft gestorben. "Sie können sich vorstellen, wie er fühlte, als er erfuhr, dass die Tochter von einem französischen Soldaten schwanger war."

Mit acht Jahren erfuhr Brigitte Mader schließlich, dass der neue Mann ihrer Mutter nicht ihr Vater war, sondern ihr Stiefvater. Als sie die Eltern danach fragte, wurde sie ausgeschimpft. In der Folge schnappte sie jedes noch so kleine Detail über ihren Vater auf, hielt alles in ihrem Tagebuch fest und erhielt so langsam ein Bild.

Doch es vergingen Jahre, bis sie Namen oder Wohnort ihres Erzeugers erfuhr. Ihre Mutter schwieg. Erst als Brigitte Mader schwanger wurde und ihr Kind für den Fall, dass es ein Bub war, René nennen wollte, bröckelte deren Widerstand. "Als ich ihr das sagte, erstarrte sie. Denn ich hatte, ohne es zu wissen, meinem Sohn den Namen meines leiblichen Vaters geben wollen: René." In der Folge sah sie zum ersten Mal ein Foto ihres Vaters, las Briefe, die sich das Liebespaar geschrieben hatte. In den 1990er Jahren kam es schließlich über die Freundin ihrer Mutter zum ersten "Kontakt" zum Vater. Doch der blockte ab. Briefe, die sie an ihn schrieb, kamen ungeöffnet zurück.

2013 googelte sie ihren Vater

Eine Zeit der Enttäuschung und der Zurückweisung für die Frau, die vom Schicksal ohnehin gebeutelt war. Sie gebar zwei Kinder, die kurz nach der Geburt starben. Nach der Scheidung zog sie 1986 allein nach Salzburg.

Die Entscheidung ihres Vaters respektierte Mader. "Ich war so froh und dankbar, zu wissen, wer mein Vater ist, wie er aussieht, wo er lebt, dass ich es aushalten konnte, ihn nicht zu treffen." Durch die Informationen habe sich vieles in ihrem Leben geklärt. "Etwa woher meine künstlerische Begabung kommt. Das habe ich von ihm."

Jahre vergingen, doch der Wunsch, dem Vater einmal gegenüber zu stehen, blieb. Erst 2013 wagte Brigitte Mader einen neuerlichen Versuch. Sie setzte sich nachts an ihren Computer und tippte den Namen ihres Vaters in die Suchmaschine. "Es hat mich viel Überwindung gekostet." Im nächsten Moment poppte auf dem Bildschirm ein französischer Zeitungsartikel auf. Mit einem Bild ihres Vaters, der sich in seinem Heimatort für einen Internetkurs angemeldet hatte, als ältester Teilnehmer. "Mir schlug das Herz bis zum Hals." An Schlaf sei in dieser Nacht nicht mehr zu denken gewesen.

Ein paar Monate später machten sich Mader und ihr Lebensgefährte auf den Weg nach Frankreich. "Wir fuhren mit dem Wohnmobil quer durchs Land bis nach Anglet." Endlich war sie an dem Ort angelangt, wo ihr Vater lebte. Seine genaue Adresse fand sie aber nicht heraus. Dafür traf sie eine Deutsche, die seit langem in dem kleinen Städtchen an der französischen Atlantikküste nahe Biarritz lebt. Sie versprach, ihr bei der Suche zu helfen. 2014 fuhr Brigitte Mader wieder nach Frankreich, mit der richtigen Adresse im Gepäck. Inzwischen hatte sie auch erfahren, dass sie eine Halbschwester hat, die ebenfalls in Anglet lebt. Doch sie traf beide nicht an, hinterließ Briefe und verließ Frankreich wieder unverrichteter Dinge. Erst im dritten Anlauf kam es im Herbst 2015 zum ersten Treffen zwischen Vater und Tochter.

Die Augen der Mutter leuchteten

Nach ihrer Rückkehr erzählte sie ihrer inzwischen 88-jährigen Mutter davon. "Sie ist dement, aber als ich ihr ein Foto von René zeigte, leuchteten ihre Augen. Sie wollte nicht glauben, dass er sich nach ihr erkundigt hat." Brigitte Maders Stimme bricht, als sie davon erzählt.

Der Krieg hat das Schicksal ihrer ganzen Familie auf den Kopf gestellt. Auf der einen Seite die Frau, die der Liebe ihres Lebens noch heute nachtrauert. Auf der anderen Seite, das kleine Mädchen, das nie wusste, wie ihr geschieht. Ihre Mutter habe ihr stets vorgeworfen, dass sie an ihrem Schmerz schuld sei. "Ich habe in meiner Kindheit viele Schrammen erlitten. Trotzdem bin ich gestärkt daraus hervorgegangen", sagt Mader. Anderen Besatzungskindern empfiehlt sie, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. "Ich weiß, das tut weh, aber irgendwann holt uns die Geschichte ein."

Vor ein paar Tagen ist Brigitte Mader wieder nach Anglet aufgebrochen. Die Stadt ist für sie zur zweiten Heimat geworden. Ihren Vater wird sie nicht besuchen. "Er hat mich gebeten, nicht weiter Kontakt zu suchen. Zu schmerzlich ist die Erinnerung an die Vergangenheit für ihn." Sie respektiert seine Entscheidung. "Das kann ich, weil ich ihn liebe."

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