Chronik

Ein Nepalese begleitet die Bahn: "Bei uns gibt's gar keine"

Sushil Shah stürzte sich vor zehn Jahren ins Abenteuer Österreich. Seit eineinhalb Jahren lebt er in Saalfelden, arbeitet als Zugbegleiter. Es bedeutet für ihn viel mehr als nur Karten zwicken.

Vom Bahnhof Saalfelden aus unterwegs durch Österreich: Sushil Shah (30).   rachersberger
Vom Bahnhof Saalfelden aus unterwegs durch Österreich: Sushil Shah (30).  

"Die Fahrkarten, bitte". Bahnfahrer quer durchs Land hören die bekannten Worte auch von einem Nepalesen, der sehr gut Deutsch spricht. Freundlich, lächelnd, mit viel Fingerspitzengefühl gehe er seiner Arbeit nach, erzählt Sushil Shah.

Seit Februar 2017 ist der 30-Jährige bei den ÖBB, seit Kurzem darf er durch eine Zusatzausbildung als "DB Zugführer" auch die Korridorstrecke übers Deutsche Eck zwischen Salzburg und Kufstein bedienen. "Zugbegleiter zu sein, bedeutet viel mehr als nur Karten zwicken. Wir sind die Gastgeber im Zug, geben Auskünfte über Anschlüsse, sind für die Sicherheit verantwortlich, machen Bremsberechnungen und Durchsagen, helfen Personen mit eingeschränkter Mobilität beim Ein- und Ausstieg."

Es sei ein sehr persönlicher Job, der Kontakt mit Menschen bereite ihm große Freude. "Jeder Tag ist anders, zum Glück hatte ich bis jetzt fast keine Probleme. Ab und zu trifft man natürlich auf Betrunkene und auf Schwarzfahrer." Die Eisenbahn an sich ist für Shah schon Fortschritt pur. "In Nepal gibt es gar keine, es wird gerade erst daran gebaut."

Dass er einmal in Anzug und Krawatte als Zugbegleiter tätig ist - daran konnte er vor zehn Jahren nicht denken. Nach der Matura in Nepals Hauptstadt Kathmandu wollte er zum Studieren ins Ausland. Im Gegensatz zu einigen Freunden, die es in die USA oder nach England zog, reizte ihn mit Deutsch eine zusätzliche Sprache und in Österreich die Bergwelt. Er flog allein nach Wien - sein Plan war Innsbruck, aber er hatte einen Bekannten in Salzburg. "Ich hatte kein Handy, konnte die Sprache nicht, habe so auf meiner ersten Fahrt mit den ÖBB mit Händen und Füßen mit den Leuten kommuniziert, um zu einem Telefongespräch zu kommen", sagt Shah im Rückblick und lacht. "Ich bin in einer anderen Welt gelandet, alles war perfekt."

Er büffelte Deutsch, startete ein Informatikstudium, verdiente Geld als Rezeptionist. Mit der Zeit wurde ihm die Kombination Arbeit/Studium aber zu viel, er brach die Ausbildung ab. Vor knapp zwei Jahren wurde er online auf ein Stelleninserat der ÖBB aufmerksam. "Ich bin gern in Bewegung", dachte er in Anspielung auf einen Slogan der Bahn und schickte eine Bewerbung los. Mittlerweile ist seine Dienststelle seit eineinhalb Jahren in Saalfelden, wo er in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof mit Frau und Tochter wohnt. "Ich bin in Nepal am Land aufgewachsen, wollte auch von der Stadt Salzburg aus lieber aufs Land. Hier in Saalfelden ist es sehr schön."

Er habe sich schon auf Skiern am Hinterreit versucht ("Es ist schwierig, aber ich will es lernen"), habe beim ersten Mal Langlaufen zehn Kilometer klassisch abgespult, liebe das Radfahren, gehe gern auf die Berge - auf die Steinalm, den Biberg oder die Wiechenthaler Hütte. Auf Letzterer arbeitet seit viel Jahren der nepalesische Sherpa Lakpa "Lucky" Thering. "Mit ihm habe ich schon Bekanntschaft gemacht" - ansonsten seien kaum Landsleute in der Region vertreten. "Aber ich habe schon viele freundliche Pinzgauer kennengelernt."

Sushil Shah ist ein wertvolles Puzzleteil eines großen Generationenwechsels, der den ÖBB bevorsteht. Pressesprecher Robert Mosser sagt: "In den nächsten Jahren gehen österreichweit insgesamt 10.000 Mitarbeiter in Pension. Wir bereiten uns früh genug darauf vor."

Aufgerufen am 10.12.2018 um 12:28 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/ein-nepalese-begleitet-die-bahn-bei-uns-gibt-s-gar-keine-62142043

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