Chronik

"Fabienne": "Gewitter haben den Sturm abgeschwächt"

Meteorologe Josef Haslhofer erklärt im SN-Interview, warum das Sturmtief "Fabienne" in Salzburg vergleichsweise geringe Schäden angerichtet hat , wie Herbststürme generell entstehen und warum es einen Unterschied macht, ob ein Sturm bei Sonnenschein oder bei Regenwetter auftritt.

Josef Haslhofer (ZAMG Salzburg): „Der Laie geht davon aus, dass eine Wetterberechnung immer perfekt sein muss.“ SN/berthold schmid
Josef Haslhofer (ZAMG Salzburg): „Der Laie geht davon aus, dass eine Wetterberechnung immer perfekt sein muss.“

Josef Haslhofer (54) ist seit 1994 Mitarbeiter der Zentralanstalt für Meteorologie in Salzburg-Nonnal und hat den Sturm "Fabienne" beobachtet.

Warum hat das Sturmtief "Fabienne" trotz vieler Warnungen im Vorfeld am Montag in Salzburg vergleichsweise wenige Schäden angerichtet?
Es war einfach so, dass der Wind nicht die erwarteten 80 bis 110 km/h erreicht hat. Die höchste gemessene Windspitze waren 92 km/h in Abtenau rund um Mitternacht. Und in Maria Alm waren es 81 km/h auch kurz vor Mitternacht. Alle anderen etwa 30 Messstationen im Bundesland meldeten Werte unter 80 km/h. Und bei diesen Geschwindigkeiten passiert dann üblicherweise nicht mehr viel. Aber über Bayern ist die Kaltfront, die gestern den Sturm gebracht hat, als sehr markante Linie hereingekommen. Nur: Knapp, bevor sie Österreich erreicht hat, haben sich vor der Kaltfront einige Gewitterzellen gebildet, die schon einige Energie aus der Front herausgenommen haben. Das hat den Sturm abgeschwächt. Der Regen hat sich dann zwar auf Salzburg ausgebreitet: Es hat ordentlich geschüttet, der Wind ist aber schwächer ausgefallen, als zuvor in den Modellen berechnet.

Haben sich die Meteorologen vielleicht auch verschätzt oder verrechnet?

Das ist schwierig zu sagen. Der Laie geht davon aus, dass eine Wetterberechnung immer perfekt sein muss. Der Meteorologe weiß aber, dass da immer auch Unsicherheiten drinnen sind. Gerade so großräumige markante Ereignisse wie diese Kaltfront lassen sich normalerweise gut berechnen, weil sie sehr groß sind und eine lange Lebensdauer haben. Es gibt aber auch das Phänomen der lokalen Einflüsse: Denn gerade wenn solche Fronten auf die Alpen treffen, kann es zum Beispiel lokale Wellenbildungen geben, die das Wettersystem lokal verändern. Und dann sind die Auswirkungen eben anders.

Wie schwierig ist es vorauszusagen, ob ein Sturm großen oder nur kleinen Schaden anrichtet bzw. welche Windgeschwindigkeiten am Ende wo konkret erreicht werden?
Beim Sturm hängt es vor allem davon ab, zu welcher Tageszeit er auftritt. So wie am Sonntag, als er zu Mitternacht die Spitze erreicht hat, sind die Auswirkungen für die Bewohner generell sicher geringer als wenn es Montag zum Frühverkehr gewesen wäre - wenn alle Leute draußen zur Arbeit unterwegs sind und die Schüler zur Schule müssen. Da gibt es naturgemäß mehr Schadensfälle als um Mitternacht, wo fast alle im Bett liegen. Wenn da eine Straße blockiert wird oder ein Ast auf eine Auto fällt, passiert vergleichsweise wenig. Denn die Menschen sind dann gefährdet, wenn sie draußen sind. Und das Schadenspotenzial hängt auch von der Windgeschwindigkeit ab. Da ist eine typische Schwelle die Marke von 100 km/h: Ab dieser Größenordnung sind die Schäden normalerweise größer. Und ab 120 km/h sind die Schäden bei Häusern oder Bäumen schon verbreiteter und treten fast in jedem Ort auf.

Wie kommt es zu diesen großen regionalen Unterschieden - in Bayern hat "Fabienne" gewütet, Salzburg hat es fast verschont?
Beim Wind ist es so, dass die Windgeschwindigkeit durch lokale Einflüsse sehr stark schwankt - wie zum Beispiel Kanalisierungen durch einzelne Berge im Gelände. Da gibt es manchmal einen Düseneffekt - oder Zonen, wo er durch Wald und Bebauung gebremst wird. Und wenn ein Wind aus Westen oder Nordwesten kommt, zischt er etwa im Alpenvorland wie im Flachgau schneller durch, während er weiter im Süden Salzburgs, wo er über die Berge muss, gebremst wird. Er kann aber in bestimmten Schneisen, etwa engen Nord-Süd-Tälern, trotzdem viel Schaden anrichten. Aber in Summe sind das sehr wenige Täler. Typisch wäre das in Gemeinden von Hochfilzen bis Saalfelden und Maria Alm - wo man oft starken Nordwestwind spürt. Oder auch im Lungau, wo man den Nordföhn oft in der Schneise von Obertauern über Tweng bis Mauterndorf stark spüren kann. Dieses Mal war aber den beiden Tälern nicht sehr viel zu spüren, weil sich "Fabienne" schon davor abgeschwächt hat.

Inwieweit haben solche Sturmereignisse auch mit dem Klimawandel zu tun?
Bei den Stürmen kann man jetzt keine klare Statistik erkennen, dass sie durch den Klimawandel jetzt bei uns mehr werden. Ob aber die wenigen Stürme, die es gibt, stärker werden, lässt sich auch nicht sagen. Herbststürme gibt es fast jedes Jahr in Salzburg einige. Auch heuer wird "Fabienne" nicht der letzte gewesen sein. Der Hintergrund ist, dass in der Arktis die Luft schon sehr kalt ist - während sie in mittleren Breiten wie in Spanien noch sehr warm ist. Und diese großen Temperaturgegensätze, die generell im Herbst auftreten, verursachen dann diese Stürme.

Wie hat sich die Arbeit der Meteorologen in den vergangenen Jahren durch den Klimawandel verändert? Ist das Wetter jetzt eher schwieriger oder eher einfacher vorauszusagen als früher?
In der Kurzfrist-Vorhersage hat sich für uns da nicht viel Neues gegeben. Unwetter und Gewitter haben sich ja nicht geändert. Es gibt zwar jetzt mehr sommerliche Tage. Wenn man als typischer Meteorologe die nächsten sieben Tage berechnet, gibt es wenige Änderungen. Aber für Klimatologen bedeutet der Klimawandel schon mehr Arbeit - weil es neue Phänomene gibt, wie etwa die Gletscherschmelze in Salzburg.


Aufgerufen am 25.07.2021 um 11:59 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/fabienne-gewitter-haben-den-sturm-abgeschwaecht-40469614

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