Chronik

"Fall David": Zwei Ärzte nach Tod von Kleinkind im LKH suspendiert - Klinik entschuldigt sich

Mehr als ein Jahr nach dem Tod eines 17 Monate alten Buben nach einer minimalen Operation haben nun die Salzburger Landeskliniken zwei behandelnde Ärzte zur Gänze vom Dienst suspendiert und die Haftung für das tragische Ereignis anerkannt. Jetzt entschuldigt sich die Klinik auch bei den Eltern.

Zwei Ärzte wurden nun suspendiert. SN/robert ratzer
Zwei Ärzte wurden nun suspendiert.

Sie ziehen damit Konsequenzen, nachdem ein zweites unabhängiges Gutachten zum "Fall David" vorliegt, teilten die Kliniken am Donnerstag mit. Der kleine David war am 16. April 2018 daheim über ein Sofa gestürzt, woraufhin ein Muttermal an der Wange zu bluten begann. Aus Vorsicht, dass es zu keiner Infektion kommt, brachten die Eltern das Kind damals gleich ins Spital. Obwohl der Bub nicht nüchtern war - er hatte zuvor etwas gegessen -, wurde ein sofortiger Eingriff unter Narkose vorgenommen. Kurz nach Beendigung der Operation hat der Bub Erbrochenes eingeatmet. Elf Tage nach den Komplikationen ist er im Krankenhaus gestorben.

Gutachter: Operation war nicht so dringlich

Ein kinderchirurgischer Gerichtsgutachter kam zu dem Ergebnis, dass die Operation auch später hätte erfolgen können, und zwar dann, wenn David wieder nüchtern gewesen wäre; die Frist beträgt sechs Stunden. Zudem seien zum Zeitpunkt des Eingriffes noch nicht alle Möglichkeiten zur Blutstillung ausgeschöpft worden. Die Operation sei nicht so dringlich indiziert gewesen, um das Aspirationsrisiko bei einem nicht nüchternen Kind in Kauf nehmen zu müssen. Die vorliegende Blutung wäre bei einer Druckbehandlung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zum Stillstand gekommen.

Nun liegt auch ein zweites Gutachten aus dem Bereich Anästhesiologie vor, auf das die Spitalsleitung sofort reagierte. Den Inhalt dürfen die SALK nicht veröffentlichen.

"Uns ist wichtig, noch einmal zu betonen, wie sehr wir betroffen sind, dass diese Tragödie in unserem Haus passieren konnte. Wir bedauern dies zutiefst und möchten uns bei den Eltern des kleinen Jungen sowie bei allen Betroffenen für das entstandene Leid und die Fehler, die passiert sind, entschuldigen", sagte der ärztliche Direktor der Salzburger Landeskliniken, Jürgen Koehler, in einer Aussendung. Nach der Suspendierung der beiden Ärzte werden weitere dienstrechtliche Konsequenzen geprüft. Zudem haben die SALK nun mit Zustimmung der Versicherung die Haftung anerkannt, sodass die Eltern zumindest finanziell entschädigt werden können.

Kliniken-Chef nennt zwei Gründe für Suspendierung

Kliniken-Chef Koehler erläuterte am Donnerstagnachmittag im APA-Gespräch die Gründe für die Suspendierung der beiden Ärzte: Zum einen habe es laut Gutachter keine Notwendigkeit für eine sofortige Operation des Babys gegeben, zum anderen hätte bei der Verstärkung der Narkose ein Schlauch zur künstlichen Beatmung gelegt werden müssen.

Ein Gutachter für Anästhesiologie habe nun wie zuvor schon der kinderchirurgische Sachverständige den Zeitpunkt der Operation - der Bub hatte kurz davor Nahrung zu sich genommen - als zu früh deklariert, sagte Koehler. "Er hat die Notwendigkeit der Operation zum gegebenen Zeitpunkt nicht erkannt. Und es fehlt der Beweis, dass es sich um einen relativen Notfall gehandelt hätte." Der Blutverlust durch das offene Muttermal sei nicht dokumentiert worden. Da für den Zeitpunkt des Eingriffes sowohl der Kinderchirurg als auch der Anästhesist verantwortlich seien, habe man die Suspendierung ab Donnerstag gegen beide ausgesprochen, sagte der Kliniken-Chef.

Der zweite Aspekt hänge mit der Dosierung der Narkose zusammen: Der Eingriff sei - wie durchaus üblich - mit einer relativ leichten Narkose begonnen worden, diese sei aber dann im Verlauf der Operation verstärkt worden, sodass es in Richtung Vollnarkose gegangen sei. "Wenn der Schritt einer Vertiefung der Narkose nötig ist, müssen die Atemwege gesichert werden, das heißt, es ist ein Tubus (Beatmungsschlauch, Anm.) zu legen. Das ist nicht geschehen", so Koehler weiter. Als das Kind dann erbrochen habe, sei Erbrochenes in die Atemwege gelangt. Es habe dann lange gedauert, bis man diese Situation wieder im Griff gehabt habe.

Elf Tage nach den Komplikationen ist der 17 Monate alte David im Krankenhaus gestorben.

Die bisher nicht erfolgte Entschuldigung des Spitals bei den Eltern des Kleinkindes wollte Koehler laut eigenen Angaben bereits gestern nachholen. "Ich habe auch heute drei Mal angerufen, aber bisher niemanden für eine persönlichen Entschuldigung erreicht. Auch nicht den Anwalt." Der Ärztliche Direktor erklärte, dass das Spital eine solche erst aussprechen dürfe, wenn die Versicherungen einer Haftungsanerkenntnis zustimmen, was inzwischen erfolgt sei.

Heute sei auch bereits eine Akontozahlung zur finanziellen Entschädigung an die Eltern getätigt worden, so Koehler. Wie hoch die Entschädigung ausfällt, sagte er nicht. "Wir haben Stillschweigen vereinbart und überlassen es den Eltern, ob sie den Betrag nennen möchten. Er erscheint jedenfalls angemessen."

Tragödie des kleinen David - als Konsequenz verbessern die SALK Abläufe bei Operationen

Die Salzburger Landeskliniken erstellten als Reaktion auf den Tod des kleinen David einen Katalog mit "ergänzenden Qualitätssicherungsmaßnahmen" rund um den Ablauf von Operationen.

Die Leitlinie "Monitoring" wurde überarbeitet und liegt seit März 2019 neu vor. So erfolgt die Basisüberwachung bei Operationen jetzt explizit über eine nichtinvasive Blutdruckmessung, über eine Pulsoxymetrie zur Überwachung der Sauerstoffversorgung und nun auch über ein angelegtes EKG. Bei der OP von David war etwa kein EKG angelegt.

Seit März 2019 liegt im Uniklinikum zudem ein "Sideletter Notfallkategorien" zur Einstufung der Dringlichkeit einer OP-Indikation vor. Die Entscheidung, ob ein Eingriff durchgeführt werden muss oder aufgeschoben werden kann, obliegt definitiv dem Chirurgen. Wenn sich dieser also etwa entgegen Bedenken des Anästhesisten für die OP entschließt, übernimmt er damit die ärztliche und rechtliche Verantwortung. Bedenken von Anästhesisten (oder Chirurgen) werden von diesen dokumentiert.

Seit April 2019 sind für Anästhesisten "regelhaft Schulungen in einem Simulationszentrum" vorgesehen.

Quelle: APA

Aufgerufen am 21.09.2019 um 06:53 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/fall-david-zwei-aerzte-nach-tod-von-kleinkind-im-lkh-suspendiert-klinik-entschuldigt-sich-72596920

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