Chronik

Fluglärm: So geht es den Freilassingern

Vor den Wahlen in Deutschland kocht in Freilassing der Ärger über den Fluglärm noch einmal hoch. Die SN waren einen Tag mit den Anrainervertretern unterwegs.



Gerold Oestreich hat eigentlich andere Probleme. Sein Haus in Freilassing wurde von dem Hochwasser im Juni überschwemmt. Knapp zwei Meter stand Wasser in seinem Haus. Monate später gleicht sein Erdgeschoss einem Rohbau, es stinkt nach Heizöl. "Der Fluglärm", sagt Oestreich, "Macht mir zur Zeit weniger Sorgen." Er sitzt mit seiner Schwester Bettina auf dem Balkon im ersten Stock. Bettina Oestreich ist Vorsitzende des Fluglärmschutzverbandes Rupertiwinkel. Auf dem Tisch liegen Tablet-PC und Smartphone. Damit lassen sich startenden und landenden Flieger orten.

Es ist eines der letzten großen Reisewochenenden, insgesamt gibt es an diesem Tag 64 kommerzielle Starts und Landungen. Dazu kommen noch einmal doppelt so viele private Flugbewegungen. Die meisten davon sind von dem Balkon aus zu sehen, das Haus von Gerold Oestreich liegt direkt in der Einflugschneise. "Als ich meiner Schwester erzählt habe, dass ich hier das Haus meiner Schwiegermutter ausbauen will, hat sie mich gefragt ob ich nicht ganz bei Trost bin."

Schließlich habe sich Gerold Oestreich aber mit dem Fluglärm arrangiert. Bis auf eine Sache. "Muss es wirklich sein, dass bereits um sechs Uhr morgens der erste Flieger startet?" Sein Schlafzimmer liege direkt unter dem Dach, sagt Oestreich. "Um sechs Uhr morgens werde ich immer geweckt. Und bei den Spätmaschinen, nach 22 Uhr, ist es dasselbe."

Der Fluglärm, sagt Bettina Oestreich, werde trotz sinkender Flugbewegungen immer ärger. "Es kommen immer größere und lautere Flieger zum Einsatz." Zudem sei meist nur von den kommerziellen Flugbewegungen die Rede. Über 17.000 davon hat es 2012 gegeben. "Wenn ich die Privatflüge dazurechne kommt man auf 57.000. Aber der Salzburger Flughafen tut so, als würden die Privatflüge keinen Lärm machen."

Was auf der Terrasse von Gerold Oestreich auffällt: Obwohl das Haus direkt in der Einflugschneise liegt, fliegen viele der Flieger beim Landeanflug links und rechts am Haus vorbei. "Die Anflugrouten werden gestreut", sagt Bettina Oestreich. Sei das nicht gut für Anrainer wie ihren Bruder? Nein, sagt Gerold Oestreich. "Die Flieger höre ich ja trotzdem noch." Und die Streuung der Routen führe dazu, dass das gesamte Freilassinger Gemeindegebiet den Lärm abbekäme, fügt Bettina Oestreich noch hinzu. "Starts direkt über die Freilassinger Fußgängerzone hat es früher nicht gegeben."

Um diesen Punkt zu verdeutlichen fahren wir zu ihrem Wohnhaus. Es liegt in Neu-Hofham, dem "Anif Freilassings", wie Oestreich erklärt. Vor dem Haus kommt ihr eine ältere Frau mit Rollator entgegen. Eleonore Huber ist eine Nachbarin. Sie beginnt aufgeregt zu erzählen: "Frau Oestreich, stellen Sie sich vor, gestern waren zwei Journalisten da." Sie hätten sich ein Bild vom Fluglärm machen wollen. "Glauben Sie, da wäre einer geflogen?" Heute ist das anders. Direkt über dem Haus von Bettina Oestreich startet eine große Charter-Maschine. "Ich wohne seit 48 Jahren hier", sagt Eleonore Huber. "Und früher sind die Flieger hier nie geflogen."

Schließlich steht noch ein Spaziergang durch die Fußgängerzone auf dem Programm. Wie bestellt donnert auch jetzt eine weitere große Chartermaschine direkt über die Geschäftszeile. Die meisten Freilassinger nehmen davon aber kaum Notiz: Es ist der große Wochenmarkt, die Leute sind in den Einkaufstrubel vertieft. Wir halten schließlich bei einem Stand der wahlwerbenden "Freien Wähler".

Hier wird bereits eifrig mit einem CSU-Parteimitglied diskutiert. Thema ist auch der Auftritt von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer vor ein paar Tagen und seine "Durchführungsverordnung".

Die solle regeln, in welcher Höhe die Flugzeuge in Zukunft starten und Landen dürfen. Eigentlich hätten ja die Freien Wähler eine solche Verordnung angeregt, sagt Landtagsabgeordnete Eva Gottstein. Bettina Oestreich steht bei den Freien Wählern ebenfalls auf der Liste. Als Kandidatin für den Freilassinger Stadtrat. Vergleiche mit ihrer Salzburger Kollegin Astrid Rössler, die von der Anrainersprecherin zum Regierungsmitglied avancierte, will Bettina Oestreich aber nicht hören. "Mir geht es nur um den Fluglärm."

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