Chronik

Frauenhaus-Leiterin: "Vom Ende bin ich enttäuscht"

Frauenhaus-Chefin Birgit Thaler-Haag muss im Juni 2021 die Schlüssel an neue Betreiber übergeben. Das Frauenressort lässt den Abgang schweigend geschehen.

Birgit Thaler-Haag über Erfolge ihrer Arbeit und den kalten Umgang in der Frauenpolitik. SN/Stefanie Schenker
Birgit Thaler-Haag über Erfolge ihrer Arbeit und den kalten Umgang in der Frauenpolitik.

Die Feministin und Juristin Birgit Thaler-Haag über Erfolge ihrer Arbeit und den kalten Umgang in der Frauenpolitik.

Frau Thaler-Haag, wie viele Frauen sind bei Ihnen gerade untergebracht?
Birgit Thaler-Haag: Wir haben derzeit zwölf Frauen und 18 Kinder im Haus. Das ist eine Auslastung von 63 Prozent.

In Zeiten des Lockdowns ist es für viele Frauen noch schwieriger, etwas zusammenzupacken, die Kinder zu schnappen und zu uns zu kommen. Die Kontrolle des Mannes ist in dieser Situation noch intensiver, weil er meistens auch zu Hause ist. Bei Gewalt an Frauen und Kindern geht es immer um Macht und Kontrolle. Dem sind sie in dieser Zeit noch mehr ausgesetzt.

Die Stadt Salzburg hatte 2019 mit 276 Wegweisungen nach Wien die meisten Betretungsverbote gegen Täter. Woran liegt das?
Das ist schwierig zu sagen. Aber wir kennen die Risikofaktoren, die die häusliche Gewalt eskalieren lassen können. Das ist jetzt sicher die verschärfte Situation beim Einkommen und beim Wohnen. Man hockt auf engem Raum zusammen, hat Angst vor der Zukunft, kann vielleicht die Miete nicht mehr zahlen oder ist arbeitslos.


Warum können gewalttätige Männer mit dem Stress, den

das Leben mit sich bringt, nicht umgehen?

Wir wissen, dass Phasen der Trennung oder Scheidung für die Frauen die gefährlichsten sind. Die Männer können damit nicht umgehen, ihre Strategien, die sie vorher angewendet haben, funktionieren nicht mehr. Dann kann es zum Äußersten kommen und der Mann sagt: Bevor du einem anderen gehörst, bring ich dich um. Da geht es sehr viel um Verlustängste. Viele Männer können eigenständige Entscheidungen der Frauen nicht respektieren. Oft geht es auch um die Schande, um die Ehre, weil eine Frau, die sich trennt, verletzt seine Ehre. Das setzt den Mann herab.


Wir reden von migrantischen Milieus mit einem sehr vormodernen, patriarchalen Familienbild?
Ja, das sind Kulturen, wo der Ehrbegriff sehr wichtig ist. Aber das gibt es auch in österreichischen Familien, wo die Männer meinen, nur sie geben den Ton an. Wenn die Frau sich dem nicht beugt, sehen sie ihre Machtstellung bedroht. Diese Männer haben eine Männlichkeitsvorstellung, dass sie dominieren müssen. Das wird dann oft zum Freibrief, dass sie auch Gewalt ausüben dürfen.

Für dieses Verhalten übernehmen sie aber keine Verantwortung. Wenn man diesen Männern keinen Einhalt gebietet, führen sie ihr Verhalten weiter fort.

Warum sind dann in den Frauenhäusern so viel mehr Betroffene aus Zuwandererfamilien?
Das ist in den Städten so. Am Land ist der Unterschied geringer. Wir hatten 2019 Frauen und Kinder mit 24 Prozent österreichischer Staatsbürgerschaft. Die Jahre vorher waren es um die 17 Prozent. Daraus darf man aber nicht schließen, dass es in migrantischen Familien so viel mehr Gewalt gibt. Migrantinnen haben oft ein wesentlich schlechteres soziales Netz. Die Österreicherinnen haben Verwandte, wo sie hinkönnen, die können sich eher mal trennen und in eigene Wohnungen ziehen. Bei den Betretungsverboten ist der Anteil der Gefährder mit Migrationshintergrund nicht besonders erhöht.


Wir haben gerade die Kampagne 16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Was ist zu verbessern?
Österreich hat die unrühmliche Rolle, europaweit bei den Frauenmorden zu führen. Obwohl wir Vorreiter waren bei der Einführung der Gewaltschutzgesetze.

Ab Juli 2021 soll eine verpflichtende Täterberatung kommen. Nach einem Betretungsverbot müssen die Weggewiesenen sich beim Gewaltpräventionszentrum melden, wo sie drei bis fünf Stunden Beratung in Anspruch nehmen müssen. Das ist grundsätzlich gut, weil die Männer mit ihrer Tat konfrontiert werden. Dass sie dann geläutert sind, ist natürlich eine Illusion. Bewährte Täterprogramme wie in Wien dauern sechs bis neun Monate.


In Salzburg bekommen die Frauenhäuser nach einer Ausschreibung neue Betreiber. Wie läuft die Übergabe?
Wir wissen nichts. Wir wissen nur, dass die Frauenhäuser Salzburg und Hallein nur mehr bis 30. Juni 2021 Fördergelder bekommen. Dann müssen wir unsere Geschäftstätigkeit einstellen. Alles andere ist völlig unklar.


Gibt es keine Gespräche mit Landesrätin Andrea Klambauer?
Nein. Seit Ende Februar hat es kein Gespräch mit der Landesrätin gegeben und auch nicht mit dem zuständigen Frauenreferat bezüglich Abwicklung. Immerhin stehen Kündigungen von 30 langjährigen Mitarbeiterinnen an. Das sind auch menschliche Schicksale. Aber auch das interessiert niemanden. Wir haben im September über die Liquidation der Frauenhaus-GmbH informiert. Bis jetzt ist niemand auf uns zugekommen, wie das jetzt weitergeht. Es gibt keine Wertschätzung.


Sind Sie persönlich enttäuscht?
Ja, schon. Ich denke, dass wir eine gute Arbeit geleistet haben und eine persönliche Wertschätzung verdienen. Ich bin auch in bundesweiten Gremien vertreten. Wir haben den Opferschutz weiterentwickelt, wir haben wichtige Impulse für das zweite und dritte Gewaltschutzgesetz geliefert. Wir haben in Salzburg ein gutes Netzwerk zwischen den Behörden und den Beratungsstellen geschaffen. Und es sind die Frauen selbst. Wir haben seit 1989 fast 4000 Frauen und Kinder betreut. Anfangs sehen sie überhaupt keine Perspektiven, sind völlig am Boden. Nach kurzer Zeit entwickeln sie wieder Pläne für die Zukunft. 75 bis 80 Prozent schaffen es, sich vom Gewalttäter zu trennen. Und manchmal trifft man sie später auf der Straße und den Frauen geht es gut und sie sind in einer neuen, glücklichen Beziehung. Das treibt einen an, das sind die Erfolge in dieser Arbeit.


Aufgerufen am 16.01.2021 um 10:45 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/frauenhaus-leiterin-vom-ende-bin-ich-enttaeuscht-96554311

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