Chronik

Gewerbegebiete: Hilft neues Gesetz gegen die Verschandelung?

Der Befund von ZiB-Moderator und Buchautor Tarek Leitner über die Gewerbegebiete im Flachgau ist wenig schmeichelhaft.

ORF-Journalist Tarek Leitner hat als Buchautor Partei gegen Landschaftsverschandelung und flächenfressende Gewerbegebiete ergriffen. Bei einer Fahrt mit den SN durch den Flachgau erläutert er seine Kritik.

Der Streifzug beginnt im Fachmarktzentrum hinter dem ehemaligen Airportcenter in Wals-Himmelreich. Was Leitner besonders negativ auffällt, ist das Gebäude eines Lebensmittel-Diskonters, der darüber noch Fitnesscenter, Erotikmarkt und Low-Budget-Hotel beherbergt: "Das ist ein klassischer Nicht-Ort. Hier geht niemand her, um hier sein zu wollen, sondern nur, weil der Diskonter ein tolles Angebot hat oder die Monatsrate beim Fitnesscenter passt." Dass die Fassade durch Plakate teils zugehängt sei, zeige, dass es viel wichtiger sei, was angeboten werde, als wie das Haus aussehe. Aber warum wird so ein Bau genehmigt? Leitner: "Weil es eine Ökonomisierung all unserer Lebensbereiche gibt." So zu bauen, sei die güns tigste Art, viel Verkaufsfläche zu schaffen. Die Folge sei "eine Achtlosigkeit gegenüber der Ressource Grund und Boden und gegenüber der ästhetischen Anmutung der Landschaft".

Die Reaktion des Walser Bürgermeisters Joachim Maislinger (ÖVP): "Das ist vor meiner Zeit genehmigt worden. In Summe ist es ein geschlossenes Fachmarktzentrum. Die Gewerbegebiete in Eugendorf und Lamprechtshausen sind viel schlimmer." Im Übrigen sei er dahinter, Handelsbetrieben weniger flächenverbrauchende Bauten vorzuschreiben.

Wir fahren weiter - auf die Autobahn Richtung Eugendorf. Noch vor dem Lieferinger Tunnel stechen Leitner die diversen Stelen ins Auge - rechts jene eines Einkaufszentrums, links jene eines Baumarkts: "Da sieht man, wie der Kommerz die ganze Landschaft prägt. Wir richten uns als Gesellschaft über Kilometer hinweg aus, was wir an einem Punkt kaufen können. So, als ob wir verhungern würden, wenn nicht schon aus zehn Kilometern das große, gelbe ,M' (für McDonald's, Anm.) sichtbar wird." Geht es nach Leitner, sollten Stelen und Logos nicht höher als das jeweilige Gebäude sein dürfen. "Logo-Schriftzüge, die in der Landschaft herumstehen, sind eine Verschandelung."

Genehmigt haben die meisten Gewerbe- und Fachmarktzentren Bürgermeister, die Baubehörde erster Instanz sind. Sollte man diese Kompetenz zu den Bezirkshauptmannschaften (BH) verlagern? Leitner wäre dafür, "weil viele Bürgermeister in einen Interessenkonflikt kommen", da es Druck von Leuten gebe, die sie persönlich kennen würden. "Und es gibt Druck von ökonomisch potenten Investoren, die der Gemeinde Sponsoring anbieten."

Wir erreichen Eugendorf, dessen Ortsteil Kalham seit Jahren optisch von zwei Möbelhäusern samt den Geschäften rundherum geprägt ist. Leitner entdeckt dahinter den Park mit Fertigteilhäusern und philosophiert: "Was wir hier sehen, sind Eigenschaften, die wir in unserer Lebensumgebung suchen und an den Musterhäusern zu finden glauben: Das ist ein bisschen die Welt, wie sie uns gefällt. Da bleibt das Auge hängen." Die Realität sei oft eine andere - nämlich jene der Fachmarktzentren, die Ende des Hügels folgen: "Das ist gebaute Wirklichkeit, wie sie passiert und wie wir sie alle nicht wollen, weil sie niemandem gefällt." Der achtlose Flächenverbrauch sei hier besonders deutlich sichtbar.

Eine Nachfrage beim Eugendorfer Bgm. Hans Strasser (ÖVP) ergibt aber, dass er "Zweckbauten" viel abgewinnen kann (siehe Interview rechts).

Wir drehen eine Runde durch das schmucke Eugendorfer Zen trum und fahren weiter nach Obertrum: Dort gibt es rund um die drei Kreisverkehre ein Sammelsurium an Lebensmittel- und Fachmärkten, Gastronomiebetrieben etc. Leitner sieht aber auch Positives: "Der Ortskern um die Brauerei ist wunderschön. Aber damit rechnet man nicht mehr, wenn man minutenlang durch völlig anders gestaltete Ortsteile fährt."

Wie würde Leitner Gewerbegebiete, die ja viele Jobs schaffen, bauen? "Es beginnt damit, Gewerbe- und Einzelhandelsflächen räumlich zu trennen." Weiters verweist er auf gemeindeübergreifende Lösungen, mehrstöckiges Bauen ("warum nicht wohnen über dem Supermarkt?") und andere Wohnbauformen: "Je kompakter Siedlungen sind, umso weniger Verkehrsinfrastruktur brauchen wir dazwischen." Ein Ansatz wäre die "Anbindepflicht" wie in Bayern: "Die ermöglicht nur dann einen neuen Wohn- oder Gewerbebau, wenn es da so einen bereits gibt."

Bei LH-Stv. Astrid Rössler (Grüne) rennt Leitner offene Türen ein. Sie betont, dass es als Folge des neuen Raumordnungsgesetzes (ROG) künftig keine neuen Handelsgroßbetriebe an der Peripherie mehr geben werde. "Weiters darf bei Geschäften nur mehr die Mindestzahl an Parkplätzen oberirdisch gebaut werden." Außerdem könne man die Verkaufsflächen für Haushaltsartikel in Möbelmärkten limitieren, um so Geschäfte in den Zen tren zu helfen. Rössler verhehlt auch nicht, dass sie gerne mehr Gestaltungsbeiräte wie in Mattsee hätte, um unästhetisches Bauen zu verhindern: "Es gibt objektivierbare Kriterien, was störend wirkt - etwa eine fehlende Abstimmung bei Architektur, Farb- und Formensprache oder Materialien. Und Ödflächen dazwischen. Man kann das Wort scheußlich also objektivieren. "

Der Obertrumer Bgm. Simon Wallner (ÖVP) räumt ein, "dass man sich heute sicher mehr bemühen muss, Flächenverbrauch zu reduzieren". Bei Gewerbegebieten seien Fehler gemacht worden. Er habe daraus gelernt: "Seit ich Bürgermeister bin, wird bei größeren Bauprojekten der Gestaltungsbeirat der BH angerufen. Und Gewerbebauten werden von der BH genehmigt. Das haben wir freiwillig delegiert."



Aufgerufen am 17.11.2018 um 12:26 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/gewerbegebiete-hilft-neues-gesetz-gegen-die-verschandelung-485203

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