Chronik

Hotelier Georg Imlauer: "Im Blindflug unterwegs"

Die Hotellerie kämpft gegen Corona. Auch Gastronom Georg Imlauer sagt: "Ich war eine Zeit lang nicht mehr Kapitän."

Säen und ernten. Wie unmittelbar beides zusammenhängt, hat Georg Imlauer schon als Bauernkind im Pinzgau gelernt. Heute nennt der Selfmade-Man sechs Hotels sein Eigen und erwehrt sich seiner bisher größten Krise.

Redaktion: In der Stadthotellerie wird es keinen Winter geben. Wenn wir Glück haben, haben wir zu Weihnachten und Silvester ein paar Buchungen. Ganz schwierig werden Jänner, Februar und März - da wird nichts los sein. Die Landhotellerie haben wir noch nicht aufgegeben. Da hoffen wir, dass es ab Mitte Dezember funktionieren kann.

Sie haben nach dem ersten Lockdown gesagt, Sie möchten Ihre Mitarbeiter halten. Schlafen Sie noch gut?
Nein. Das muss man ehrlich sagen. Der erste Lockdown hieß Game over. Wir haben noch nie zuvor alle unsere Betriebe geschlossen. In meinem Berufsleben war das eine der wenigen Situationen, wo wir etwas entschieden haben, dessen Tragweite ich nicht abschätzen konnte. Ich war nicht Kapitän, sondern Passagier. So im Blindflug unterwegs zu sein, bin ich nicht gewohnt. Das war extrem schwer für mich.

Jetzt trifft es uns zum zweiten Mal, obwohl wir uns an alle Regelungen gehalten haben, das ist schon schwer zu begreifen.

Löhne und Lohnabgaben für knapp 300 Leute betragen gleich einmal eine knappe Million Euro. Wenn es die Stundungen, die Kurzarbeit, in weiterer Folge den Fixkostenzuschuss und den Überbrückungskredit nicht gegeben hätte, hätten wir das vielleicht nicht überstanden. Aktuell haben wir noch 260 Mitarbeiter. Wir kündigen niemanden. Entweder die Leute arbeiten voll weiter oder sie gehen in Kurzarbeit.


Sehen Sie sich selbst eher als Hotelier oder Gastronom?
Beides. Ich komme ja aus der Gastronomie, habe eine Lehre gemacht und die mit Meisterbrief beendet. Ich bin einer der wenigen Serviermeister Österreichs. Von daher komme ich klar aus der Gastronomie. Aber die Hotel-Leidenschaft war auch immer da. Als junger Mann hatte ich diese Sehnsucht, in tollen Hotels zu arbeiten. Die Haubengastronomie gab es so noch nicht. Die guten Restaurants waren eher in den Hotels zu finden. Auf Reisen habe ich das Negresco in Nizza, das Adlon in Berlin, den Bayerischen Hof in München besucht - auf einen Kaffee, mehr ist sich nicht ausgegangen.


Was macht ein gutes Hotel aus?
Worüber spricht man? Kaum über die Zimmer, fast immer über das Restaurant oder eine besonders gute Bar. Das war übrigens der Anlass, warum wir hier oben (Anm.: wir sitzen im Sky Restaurant des Hotel Pitter) ein Restaurant gemacht haben und keine Suiten. An den besten Platz des Hauses müssen alle hindürfen. Was macht Hotels, die nicht 08/15 sind, aus? Die besondere Dienstleistung. Da tun sich Ketten schwer, denen fehlt die Seele.


Sie haben erst kürzlich eine neue Bar eröffnet. Aufsperren, wenn andere zusperren. Welcher Typ Unternehmer muss man da sein?
Das Wort sagt es ja schon, man muss etwas unternehmen, das Beste aus der Situation machen. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Bei uns im Team dürfen die Leute sagen, wenn sie etwas anders sehen. Man befruchtet sich gegenseitig. So soll es sein.


Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht? Welche Rolle spielt Ihre Geschichte als Selfmade-Man?
Krisen haben wir schon mehrere gepackt: Tschernobyl, 09/11, die Finanzkrise und jetzt Corona - wenngleich sich die mit keiner zuvor vergleichen lässt. Ich stamme aus einer zehnköpfigen Familie. Da haben wir als Kind schon mitgekriegt: Wenn der Ernteerfolg im Sommer nicht sehr gut war, war es im Winter sehr knapp. Bei Schuhen, Gewand, aber das war für uns normal. Trotzdem: Es hat uns an nichts gefehlt. Einmal haben wir uns vor dem Zirkus bei der falschen Kasse angestellt und sind in der Tierschau gelandet. Für die Zirkusvorstellung war dann kein Geld mehr übrig.


Corona macht viele bescheidener. Auf die Wirtschaft umgelegt: Gibt es ein alternatives Konzept zu stetem Wachstum?
Gesundes Wachstum. Von den 700 Betten, die wir in Salzburg haben, haben wir nur 100 neu gebaut. Alle anderen waren schon Hotelbetten, die wir auf Schuss gebracht haben.


Wie stehen Sie zur Reduktion der Größe für neue Hotels in der Stadt von 119 auf 60 Zimmer?
Für Investoren, Spekulanten, Immobilienentwickler ist es damit nicht mehr so leicht, einen Betreiber zu finden. Unter dieser Grenze von 119 Zimmern lohnt es sich für sie nicht. Wir sind im Gegenzug zu diesen Modellen ja Investoren und Betreiber in einem - plus Sanierer. Da sieht das Rechenmodell anders aus. Ketten wollen häufig weder etwas besitzen noch bauen. Die wollen mieten oder managen und wenn es nicht läuft, ziehen sie weiter. Das ist nicht nachhaltig und unbedingt zu hinterfragen.


Gibt es in der Stadt Salzburg nicht ohnehin genug Betten?
Die Stadt Salzburg hat 15.000 Gästebetten bei 150.000 Einwohnern, Wien hat bei 1,8 Millionen Einwohnern 70.000 - 2004/05 waren es noch 40.000 - das hat sich fast verdoppelt. Ich hoffe, diese Dynamik wird sich jetzt abschwächen.


Wie lange wird es dauern, bis sich die Stadthotellerie erholt?
Sobald es Impfungen gibt und die Regierungen wieder normalen Reiseverkehr zulassen, wird sich die Erholung schnell einstellen. Aber es wird sicher zwei, drei Jahre dauern, bis wir auf das Niveau von 2018/19 zurückkommen - wenn überhaupt. Wir müssen lernen, mit weniger Geschäft auszukommen.


Welche Rolle wird Regionalität spielen?
Eine größere als heute. Wir gehen diesen Weg schon lange und setzen ihn fort, auch wenn es aufwendiger und etwas teurer ist. Unser Gemüsehändler, einer unserer ehemaligen Lehrlinge, bringt uns jeden Tag frische Erdäpfel, die schmecken halt anders als vakuumierte, begaste Kartoffeln. Wir haben auch gesehen, dass es ab einer gewissen Größe mit einzelnen Bauern nicht mehr geht. Man kann nicht sagen: Heute gibt es einen Tafelspitz und morgen keinen. Wir haben es probiert, sind aber wieder davon weggekommen. Bei österreichischer Qualität sind wir geblieben.


Was wird Corona verändern?
Wenn Corona etwas Gutes hat, dann vielleicht, dass die Leute sich darauf besinnen, was wir in dieser Region an Qualität haben - Lebensmittel, Betriebe, Natur. Man hat auch gesehen, wie stark nachgefragt heuer die Ferienregionen am Land waren. Das hat man nicht mehr geschätzt. Sonst kann ich dem Virus nichts abgewinnen. Wir werden auch nicht gestärkt daraus hervorgehen, ja schon, mit stark mehr Schulden.


Ist es für Sie denkbar, einmal ein Landhotel zu eröffnen?
Mein Ziel war ja immer, für den letzten Lebensabschnitt eine Landwirtschaft zu kaufen - das mit ein paar Zimmern zu kombinieren, aber nicht direkt am Skilift - das hat Corona in mir ausgelöst. Gastwirt und Landwirt, das war früher ja auch eins. Da schließt sich der Kreis für mich.

Zur Person

Der Bauernsohn aus Saalfelden, Jahrgang 1961, wuchs mit acht Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Er absolvierte eine Koch-/Kellner-Lehre im Gasthof
Hindenburg in Saalfelden und ließ darauf Wanderjahre nach Tirol und Deutschland folgen. Knapp ein Jahr lang fuhr er zur See.

Nach Salzburg kam Georg Imlauer, um die Meisterprüfung zu absolvieren. 1995 stieg er als Restaurantleiter ins K+K Restaurant am Waagplatz ein. 13 Jahre war er insgesamt für die Gastronomen-Familie Koller tätig, 1999 folgte er ihr als Pächter für den Stieglkeller und das Stieglbräu, das er bis heute in Pacht betreibt. Insgesamt besitzt der Stadthotelier heute vier Hotels im Salzburger Andräviertel und zwei in Wien.


Privat ist Georg Imlauer seit 32 Jahren verheiratet. Er hat zwei Kinder, Thomas (30) und Lisa (28), die beide in seinen Betrieben mitarbeiten. Außerdem ist Georg Imlauer bald dreifacher Großvater. Als geborener Pinzgauer ist Imlauer leidenschaftlicher Skifahrer. Er wandert gern, fährt Rad und golft.


Aufgerufen am 30.11.2020 um 06:18 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/hotelier-georg-imlauer-im-blindflug-unterwegs-95257294

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