Chronik

"Ich bin keine Sesselkleberin und gehe"

Petra Nocker-Schwarzenbacher tritt zurück. Im Interview spricht sie über den Grund und die derzeitigen Herausforderungen für die Branche.

Brückenwirtin Petra Nocker Schwarzenbacher SN/sw/sn archiv
Brückenwirtin Petra Nocker Schwarzenbacher

Sechs Jahre lang war Petra Nocker-Schwarzenbacher Obfrau der Bundessparte Tourismus in der Wirtschaftskammer. Mit Ende Juni hört sie auf - nicht ganz freiwillig. Wirtschaftskammer- Präsident Harald Mahrer trat an sie mit dem Wunsch heran, sein eigenes Team zu bilden, so Nocker-Schwarzenbacher. Die 55-jährige St. Johannerin, Eigentümerin und Betreiberin des Hotels Brückenwirt, im Gespräch.

Redaktion: War das ein für Sie überraschender Rücktritt?Petra Nocker-Schwarzenbacher: Es hat sich angekündigt, denn man merkt natürlich, ob man wertgeschätzt oder einfach geduldet wird. Ich bin keine Sesselkleberin und stehe dem Wunsch des Präsidenten nicht im Wege.

Gibt es bereits einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin?Es wird noch ein Nachfolger gesucht. Ich hoffe sehr, dass man jemanden aus dem Westen, bzw. aus einem tourismusintensiven Bundesland, wie eben Salzburg, Tirol oder Vorarlberg findet. Schön wäre natürlich auch eine Frau, aber das ist beim derzeitigen Mitgliederstand eher unwahrscheinlich, da es mit mir nur zwei Frauen als Mandatare gibt.

Ist es derzeit nicht eine denkbar ungünstige Zeit für einen Neustart, gerade im Bereich Tourismus?Wir erleben gerade eine sehr schwierige Zeit. Es wäre gut, jetzt jemanden zu finden, der auch gut vernetzt ist. Ich persönlich habe fast zwei Jahre gebraucht, um diese doch fordernde Aufgabe in allen Facetten zu verinnerlichen.

Derzeit straucheln viele Unternehmer und eine Interessenvertretung ist ungleich schwieriger; Auskünfte erfordern gutes Detailwissen.

Wie steht es um die heimische Tourismusbranche?Die Situation der Hotellerie und des Gastgewerbes ist mit wenigen Ausnahmen derzeit ein Verlustgeschäft, obwohl viele bereits wieder geöffnet haben.

Viele Unternehmer haben Ängste und Bedenken, was die nächsten Monate anbelangt. Ob sie etwa ihre Kosten mit dem großen Aufwand des Aufsperrens auch in den Griff bekommen können? Es gibt für Mitarbeiter Stehzeiten und selbst gut aufgestellte Betriebe kommen gegenwärtig ins Straucheln. Wir sind im Moment in einer Phase, wo zahlreiche Betriebe, die eigentlich gut laufen, in eine Abwärtsspirale geraten. Für viele Betriebe gibt es einen Rucksack mit hohen Schulden abzuarbeiten.

Haben Sie für die kommende Saison eine Prognose?Es existiert derzeit wenig Freiraum für Investitionen, das merken auch der Handel und alle, die mit dem Tourismus in Verbindung stehen. Die Einheimischen werden nicht alles aufholen können. Die Frage ist auch, wie sich das Reise- und Urlaubsverhalten wirklich entwickeln wird, da kurzfristig gebucht wird. Für einzelne Regionen wird es schwierig.

Wir gehen davon aus, dass der Sommer eine Auslastung von 30 bis 50 Prozent bringt. Für den Winter gibt es Berechnungen, die einen 20 bis 40 Prozent Verlust prognostizieren. Dazu wird es Jahre dauern, um die Schulden abzubauen - und einige Betriebe werden nicht überleben.

Wie geht es Ihnen jetzt persönlich mit diesem abrupten Ende? Worauf sind Sie rückblickend stolz bzw. was war Ihr größter Erfolg? Haben Sie auch Bedenken für die Zukunft der Branche?Es war eine großartige Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich bekomme noch immer täglich unzählige Rückmeldungen aus allen politischen Lagern. Hunderte Anrufe und Nachrichten von Menschen, die meinen Rücktritt bedauern. Ich denke, dass ich in meiner Zeit den direkten Zugang nach Wien für die Regionen gut nutzen konnte und mich auch persönlich stark eingebracht habe. Persönlich hoffe ich, dass sich die Kammer nicht von den Betrieben entfernt, denn es gilt gerade jetzt, deren praktische Interessen zu vertreten.

Stolz bin ich auf die vergangenen Regierungsverhandlungen. Ich war bei den Verhandlungen mit Bundeskanzler Kurz dabei und verstehe mich gut mit ihm. Wir konnten unsere Interessen auf ein neues Level holen und durchaus den Takt vorgeben. Das derzeitige Regierungsprogramm ist gut gelungen und es ist viel bereits umgesetzt worden, wie beispielsweise die Reduktion der Mehrwertsteuer.

Wie sieht jetzt Ihre künftige Planung aus? Werden Sie in die Lokalpolitik zurückkehren?Das weiß ich noch nicht. Gewisse Dinge muss man auch abschließen. Ich bin mit Leib und Seele Unternehmerin und werde mich jetzt verstärkt auf meinen Betrieb konzentrieren und die neu gewonnene Freizeit genießen.


Aufgerufen am 04.12.2020 um 02:47 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/ich-bin-keine-sesselkleberin-und-gehe-88915054

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