Chronik

Ihr Herz schlägt für die Kinder

Die Pflege von Kindern und Jugendlichen ist seit jeher die Berufung von Maria Haderer. Die Obfrau der mobilen Kinderkrankenpflege Salzburg steht vor allem vor der Herausforderung des Personalmangels.

Maria Haderer im moki-Büro in Grödig. SN/sw/kabö
Maria Haderer im moki-Büro in Grödig.

Maria Haderer (53) aus Salzburg-Aigen wusste schon in jungen Jahren, dass sie ihr Berufsleben Kindern und Jugendlichen widmen möchte. So entschied sie sich für die Ausbildung zur Kinderkrankenpflegerin. Bereits vor 20 Jahren war sie nebenberuflich in der mobilen Pflege tätig. Als Obfrau der mobilen Kinderkrankenpflege (Moki) kümmert sie sich mit ihren sieben Teilzeit-Mitarbeiterinnen um Menschen von der Geburt bis zur Volljährigkeit, die daheim einer Pflege bedürfen. Moki Salzburg, mit der Zentrale in Grödig, gibt es seit 2017. Damit bestehen Strukturen und Finanzierungsmöglichkeiten, aber es gibt zu wenig Personal.

Redaktion: Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?Maria Haderer: Ich habe mir diesen Beruf ausgesucht, um den Kindern, die sich in einer Ausnahmesituation befinden, eine gewisse Sicherheit zu geben, auf ihrem Weg, dass sie wieder gesund werden. Früher musste ich oft sehen, dass Kinder aus der Klinik heimgehen und dann Eltern und Kinder in dieser Situation allein gelassen worden sind.

Wo liegen die größten Herausforderungen in der mobilen Kinderkrankenpflege?
Vergangenes Jahr haben wir 4000 reine Pflegestunden bei den Kindern verbracht, ohne Wegzeit. Das hinterlässt auch Spuren. Denn je weniger Personal, umso weiter sind die Fahrtstrecken. Eine Gefahr auszubrennen, ist da. Heuer im Sommer war das für viele ein Thema. Da hatte man die Qual der Wahl: entweder mehr Anfragen absagen oder man verliert die Mitarbeiterinnen. In Vollzeit umgerechnet, arbeiten bei Moki 3,18 Personen für Stadt und Land Salzburg, im Pinzgau haben wir zwei Mitarbeiterinnen, im Pongau ist es leider unmöglich, jemanden zu finden, nicht einmal für zehn Wochenstunden.

Wie viel Nachfrage gibt es in Ihrem Bereich?Mit jedem zusätzlichen Personal ist auch die Arbeit mehr geworden. Wir konnten mehr Kinder betreuen. Jetzt muss ich Anfragen ablehnen. Das ist sehr belastend, weil man auch die Situation kennt. Zwischen 250 und 300 Familien würden Hilfe benötigen. Zur Zeit betreuen wir etwa die Hälfte. Es gäbe viele Kinder, die uns öfter oder länger brauchen könnten.

Ist der Zenit des eklatanten Pflegepersonalmangels schon erreicht?
Das glaube ich nicht. Damit verbunden ist ja auch die fehlende Ausbildungsmöglichkeit. Bereits 2019 haben Moki Österreich und alle übrigen Kinder-Hauskrankenpflegevereine an die Landesregierungen und Nationalratsabgeordneten eine Aussendung geschickt zum Thema Ausbildung. Dann kam die Übergangsregierung, dann Corona. Die Situation hat sich verschärft.

Sie haben lange Jahre in der Krankenpflegeschule unterrichtet. Was halten Sie von der Reform der Krankenpflegeausbildung und der Umstellung auf ein Bachelorstudium?
Grundsätzlich befürworte ich das, weil Pflegepersonen immer ausgegrenzt wurden. Wir durften oft nicht mitreden, weil wir keine akademische Ausbildung hatten. Ich habe selbst ein Soziologie-Studium gemacht, weil mich dieser Umstand geärgert hat. Wenn man sich dann in der Diskussion auf gleichwertiger Ebene bewegt, finde ich diese Entwicklung gut. Leider ist das nicht so geglückt.

Inwiefern?
Die an der FH ausgebildeten Bachelor-Absolventen, die nach wie vor die Berufsbezeichnung Diplomiertes Gesundheits- und Krankenpflegepersonal tragen, setzt man nun für Managementaufgaben ein. Diese kommen mit sehr viel Selbstbewusstsein. Die Pflegefachassistenten jedoch sind am Patienten und wesentlich geringer ausgebildet. Die einen hat man gehypt, die anderen wurden niedergedrückt. Die neuen Diplomierten sind mit weniger Vorwissen in eine wesentlich kürzere Ausbildung eingestiegen. Das schafft viel Unzufriedenheit. Es gibt keinen gleichwertigen Einsatz. Da ist eine riesige Lücke aufgegangen. Jetzt gibt es den Ruf nach Lehre.

Was halten Sie von einer Lehre in diesem Bereich?
Wenn man sich vorstellt, dass ein junger Mensch mit 15 Jahren in so eine dreijährige Lehre eintritt, dann kann man davon ausgehen, wie lange er diesen Beruf ausüben wird. Er ist mit 18 Jahren ausgebeutet, man kann einem Jugendlichen so einen Beruf nicht aufbürden.

Welche Möglichkeiten gibt es sonst noch?
Früher hat es Sonderausbildungen für diplomiertes Pflegepersonal gegeben, zwischen zwei und vier Semestern, auch für die Kinder- und Jugendpflege. Jetzt gibt es Pflegefachassistenten und Bachelor-Absolventen, das war's. In Salzburg gibt es seit drei Jahren keine Ausbildung mehr für Kinder- und Jugendpflege, weil kein Kurs mehr stattgefunden hat. Vor drei Jahren wurden die letzten Teilnehmerinnen fertig.

Welche Kinder werden von Moki besucht? Es sind akut kranke Kinder, die wir nach einem Spitalsaufenthalt versorgen, oder auch nach Operationen. Viele Kinder sind chronisch krank oder behindert. Vergangenes Jahr haben wir 138 Kinder betreut, davon 109 Frühgeborene in der Nachsorge.

Wie lange dauert so eine Betreuung?
Es gibt Kinder, die wir bereits das vierte Jahr begleiten. Dann haben wir aber wieder jene, für die wir nur nur ein paar Wochen da sind.

Wo holen Sie sich die Kraft?Ich kann gut abschalten. Ich gehe in die Natur, finde Ausgleich in Kunst, Kultur und Musik. Zum Lesen komme ich zur Zeit leider wenig. Ich habe gelernt, meine Batterien wieder aufzutanken. Das ist ein Prozess, den man erst im Laufe des Berufslebens lernt.

Wie können Sie Familien mit kranken Kindern unterstützen?Ich sage ihnen, es ist ein anderer Lebensweg geworden, wie geplant, aber es kann auch ein guter werden. Ich versuche ihnen zu vermitteln, anzunehmen, dass er anders ist. Da kann man sie begleiten. Da geht es um Lebensqualität und eine andere Art von Zufriedenheit.

Was ist bei Kinderpflege zu beachten?

Kinderpflege steht ganz konträr zur Altenpflege. So kenne ich mich zum Beispiel mit Alterserkrankungen oder Demenz überhaupt nicht aus. Auch beim Umgang mit Kindern gibt es große Unterschiede: Einem Säugling eine Magensonde zu legen, ist ganz was anderes als einem Erwachsenen. Ein Baby erlebt eine Überraschung, ein Kleinkind wird es als Gewaltakt einordnen, ein Schulkind wird eventuell mitarbeiten und ein Erwachsener wird sich zusammenreißen.

Gehört Mut zu Ihrer Aufgabe?Ja. Wir brauchen auch das Gefühl, es schaffen zu können. Daheim haben wir keine Notsituation wie in der Klinik. Alles muss so stabil sein, dass Eltern mit den Kindern allein sein können. Es sind viele Entscheidungen zu treffen. Unsere Verantwortung ist groß, dazu gehört viel Mut. Viele Kolleginnen haben Wissen und Kompetenz, aber nicht den Mut.

Welche Fälle gehen Ihnen am meisten zu Herzen?Wenn Kinder leiden müssen. Wenn sie so schwer krank sind, dass sie kaum Luft bekommen, nur ihre Ruhe haben möchten. Es sind oft Kinder, die palliativ betreut sind. Oder Kinder, bei denen der Allgemeinzustand immer schlechter wird. Da kann man nur sagen, man gibt eine gute Lebensqualität, gibt ihnen ein Lächeln. Und Eltern, die nur im Hamsterrad rennen, das ist auch schwer mitanzusehen.

Oft sind die Eltern mit der Situation überfordert?
Sie sind oft verzweifelt, weil es aufgrund des Pflegekräftemangels keine Möglichkeit auf Unterstützung gibt.

Welchen Wunsch haben Sie zum Schluss?
Momentan wünsche ich mir, dass wieder regelmäßig und ausreichend in der Spezialisierung Kinder- und Jugendpflege ausgebildet wird. Diese Ausbildung ist eine Höherqualifizierung nach dem Bachelorstudium. Dadurch gewinnt man auch diejenigen jungen Menschen, die beruflich mit Kindern arbeiten wollen und verliert sie nicht an andere Berufe. Kurzfristig würde eine Weiterbildung in der mobilen Kinderkrankenpflege Abhilfe schaffen können, damit man die abfangen kann, die keinen Mut haben. Die öffentliche Hand muss die Ausbildungskosten übernehmen, denn uns als Träger ist es finanziell nicht möglich, dafür und für das Gehalt aufzukommen. Es gibt kaum diplomiertes Personal, das sich die Höherqualifizierung als Selbstzahler leisten kann und will.

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