Chronik

In der Pflege tun sich zwei Welten auf

Der Markt braucht Pflegekräfte. Trotzdem sinkt die Zahl der Caritas-Schüler in Aigen bedenklich. Ein Grund dafür ist, dass die erworbenen Fähigkeiten nicht honoriert werden. Anwärtern fürs Spital geht es ungleich besser.

Direktor Franz Promberger vor dem Schwarzen Brett in seiner Schule. Seine Absolventen können sich den Job aussuchen – doch die Zahl der Schüler sinkt. SN/sw/vips
Direktor Franz Promberger vor dem Schwarzen Brett in seiner Schule. Seine Absolventen können sich den Job aussuchen – doch die Zahl der Schüler sinkt.

Bereits vor drei Jahren hatte Franz Promberger ein ernstes Gespräch mit dem für Pflege zuständigen Landesrat Heinrich Schellhorn (Grüne). "Ich habe ihm gesagt: In drei Jahren werden Sie hier nur mehr die Hälfte an Händen schütteln", erinnert sich der Direktor der Caritas-Schule.

Seine Prognose ist eingetreten. Vergab die Schule 2017 noch 224 Berufsberechtigungen, so werden 2019 nur mehr 134 Schüler abschließen. Vor zwei Jahren begann sich die Zahl der neuen Schüler zu halbieren. Die geburtenschwachen Jahrgänge sind nur eine Erklärung. An der Caritas-Schule werden in einer zweijährigen Grundstufe Pflegeassistenten ausgebildet. Wer noch ein Jahr anhängt, wird Fachsozialbetreuer (wahlweise für die Alten-, Behinderten- oder Familienarbeit). Nur Letztere sind auch in sozialpsychologischer Begleitung, Demenzbegleitung und im Umgang mit suchterkrankten Älteren geschult. "Alles Herausforderungen, vor denen die Pflege heute steht", sagt Promberger, das hätte auch der Pflegegipfel der Stadt ergeben. So weit, so gut.

Eine "vergessene" Berufsgruppe

Weniger gut ist, dass das Land Salzburg - anders als Oberösterreich, das fast ausschließlich auf Fachsozialbetreuer setzt - rein die Pflegeassistentenausbildung honoriert. Die von Experten als so wichtig deklarierte Betrachtungsweise des Seniorenheims als Sozialraum, in dem neben der Pflege auch die Lebensqualität stimmen muss, ist in den meisten Fällen nichts wert. Ergo: Immer weniger machen dieses dritte Ausbildungsjahr. "Das ist eine vergessene Berufsgruppe", sagt Promberger. Warum? Es fehlt die Lobby. Alle Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik kommen aus dem klinischen Bereich, der reinen Pflege.

Überlegungen, nun die Ausbildung der Pflegefachassistenten - die mehrheitlich im klinischen Bereich unterkommen - um soziale Parameter zu ergänzen, seien gut, sagt Promberger - aber eigentlich nicht nötig: "Mit den Fachsozialbetreuerinnen gäbe es die Leute ja bereits."

Promberger fordert von der Politik die Etablierung eines Fachkräfteschlüssels für Seniorenheime. Derzeit ist das gesetzlich im Land Salzburg sehr schwammig formuliert. Es heißt lediglich, es müsse "ausreichend qualifiziertes Personal" zur Verfügung stehen. Nur ein paar wenige Heime setzen freiwillig auf die höher qualifizierten Fachsozialbetreuer. Das Diakoniewerk gehört dazu. Hier stehen zwei Drittel Fachsozialbetreuer einem Drittel Pflegeassistenten gegenüber. "Gehaltsmäßig beträgt der Unterschied zwischen Pflegeassistenz und Fachsozialbetreuer 80 Euro brutto im Monat", sagt Geschäftsführer Michael König.

Für ihn liegt die eigentliche Schwierigkeit darin, dass die Pflegemitarbeiter sehr unterschiedliche Bedingungen vorfinden, abhängig davon, ob sie sich für die Langzeitpflege oder den klinischen Bereich entscheiden. König spricht von Gehaltsunterschieden bis zu 300 Euro brutto monatlich. "Dieses Delta müssen wir schließen."

Das passt zu der Forderung der Seniorenheimträger, den Pflegeberuf zu attraktivieren. Judith Schwaighofer, zuständige Mitarbeiterin im Büro von Landesrat Schellhorn, ortet hier das größte Anliegen des jüngsten Pflegegipfels der Stadt. Die ressortzuständige Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer (SPÖ) hatte am 20. Juni dazu ins Itzlinger Seniorenheim geladen. Zweite Forderung: Den Pflegeberuf als Mangelberuf anzusehen und Fachkräfte-Stipendien einzuführen.

Träger melden Bedarf nicht korrekt ans AMS

Derzeit herrscht eine groteske Situation: In der Annahme, auf dem Markt sowieso kaum geeignete Leute zu finden, melden Träger von Seniorenheimen ihren Bedarf immer seltener ans AMS. In Folge stimmt die Statistik nicht, die Problematik wird unterspielt und das AMS ergreift keine expliziten Fördermaßnahmen, wie sonst für Mangelberufe üblich. Beim Pflegegipfel der Stadt wurden deshalb die Betreiber nachdrücklich aufgerufen, ihren tatsächlichen Bedarf ans AMS weiterzugeben. "Wir werden nicht umhinkommen, mehr Geld in die Menschen zu investieren", sagt Hagenauer. Ihr liegen erste Entwürfe eines neuen Gehaltsschemas für die 243 Pflegekräfte in städtischen Häusern vor. Nach den Personalvertretern will sie im Herbst mit der Politik darüber reden. Aktuell ist es so, dass zum Beispiel Fachsozialbetreuer in städtischen Häusern gehaltsschemenmäßig nicht extra abgebildet sind.

Pfleger im Spital: kein Schulgeld, mehr Gehalt

Für junge Leute, die in die Pflege gehen möchten, tun sich zwei Welten auf. Tendieren sie in Richtung Spital, zahlen sie während der Ausbildung kein Schulgeld, bekommen Taschengeld fürs Praktikum, Dienstkleidung, haben eine Beschäftigungsgarantie nach der Ausbildung und verdienen dann um bis zu 300 Euro brutto mehr als in der Langzeitpflege. "Das sind starke Argumente gegen die Langzeitpflege", sagt Schuldirektor Promberger.

Die dreijährigen Lehrgänge der HBLA waren bislang seine stärksten Zubringer-Schulen. Fünf pro Klasse kamen im Schnitt. Heuer gab es aus ihren Reihen keine einzige Bewerbung.

Pflege: Die Salzburger Debatte im Zeitraffer

Pflege: Private Träger sehen sich am Limit, titeln die Stadt Nachrichten am 9. Mai 2018 exklusiv. Margit Klein vom Herz-Jesu-Heim und Andreas Gruber von der Seniorenpension am Schlossberg in Parsch beklagen, dass das Land Salzburg seit über zehn Jahren keine kostendeckenden Tarife bezahlt. Ihren Häusern droht das Aus. Starke Ansage: Stünde das Herz-Jesu-Heim in Wien, gäbe es jährlich 800.000 Euro mehr Geld von öffentlicher Seite.


Lebenshilfe und Tageselternzentrum artikulieren ähnliche Probleme: Sie bekommen nicht abgegolten, was sie ihrem Personal laut Kollektivvertrag zahlen müssen. Die Initiative "Wir fair-dienen mehr" geht mit rund 250 Pflegekräften auf die Straße.

Das Land lenkt ein. Ab August steigt der Pflegetarif um 3,30 Euro pro Bewohner und Tag - in privaten wie öffentlichen Häusern. Die von der Finanznot noch stärker betroffenen Privaten begrüßen das als ersten Schritt, fordern aber mehr.

Die Stadt ist Zwitter - einerseits Betreiber von Heimen, andererseits Mitverhandler und
-zahler der Tarife. Die zuständige Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer (SPÖ) lädt am 20. Juni zu einem "Pflegegipfel".

Wie sich der Pflegemangel in der Praxis auswirkt, zeigen zwei Artikel im Salzburger Fenster (12. und 26. Juni) - ein Mann im Seniorenheim Taxham stürzt, fast 30 Minuten lang kommt keiner, um ihm aufzuhelfen. Eine Pflegerin schildert, warum keiner den Nachtdienst machen will. Hagenauer wagt am 13. Juli den Selbstversuch - eine Nacht im Seniorenheim Hellbrunn.

Chefsache. Für 23. Juli hat LH Wilfried Haslauer (ÖVP) Heimträgern den Start einer Pflegeplattform angekündigt - der Auftakt zu einer umfassenden Debatte über das Thema.

Aufgerufen am 24.09.2018 um 09:24 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/in-der-pflege-tun-sich-zwei-welten-auf-31554694

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