Chronik

Manche Angehörige unterschätzen das Virus

Nicht alle Verwandten haben Verständnis für die Besuchssperre in den Seniorenwohnhäusern.

Andrea Sigl leitet das Seniorenwohnhaus Hellbrunn.  SN/robert ratzer
Andrea Sigl leitet das Seniorenwohnhaus Hellbrunn.

Andrea Sigl leitet des städtische Seniorenwohnhaus Hellbrunn in Salzburg. Das Telefon steht derzeit kaum still, die Angehörigen haben viele Fragen.

Wie haben Sie die Angehörigen von der Besuchssperre informiert? Sigl: Ich und mein Team haben am Donnerstag alle Angehörigen der 200 Bewohnerinnen und Bewohner angerufen. Zum Teil haben wir mehrere Angehörige informiert, wir haben auch mit den gesetzlichen Erwachsenenvertretern gesprochen.

Wie fielen die Reaktionen der Verwandten aus? Viele sind sehr verständnisvoll, manche haben noch viel Erklärungsbedarf. Ihnen ist nicht bewusst, wie und vor allem wie rasch sich das Virus verbreitet. Natürlich sind die Angehörigen besorgt, vor allem jene, die täglich hier zu Besuch sind. Sie wollen ihren Angehörigen gerade in dieser Zeit beistehen. Wir nehmen ihre Sorgen ernst und sind sehr bemüht, die Senioren gut durch die nächsten Wochen zu begleiten. Es gibt aber auch Angehörige, die uneinsichtig sind.

Wie äußert sich das? Ein Angehöriger hat mit dem Anwalt gedroht. Eine Tochter hat gemeint, dass sie hier einziehen werde, weil sie ihre Mutter nicht alleinlassen möchte. Das ist aber nicht möglich. Eine Tochter hat ihre Mutter nach Hause geholt.

Angehörige befürchten, dass die Bewohner so vereinsamen. Diese Sorge ist unberechtigt. Das Personal begleitet die Senioren. Viele wollen gar keine Zusatzangebote, weil sie das überfordert. Je älter die Menschen sind, desto mehr gehen sie in die Selbstbesinnung.

Dürfen die Senioren das Haus verlassen? Selbstverständlich. Aber wenn sie hinausgehen, müssen sie ab jetzt den Schlüssel mitnehmen, denn ab 16 Uhr ist das Haus versperrt. Wir werden aber jemanden für die Glocke abstellen. Zutrittsberechtigte müssen sich über die Rufanlage melden.

Wer darf noch ins Haus? Die Friseurin, die Fußpflegerin und der Seelsorger haben Zutritt. Sie sind für die Senioren in ihrem Tagesablauf sehr wichtig. Sie haben alle eine Hygieneschulung bekommen. Der Gottesdienst wird auf Wunsch der Erzdiözese ausgesetzt. Das Café für die Bewohner bleibt offen. Auch alle Therapieangebote sind aufrecht.

Können neue Bewohner derzeit einziehen? Derzeit ist das möglich. Es stehen sechs Neuzugänge an.

Wie geht es dem Pflegepersonal im Haus? Die Situation ist für alle eine große Herausforderung, die wir aber stemmen werden. Die größte Sorge der Mitarbeiter ist, dass sie, ohne es zu wissen, Überträger des Virus sein könnten.


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