Chronik

Markovics: "Österreich macht Filme, die sonst keiner macht"

Schauspieler Karl Markovics im Gespräch auf dem "Roten Bankerl" über Inspiration, den "Oscar-Zirkus" und das mutige heimische Kino.

Im Sommer war Karl Markovics mit einer Lesung Gast bei den Kunst&Kulinarik-Festspielen auf der Burg Golling, Anfang Oktober kommt sein neuer Film „Nobadi“ in die Kinos. SN/sw/petry
Im Sommer war Karl Markovics mit einer Lesung Gast bei den Kunst&Kulinarik-Festspielen auf der Burg Golling, Anfang Oktober kommt sein neuer Film „Nobadi“ in die Kinos.

Redaktion: Ihre Filme als Regisseur beschäftigen sich meist mit großen Themen wie Gott, Schicksal, dem Sinn des Lebens. Ist das ein bewusster Themenschwerpunkt oder passiert das sozusagen einfach beim Schreiben?
Markovics: Nein, das sind die Themen, die mich selbst interessieren und mich im Leben treiben. In all meinen Filmen, auch in meinem jüngsten, "Nobadi", geht es immer um, in Anführungszeichen, sehr "einfache Milieus", "einfache Menschen". Menschen am Rande der Gesellschaft, denen große Themen begegnen, die am Schritt hin zu einer großen Erkenntnis sind, und diesen Schritt möchte ich gemeinsam mit dem Zuschauer machen. Häufig sind ja Künstler, Schriftsteller, Architekten etc. die Hauptfigur in Filmen, die große Themen behandeln. Bei mir ist es das Gegenteil. Es geht immer um diese Polarität zwischen einfacher Herkunft und trotzdem dem großen Anspruch, dass das jetzt zum Beispiel die Suche nach Glaube oder Erlösung ist.

Markovics neuester Film "Nobadi" startet am 3. Oktober (Video: Thimfilm).


Schreiben Sie ein Drehbuch sehr strukturiert, mit Thema und grobem Ablauf schon im Kopf, oder schreiben Sie sozusagen einfach drauflos, lassen sich von der Geschichte und den Figuren leiten?
Eher Letzteres, ich bin nicht sehr strukturiert. Ich gehe meist von einem einzigen Menschen oder Bild aus, das mich nicht mehr loslässt und hinter das ich unbedingt schauen möchte. Das ist sozusagen wie eine künstliche Erinnerung, das Ausgraben einer Erinnerung, die ich so selbst gar nicht hatte.

Sie haben für Film und Fernsehen ebenso gearbeitet wie auf Theater- und Opernbühnen. Was sind da Gemeinsamkeiten, was sind Projekte, die sie ansprechen, als Schauspieler wie als Regisseur?
Meistens ist es ein Bauchgefühl, das ich kaum erklären kann. Aber was diese Projekte eint, ist, dass ich es so bis dahin noch nie gemacht habe. Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt kann, auch das Risiko zu scheitern besteht, aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, da ist etwas, wo ich etwas zu sagen habe, wo ich andererseits aber auch etwas erfahren kann.

Was einen also auch selbst weiterbringt?
Ja, auf welche Art auch immer. Weil Neugier, Überraschung, das sind meine Haupttriebfedern.

Müssen Sie mit Ihrem Bekanntheitsgrad überhaupt noch zu Castings gehen oder kann man sich da die Drehbücher aussuchen?
Meistens kann man sie sich aussuchen, aber hin und wieder kommt es auch zu Castings, und das ist auch überhaupt kein Thema, da bin ich mir auch nicht zu gut dafür. Auch ich als Regisseur hole einen Ofczarek, einen Hader, eine Beimpold zum Casting, weil ich das einfach im Zusammenspiel und im persönlichen Umgang in einer Arbeitssituation austesten muss, nicht weil ich das Gefühl hätte, die wären nicht gut. Wenn die nicht gut wären, würde ich sie gar nicht einladen. Es passiert viel seltener, wenn man einen gewissen Namen hat, für mich ist es aber oft eher ein Qualitätszeichen. Und bei den internationalen Sachen geht es ohne Casting sowieso nicht.

Sie haben die Akademie des österreichischen Films mitbegründet, waren auch ihr Präsident. Wie steht es aktuell um den österreichischen Film?
Das ist schwierig zu sagen. Das Besondere an der heimischen Filmlandschaft ist die enorme Vielfalt, weil sie aus Individuen besteht. Es gibt nicht DEN österreichischen Film, sondern die Seidl-Filme, die Haneke-Filme, die Barbara-Albert-Filme etc. Zudem gibt es bei uns kaum einen Genre-Film, kaum die großen Genre-Schneisen, auf die man einsteigt. Dafür ist der Markt zu klein, diese Art Kinoland wie Frankreich, England oder Amerika war Österreich nie. Wenn ich es auf einen Nenner runterbrechen muss, zeichnet österreichische Filme aus, dass hier Filme gemacht werden, die niemand anderer machen will.


Das klingt jetzt aber nicht sehr vorteilhaft.
Ich meine das gar nicht negativ-ironisch, sondern ganz ernst. Wir machen Filme, über die sich sonst niemand drübertraut, weil das Milieu zu klein oder unbedeutend scheint, das Thema zu negativ besetzt oder zu kontroversiell etc. Es ist toll, das so etwas bei uns geht, weil es eine rein öffentlich geförderte Filmlandschaft ist, es gibt keine Financiers. Das finde ich großartig, darum beneiden uns viele.

Der österreichische Film ist also mutiger als viele andere?
Mit Sicherheit. Natürlich gibt es da nach oben und unten Spitzen. Aber auch die sind relativ, weil das sind so extrem besondere Filme, dass sie auch extrem kontroversielle Ansichten beim Publikum hervorrufen - die einen sagen "Was ist das für ein Schaas?", die anderen sagen "Das ist genial". Ich finde, wenn Kino für etwas da ist, dann ist es das, diesen riesigen Gemeinschafts- und Zusammenkunftsraum zu schaffen für ganz besondere Erlebnisse. Wo ein Film vielleicht nur eine Woche auf diesem Festival läuft und dann ein oder zwei Wochen im Kino und dann ist er weg. Das ist ein Luxus, den sich kaum jemand leisten kann, deswegen gehen auch viele Kinos ein und deswegen wird auch die Förderung immer als zu wenig bemängelt. Aber ich glaube, ohne diese Krise gäbe es auch diese Filme nicht, es ist eine Wechselwirkung.

Markovics größter internationaler Erfolg und Türoöffner für weitere internationale Produktionen: das oscarprämierte Drama "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky (Video: Universum Film).

Zurück zu Ihrer persönlichen Biografie: Was hat es Ihnen gebracht, in einem oscarprämierten Film ("Die Fälscher" von 2007, Anm.) die Hauptrolle gespielt zu haben? Hat das auch Schattenseiten?
Nein, es gibt keine negativen Auswirkungen, überhaupt nicht. Was es für mich persönlich gebracht hat, ist eine sehr große Gelassenheit. Weil ich den Zirkus dort erlebt habe bei der Oscarverleihung, ich habe es erlebt und gesehen als das, was es ist: Ein riesengroßer Zirkus, unglaublich viel tolle Oberfläche, aber gleichzeitig kein Umfeld, in dem ich gut leben könnte oder möchte. Also ich weiß auch, dass mir nichts abgeht, indem ich hier in Europa meine Filme drehe, im Gegenteil: Ich könnte in Amerika unmöglich die Filme machen, die ich gern mache und erzähle.

Umgekehrt bin ich immer wieder dankbar für gelegentliche Möglichkeiten, bei größeren internationalen Produktionen mitzuspielen, wie letztes Jahr in "Resistance" mit Jesse Eisenberg, Matthias Schweighöfer und Ed Harris, der Ende Oktober in die Kinos kommt (Eisenberg spielt darin den weltberühmten Pantomimen Marcel Marceau, der sich im 2. Weltkrieg auch in der französischen Widerstandsbewegung engagierte, Anm.). Oder meine kleine Rolle in "Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson. Das sind Gelegenheiten, die kriegt man nur, weil man einmal in einem Oscar-Film gespielt hat, sonst kriegt man die als Europäer kaum.

Der große Moment: "Die Fälscher" wird als bester ausländischer Film bei den Academy Awards 2008 mit dem Oscar ausgezeichnet.

(Video: Academy of Motion Picture Arts and Sciences)

Oder man bekommt nur die stereotypen Rollen als deutscher Nazi-Hauptmann.
Genau. Und so ein Durchbruch wie bei Christoph Waltz, das passiert überhaupt nur ganz selten, dass man genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, in einem Film so eine Rolle bekommt, sie auf diese Art verkörpert und dann diese Karriere macht. Ich weiß, der Christoph Waltz will sie auch so machen. Ich gönne sie ihm, weil er sie verdient, aber ich bin es ihm nicht neidig, weil ich glaube nicht, dass ich dort auf diese Art glücklich wäre, mit diesen Rollen, wahrscheinlich auch, weil ich mich mehr in Richtung Regie und Drehbuchschreiben entwickle.

Gibt es noch Wunschprojekte, die Sie verwirklichen möchten, und Traumpartner, mit denen Sie zusammenarbeiten wollen?
Traumpartner, -projekte, -regisseure etc. habe ich nie gehabt. Ich lasse mich gern überraschen und sage lieber dann, "das ist jetzt meine Traumarbeit, mein Traumpartner etc.". Das ist idealerweise der Zustand, dass das, was ich jetzt grade mache, genau das ist, was ich jetzt machen will.

Wie sehen sie die Entwicklung, dass Streaming-Plattformen wie Netflix und Amazon Prime das Fernsehen verdrängen?
Ich glaube nicht, dass man so etwas einfach auf gut oder schlecht runterbrechen kann. Es ist eine Tatsache. Wie weit und wohin diese Entwicklung geht, kann ich überhaupt nicht beurteilen. Es gibt wie bei allem gewisse Vorteile, zum Beispiel ein sehr hohes Entwicklungespotenzial bei diesen ganzen Pay-TV-Produzenten, weil die Inhalte und Programm brauchen, und dort derzeit das meiste Geld reingesteckt wird, aber auch der meiste Mut in Formate. Die wollen etwas ganz Neues, die wollen interessante, komplexe Geschichten, die sich über viele Episoden entwickeln können.

Spürt man diese Entwicklung als Regisseur und Schauspieler im deutschsprachigen Raum, ist das bei uns überhaupt schon angekommen?
Ja, schon seit zwei, drei Jahren merke ich an den Angeboten an mich, dass die Entwicklung von neuen Formaten für Sky, Netflix, Amazon etc. derzeit auch in Deutschland der am stärksten wachsende Markt im darstellerisch-medialen Bereich ist.


Wird das klassische Fernsehen dadurch künftig ins Abseits gedrängt?
Ich glaube, es wird immer beides geben. Ich glaube nicht, dass das Fernsehen deswegen verschwinden wird, überhaupt nicht. Ich glaube eher, es wird eine Renaissance des Fernsehens geben. Das zeigt sich ja schon in gewissen Nischen, zum Beispiel die Tatort-Fangemeinde, die Public Viewings veranstaltet. Weil Fernsehen natürlich dem Bezahlfernsehen voraus hat, was scheinbar das Bezahlfernsehen dem Fernsehen voraus hat, nämlich dass man es zu einem bestimmten Zeitpunkt ansehen muss. Aber genau das heißt ja auch, es sehen möglichweise tausende, Millionen andere zu diesem Zeitpunkt.

Das Plus des klassischen Fernsehens wäre also der "Eventcharakter"?
Ja, das ergibt eine Art von kollektivem Bewusstsein im Betrachten. Dass man es unmittelbar mit vielen erleben kann, und via Facebook auch teilen kann, macht wieder einen neuen Reiz aus. Und ich glaube, dass das ein Kapital ist, mit dem Fernsehen in Zukunft noch viel spielen wird.

Aufgerufen am 25.11.2020 um 09:38 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/markovics-oesterreich-macht-filme-die-sonst-keiner-macht-76745692

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