Chronik

Mieter vor Luxusabriss

Ein Immobilienkonzern will die Südtiroler Siedlung in Liefering neu bauen. Das Hindernis: 107 unkündbare Mieter.


Die Nachmittagssonne scheint in die weit geöffneten Fenster und taucht die Wohnung in ein angenehmes, warmes Gelb. Trotz der weit geöffneten Fenster ist der unentwegte, laute Pendlerstrom auf der nahen Münchner Bundesstraße nur wie ein fernes, leises Säuseln zu hören. Die Siedlung mit dem fußballfeldgroßen, grünen Innenhof ist, abgesehen vom alten Bauzustand, kein schlechter Ort.

1938/39 errichteten die Nazis (auch) in Liefering für "ins Reich heimgekehrte" Südtiroler an die 200 Kleinwohnungen mit 40 Quadratmetern, Waschküchen, Grünanlagen und Luftschutzbunkern im Keller.

"Die Anlage wird abgebrochen, alle Mieter müssen bis Ende 2023 ausziehen."

Nach dem Krieg bewohnten andere deutschstämmige Flüchtlinge und russische Kollaborateure die acht Blöcke an der Banater-, Bessarabier-, Siebenbürger- und Buchenländerstraße (die Namen stammen noch aus der NS-Zeit). Noch im Original erhalten sind die Arrestzelle und der Zigarettenshop der US-Besatzer.

Heute, einen weiteren Zeitsprung später, gehört die Liegenschaft einem großen deutschen Immobilienkonzern: Die börsennotierte Vonovia erwarb 2018 die privatisierte, frühere staatliche Immobiliengesellschaft Buwog, die die Siedlung seit 1972 verwaltete (siehe kleiner Artikel).

Im Innenhof der Siedlung steht jetzt ein Baucontainer. Dorthin lädt man die Mieter zu Einzelgesprächen, denn - man "will eine Lösung für die Beendigung Ihres Mietverhältnisses finden", heißt es in einer Information, die Anfang März wie ein Schock einschlug. Die baulichen Gegebenheiten ließen eine Sanierung nicht mehr zu, die Anlage werde 2024 abgerissen und im Zuge eines Wettbewerbs neu gebaut. Und dann in fetter Schrift: "Daher müssen alle Mieter bis Ende 2023 ausziehen."

Der Großteil der verbliebenen 107 Hauptmieter habe unbefristete Mietverträge, mehr als die Hälfte der Wohnungen stehe bereits leer, weiß Mieter Johann Werner. "Das sind viele alte Leute von 70, 80, 90 Jahren. Die wohnen seit ihrer Kindheit hier, die können sie nicht einfach hinausbugsieren. Die Leute sind trotzdem extrem verunsichert." Jüngere Mieter, unter ihnen auch Familien, würden Widerstand leisten. "Die sagen, die können tun, was sie wollen, sie ziehen nicht aus. Die Eigentümer müssten Ersatzwohnungen anbieten und nicht die Leute zur Caritas oder zum Sozialamt schicken", meint Werner und spielt auf die Zettel mit Telefonnummern an, die verteilt worden waren.

Ein Rechtsgrund für einen Auszug liege erst vor, wenn die Stadt einen Abbruchbescheid erlasse, erklärt indes Walter Windischbauer. Der Obmann des Mieterschutzverbands vertritt 50 Mieter und war bereits mehrfach bei Gesprächen dabei. "Die Buwog versucht, aktuell Einvernehmen herzustellen. Es wird sehr freundlich ein finanzielles Angebot unterbreitet: eine Mietfreistellung bis Ende 2023 und 3000 Euro Übersiedlungshilfe." Was allen von ihm Vertretenen "viel zu gering" sei. Man habe Mieten von 200 bis 300 Euro, viele haben die Wohnungen auf eigene Kosten zusammengelegt und saniert.

"Das Angebot deckt die Mehrkosten für eine andere Wohnung für zwei, drei Jahre, mehr nicht. Außerdem wollen gerade die älteren Mieter am liebsten in der Anlage wohnen bleiben", so Windischbauer. Die Mieter erhoffen sich nun Hilfe von der Stadt.


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