Chronik

Nachhaltigkeit im Bauwesen: Profit machen, ohne die Umwelt zu zerstören

Erwin Thoma kämpft für mehr Nachhaltigkeit im modernen Bauwesen. Er fertigt seit Jahren äußerst erfolgreich Holzhäuser an.

Erwin Thoma fertigt seit Jahren Holzhäuser an. SN/sw/dirk wachter
Erwin Thoma fertigt seit Jahren Holzhäuser an.

Als seine Kinder schulpflichtig wurden, bezog Thomas Familie in St. Johann ein Einfamilienhaus. Doch bald bekamen die zwei Söhne schwerste Atembeschwerden, wahrscheinlich ausgelöst durch toxische Gase von Spanplatten. Thoma riss die Spanplattenböden heraus und ersetzte sie durch Massivholzböden, was zur sofortigen Gesundung der Kinder führte. Thomas Erkenntnis: Nur Voll-holz garantiert eine gesunde Umgebung.

Das war die Initialzündung für die Gründung seines Unternehmens. Sein Konzept "Holz-100" ist ein Massivholz-Bausystem aus naturreinem, mondphasengeschlägertem, heimischem Nadelholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft, frei von Holzschutzmitteln und Leim. Energieautarke Holzhäuser, "abfallfrei und zu hundert Prozent wiederverwertbar", so Erwin Thoma. Er lebt in Goldegg und ist international erfolgreicher Unternehmer, Forscher und Autor.

Redaktion: Wie erleben Sie die Coronakrise? Privat und beruflich?

Erwin Thoma: Erfreulicherweise sind alle Horrorszenarien noch nicht eingetreten. Es gilt nun, ruhig und besonnen zu bleiben. Das Schlimmste ist die Angst, die teilweise verbreitet wird. Uns und unserer Firma geht es gut, trotz allem.

Glauben Sie, dass die Menschen aus dieser doch schwierigen Zeit etwas lernen können, oder sogar an positive Veränderungen?

Lernen könnte man vieles, aber ich zweifle daran, dass es passiert. Derzeit sieht es so aus, dass wir so schnell wie möglich wieder ins alte wirtschaftliche System zurückfinden sollen, anstatt dass es Veränderungen und Aufbrüche gibt.

Die Sicht auf unser Leben ist insgesamt destruktiver geworden. Die Kooperation, das liebevolle Miteinander oder soziale Wärme sind nicht gefragt. Wir haben uns einem einzigen Wert verschrieben, und der lautet Maximierung. Maximierung von Macht oder Geld.


Ein Irrweg, aus dem wir ausbrechen müssen?
Ja, das fängt schon bei den Kleinsten an. Jedem Kind wird beigebracht, dass es besser und wertvoller ist als das andere. Aber das entspricht ja nicht unserem Leben. Ist jeder Straßenkehrer gleich viel wert wie ein Generaldirektor?

Blicken wir auf die Wirtschaft: Familienbetriebe hätten bei uns eine gute Basis für eine soziale Leitschiene. Doch der Trend geht weiter zur Maximierung. Acht Männer besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Betriebe müssen Werte schaffen. Natürlich gehört auch ein gesundes Wirtschaften dazu.

So wie jetzt war es nicht immer. Unsere Großeltern waren Handwerker, die ihre Leistung ablieferten. Mit diesem unbegrenzten Wachstumsdenken, das wir heute in der Wirtschaft leben, werden wir jedenfalls nicht durchkommen.

Vergessen wir zurzeit auf die wichtigen Themen wie Umwelt- oder Klimaschutz?
Wir laufen sehenden Auges auf große Probleme zu. Unsere Wegwerfgesellschaft und unser Wirtschaften hat längst keine Legitimation mehr. Die Zukunft unserer nächsten Generation wird zerstört. Das ist die Tragik von Corona, dass wir auf die echten Fragen nicht achten, die die Menschheit zu lösen hätte.

Im Hinblick auf den Klimawandel verlieren wir uns in Details, statt das große Ganze zu sehen. Als ein Beispiel das Elektroauto: Es ist sicher gut, darüber nachzudenken, wie man den CO2-Ausstoß verringern kann. Aber dadurch kann man das Klima nicht retten. Von den 40 Milliarden Tonnen CO2, die die Menschheit pro Jahr emittiert, stammt nicht einmal ein Prozent vom Pkw. Der andere Faktor ist die globale Agrarwirtschaft. Hier verbrauchen globale Konzerne und ihre Profitinteressen unsere Ressourcen. Wir müssen zurück zu einem Co2-neutralen Kreislauf in unserer Wirtschaft.

Thoma Holz forscht seit vielen Jahren zum gesunden Bauen
mit Holz. Welche Vorzüge bietet Holz? Kann man damit überhaupt große Städte bauen?

Die Stadt muss werden wie der Wald, eine Rohstoffreserve. So kann die nächste Generation bereits die Hälfte des benötigten Materials aus dem Rückbau gewinnen und muss es nicht aus dem Wald holen.

Wenn mein Großvater mit einfachem Werkzeug ein Haus oder einen Stadel gebaut hat, dann hat er etwas wirklich Wertvolles geschaffen. Wenn man so ein Haus heute abreißt, bekommt man für das Altholz doppelt so viel wie für neues Holz. Doch unser Bauen mit Holz muss chemiefrei werden, nur dann ist es für die nächsten Generationen tauglich. Der Hausbau ist derzeit der größte Müllproduzent. Ein Bausystem, das abfallfrei ist - das zeigen wir mit vielen Beispielen, ob klein oder groß gebaut wird. Etwa in Holland, wo wir ein Rathaus gebaut haben.

Sie bauen viel im Ausland. Wie geht es Ihnen in unserer Heimat?
In den ersten zehn Jahren wurden wir belächelt, dann wurde es neutraler. Nun freut mich die internationale Anerkennung. So bin ich etwa Kommissionsmitglied im Institut für Klima- und Folgenforschung. Der dortige, international anerkannte Leiter ist unter anderem Berater der deutschen Bundeskanzlerin.

In vielen Ihrer Bücher beschreiben Sie, was wir vom Wald lernen können. Wie geht es unserem heimischen Wald eigentlich? Müssen wir uns darum Sorgen machen?
Sobald die Existenz eines Baumes gesichert ist, wird der Wettbewerb eingestellt. Der Baum verwendet seine Energie zugunsten des Gesamtsystems. Nur Kooperation führt zum Ziel. Die Bäume produzieren etwa mittels Fotosynthese Zucker und füttern damit die Bodenlebewesen. Dafür holen diese für die Bäume wiederum Nährstoffe aus dem Humus. Der sichtbare Teil eines Baumes, egal welcher, ist meist kleiner als der unsichtbare. Unter der Humusschicht sind die Bäume bestens miteinander vernetzt.

Natürlich leiden unsere Wälder unter dem Klimawandel oder dem Borkenkäfer. Doch sie leiden auch unter einer nicht so sorgfältigen Forstwirtschaft, die wir vor gut 20 Jahren bereits besser betrieben haben, das zeigt das viele Schadholz, das herumliegt.

Doch trotz des menschlichen Treibens mache ich mir keine Sorgen um unseren Wald, dieses System wird alles überleben. Mehr Gedanken mache ich mir um die Zukunft unserer Enkelkinder. Hier liegen die berechtigten Sorgen.

Erwin Thoma wurde am 14. Februar 1962 als Sohn einer Arbeiterfamilie in Bruck/Glocknerstraße geboren. Sein Kinderzimmer war der Wald, das Fernsehen spielte in seiner Familie keine Rolle, wohl aber Bücher.

Nach der 4. Klasse des Realgymnasiums in Zell am See besuchte er die Höhere
Technische Lehranstalt für Forstwesen in Bad Vöslau.

Mit 22 Jahren übernahm er als jüngster Förster Österreichs ein abgeschiedenes Revier im Tiroler Karwendel, hörte in den Wald hinein und wurde Unternehmer.

In der 1998 patentierten, leimfreien Vollholzbauweise Holz-100 sind bisher knapp 2000 Holzbauten in gut 30 Ländern entstanden. Seine Häuser sind energieautark und kommen ganz ohne Dämmstoffe aus.

Erwin Thoma hat weltweit schon viel gebaut - vom Rathaus der holländischen Stadt Venlo bis zum Kindergarten im bayerischen Abensberg. Sein Unternehmen beschäftigt 120 Mitarbeiter, kooperiert weltweit mit 120 Firmen in der Baubranche, errichtet mit seiner Holz-100-Technologie in 33 Ländern und auf vielen Kontinenten Bauobjekte.

In seinen Büchern wie "Die geheime Sprache der Bäume" oder "Strategien der Natur" nimmt er die Leser mit in eine Welt, die vielen fremd geworden ist.

Thoma hat drei Kinder und lebt mit seiner Frau in Goldegg.


Aufgerufen am 27.11.2020 um 03:11 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/nachhaltigkeit-im-bauwesen-profit-machen-ohne-die-umwelt-zu-zerstoeren-94469401

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