Chronik

Nicht jeder will ins schnelle Netz

Im Bundesland Salzburg werden viele Millionen Euro in den Ausbau des schnellen Internets investiert. Was Europäische Union, Land und Wirtschaft für unverzichtbar halten, erachten manche als gefährlich.

Der Ausbau des 5G-Netzes stößt nicht überall auf Wohlwollen. SN/heinz bayer
Der Ausbau des 5G-Netzes stößt nicht überall auf Wohlwollen.

Mitte Juni protestierten Dutzende Menschen gegen die geplante Errichtung eines Mobilfunkmastes in einem Waldstück am Walserberg. Auf Pappschildern waren Sprüche wie "5G - nicht auf Kosten unserer Gesundheit" und "Stoppt den Wahnsinn" zu lesen. Die Aktion zeigt, wie groß die Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung im Zusammenhang mit der neuen, fünften Generation (5G) des Mobilfunks ist.

Das Potenzial von 5G ist jedenfalls riesig. Wer auf autonomes Fahren sowie vernetzte Haushalte und Städte setzt oder auf komplexe Operationen per Fernzugriff hofft, wird ohne die neue Generation des Mobilfunks nicht auskommen. Die EU hat deshalb für ihre nächste Budgetperiode drei Milliarden Euro für "digitale Vernetzungsinfrastrukturen" im Rahmen des digitalen Binnenmarkts vorgesehen. Auch das Land sieht eine hochleistungsfähige Breitband-Infrastruktur als "Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit".

"Alle wird man sowieso nie überzeugen können." Brigitta Pallauf, Ausschuss der Regionen

Landtagspräsidentin Brigitta Pallauf (ÖVP) vertritt Salzburg zusammen mit Altlandeshauptmann Franz Schausberger im Europäischen Ausschuss der Regionen (AdR). Dieser gibt Stellungnahmen zu EU-Gesetzesvorhaben ab, die sich direkt auf die Regionen und Städte auswirken. "Wir haben im Ausschuss darauf hingewiesen, dass nicht nur Metropolen mit schnellem Internet ausgestattet werden dürfen, sondern auch der ländliche Raum", sagt Pallauf am Rande der "European Week of Regions and Cities" in Brüssel. Beim Streitthema 5G hat sie eine klare Position: "Es gibt Grenzwerte, die kontrolliert werden. Manche Leute sind für Fakten nicht zugänglich. Aber alle wird man nie überzeugen können." Beim Breitbandinternet sei Salzburg unter den Vorreitern.

Tatsächlich hat sich die Region im kürzlich präsentierten "Regional Competitiveness Index" der EU-Kommission um 22 Plätze auf Rang 83 von 268 europäischen Regionen verbessert. Der Index vergleicht die Wettbewerbsfähigkeit anhand mehrerer Faktoren, darunter der Ausbau von schnellem Internet. Demnach hatten 2018 89 Prozent der Salzburger Haushalte schnelles Internet.

Über das EU-Förderprogramm für den ländlichen Raum (ELER) flossen bisher 624.000 Euro nach Salzburg, um den flächendeckenden Anschluss ans Breitbandnetz voranzutreiben. Zusätzlich erhielt Salzburg 270.000 Euro im Rahmen der EU-Initiative Wi-Fi4EU, die freies WLAN auf öffentlichen Plätzen in ganz Europa zum Ziel hat. 18 Gemeinden im gesamten Bundesland haben auf diese Weise bereits kostenlose WLAN-Zugangspunkte errichtet.

Die Salzburg AG hat kürzlich - neben mehreren Mobilfunkanbietern - um 4,4 Millionen Euro 5G-Frequenzen für Salzburg und die Steiermark ersteigert. Bis 2030 steckt der Landesenergieversorger nach eigenen Angaben 250 Millionen Euro in den Ausbau von Breitbandinternet. Mehrere Tausend Kilometer Glasfaserkabel sind bereits in Salzburg verlegt. Mit den ersteigerten 5G-Frequenzen zielt die Salzburg AG in erster Linie auf die lokale Wirtschaft und Industrie ab. In schlecht mit Kabel erschlossenen Regionen sollen aber auch Haushalte durch 5G in den Genuss von Breitbandinternet kommen.

"Ich bin gegen Sendeanlagen mitten im Ortsgebiet." Johannes Fürstaller, Bgm. Ebenau

Zu den lautesten Kritikern des 5G-Ausbaus zählt die Selbsthilfegruppe Elektrosmog. Sprecher Peter Müller berichtet von Symptomen wie Kopfschmerzen und Schlafstörungen im Zusammenhang mit Mobilfunkstrahlung. Zu Hause habe er jede Funkverbindung abgeschaltet. Unterwegs helfe für kurze Zeit eine Abschirmkleidung aus Metallgewebe. Auf ein eigenes Handy oder WLAN muss er verzichten.

Skeptisch gegenüber dem 5G-Ausbau hat sich kürzlich auch der Ebenauer Bürgermeister Johannes Fürstaller geäußert. "Ich bin nicht gegen den Ausbau, sondern gegen Sendeanlagen mitten im Ortsgebiet", konkretisiert er auf FN-Nachfrage. Der Durchschnittsbürger brauche 5G gar nicht. Fürstaller kritisiert, dass Gemeinden nach geltender Gesetzeslage keine Möglichkeit hätten, 5G-Sendeanlagen auf öffentlichen Gebäuden zu verhindern. Bei vielen Bürgermeister-Kollegen ortet er ein Wissensdefizit.

Diesen Vorwurf müssen sich Kritiker wie Fürstaller aber auch selbst gefallen lassen. Gregor Wagner ist Sprecher der Mobilfunk-Interessenvertretung "Forum Mobilkommunikation" und stellt sich den Skeptikern entgegen. So werde sich etwa die Zahl von derzeit 1285 Mobilfunkstationen im Land Salzburg durch die Einführung von 5G nicht - wie oft befürchtet - erhöhen. Richtig sei, dass 10.000 zusätzliche Antennen an bestehenden Masten befestigt werden müssten. "5G ist aber keine unbekannte neue Technologie, sondern ein neues Übertragungsprotokoll. Die Technologie bleibt Funk. Weil vorerst auch ältere Antennen erhalten bleiben, erhöht sich in Summe die Strahlenbelastung. Wir reden hier aber von extrem geringen Werten von rund einem Prozent des zulässigen Grenzwerts", so Wagner.

Einigkeit herrscht darüber, dass ein gut ausgebautes Mobilfunknetz zu geringeren Sendeintensitäten der Mobiltelefone führt. "In den 1990er-Jahren sendeten die Handys mit zwei Watt, in Zeiten des 4G-Netzes mit 0,125 Watt Sendeleistung", betont Helmut Eymannsberger, Leiter der Stabstelle Wirtschafts- und Standortpolitik in der Wirtschaftskammer Salzburg.

Grenzwerte werden bei Weiten nicht erreicht

Der vom Bund eingerichtete "Wissenschaftliche Beirat Funk" hält fest, dass im Hinblick auf die Summe aller elektromagnetischen Felder, denen der Mensch ausgesetzt ist, nur maximal 20 Prozent jener Grenzwerte erreicht werden, die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegt wurden.

In der ersten Ausbaustufe soll 5G nur mit Frequenzen unterhalb von 3,8 Gigahertz betrieben werden. Das ist zwar etwas höher als der bisher von den Mobilfunknetz-Betreibern genutzte Bereich, liegt aber immer noch deutlich unter der Frequenz von WLAN. Mittelfristig soll dann auch in höheren Frequenzbereichen gefunkt werden. Das ermöglicht größere Datenmengen, hat aber den Nachteil geringerer Reichweite. Es ist deshalb davon auszugehen, dass in fünf bis zehn Jahren zusätzliche Funkzellen nötig werden, um eine flächendeckende Versorgung mit dem bestmöglichen 5G zu garantieren.

Kurz gefragt: Was bedeutet 5G?

Die fünfte Generation der Mobilfunknetze ermöglicht im Vergleich zu bisher üblichen 4G- und 3G-Standards höhere Datenübertragungsraten von bis zu 10 Gigabit pro Sekunde, sprich: deutlich schnelleres Internet als bisher.

Die hohen Übertragungsraten sind die Basis für die Digitalisierung vieler Lebensbereiche, künstliche Intelligenz, selbstfahrende Fahrzeuge oder die Vernetzung von Maschinen.


FLACHGAU-NEWSLETTER

Jetzt kostenlos anmelden und wöchentlich topaktuelle Informationen aus Ihrer Region kompakt per E-Mail erhalten.

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 03.12.2021 um 08:28 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/nicht-jeder-will-ins-schnelle-netz-77771320

Kommentare

Schlagzeilen