Chronik

Nur weil es immer so gewesen ist, muss es ja nicht immer so bleiben

Rund zehn Tage, bevor die politischen Kräfteverhältnisse von Tausenden Wählern in 15 Gemeindestuben neu verteilt werden, sprachen die "Lungauer Nachrichten" mit einem prominenten Querdenker.

"Querschläger" - der Name ist Programm, auch für den Frontmann der 1990 gegründeten Band: Fritz Messner (Jahrgang 1962). "Querdenker" trifft es, wenn es darum geht, den Kabarettisten und SN-Kolumnisten zu beschreiben. Im "Lungauer Nachrichten"-Gespräch im Wirtshaus in "seinem" St. Michael dachte er, wenige Tage vor den Gemeindewahlen im politisch schwarz geprägten Lungau, quer und visionär.

Redaktion: Messner: Glücklicher, weil ich mit meinen Berufen im Lungau gut leben kann - im Gegensatz zu vielen, die gerne hier wären, aber aus verschiedensten Gründen nicht können.

Als Querdenker möchte ich nicht den Besserwisser spielen, sondern aufrütteln und anregen. Es ist wichtig, dass das System, die Gesellschaft sich hinterfragt, Alternativen prüft. Es ist nicht alles schlecht, aber man muss ab und an überprüfen.

Tun das denn die politischen Entscheidungsträger zur Genüge?Ich habe mich parteipolitisch nie engagiert, trotz mehrfacher Anfragen. Dafür bin ich zu wenig Herdentier. Mehr oder weniger große Schnittmengen habe ich mit fast allen Parteien, obwohl man bei manchen momentan nicht mehr weiß, woran man ist. Die Entscheidungsträger sollten Klein- und Mittelbetriebe bei uns am Land im Bemühen, nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten, stärken. Unternehmer und Belegschaft sitzen längst in einem Boot.

Die haben es irrsinnig schwer gegen die großen internationalen Konzerne, die fast keine Steuern und teilweise unterirdische Löhne zahlen. Das wäre ein entscheidender politischer und wirtschaftlicher Hebel für die Entwicklung am Land. Deshalb gibt es übrigens bei Amazon keine Querschläger-CDs - und wird es nie geben.

Wie ist Ihre aktuelle "Lungau-Stimmung"?Sie war schon schlechter, wenn ich an das ewige Genörgel denke, wie benachteiligt wir doch sind. So ein Blödsinn. Mich motivieren viele junge Menschen, die ich treffe. Da macht eine "Zugereiste" das Lokal "Kunstwerk" auf, schafft eine kleine Bühne für die Kunst.

Anderswo beschäftigt sich eine weltgereiste Lungauerin mit Grafik und ist eine super Musikerin. Leute mit Ideen, Kraft und Schwung braucht der Lungau.

Der Lungau in der Biosphäre. Manche können das Wort schon nicht mehr hören - und Sie?Endlich gibt es dazu positive Ansätze, die auch in die Breite gehen, wenn ich nur an die Milch in österreichischen Lebensmittelregalen denke oder an das Lungaugold-Fleisch.

Wir sind eine Region, die noch nicht jeden Blödsinn mitgemacht hat. Daraus kann man Stärken entwickeln. Wir können damit werben, was wir alles nicht haben. Es gibt einen kleinen Sektor Menschheit, der genau das will, was wir anbieten. Die gilt es zu finden und ganz gezielt anzusprechen. Biosphäre geht aber weit über den Tourismus hinaus.

Eine besondere Sphäre sind auch 15 Gemeinden für 20.000 Einwohner. Kleinkariert - oder?Da rinnt leider eher die Mur hinter die Sticklerhütte zurück, bevor sich da was tut. Beispiele wie jenes, wo zwei Nachbargemeinden ein gemeinsames Altenheim wollten und dann doch zwei bauten, gibt es genug.

Nur weil es immer so gewesen ist, muss es ja nicht immer so bleiben.

Wie sieht Ihre Vision für den Lungau aus?Ganz spontan? - Vielleicht doch eine Tauerntunnelröhre für die Eisenbahn ... Im Ernst: Wir müssen uns von innen heraus entwickeln und nicht warten, dass einer kommt und uns anschiebt. Andernorts investiert das Land, ohne mit der Wimper zu zucken. Das könnte auch in ein Lungauer Architekturmodell, basierend auf heimischen Baustoffen und traditioneller Architektur, samt nötigem modernen Schnickschnack, sein. Es kann eine Entwicklung zu qualifizierten Arbeitsplätzen in Richtung Gesundheit, Kosmetik und Wellness unterstützen. Der Ansatz mit dem Tal der Almen in Großarl war perfekt. Dort hat man es aber nicht geschafft, rechtzeitig aufzuhören. Das sollte uns auch eine Lehre sein: Ich habe mal ein Lied über das "Lungoland" als riesiges Alpen-Disneyland geschrieben. Da wären die Lungauer ausgesiedelt worden. Halt! - Jetzt geht der Kabarettist mit mit durch.

Der Lungau schrumpft. Verkauft er sich bei den Jungen schlecht?Schlimm wird es, wenn die jungen Frauen wegziehen und anderswo Familien gründen. Männer kommen eher wieder zurück. Wir brauchen für junge Familien beste Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Wir liegen zentral in Österreich, sind in einer Stunde in Salzburg, in drei in Wien. Was sollte da der Krimmler sagen?

Ein Zukunftsbild des Lungaus in zwei Jahrzehnten sähe wie aus?Bürgerbewegungen engagieren sich in Projekten und nicht in politischen Mehrheitsfraktionen erfolgreich. Aus der starken Solidarität und dem Engagement im Lungauer Vereinswesen wachsen Strukturen, die bei den landespolitischen Stellen auf Gehör treffen - wie ein Projekt der Geografie-Uni in Salzburg, die ein Mobilitäskonzept aus privaten und öffentlichen Angeboten via App für jeden Lungauer zugänglich machte. Der Lungau als Modellregion für kommunale Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg oder so ... Es darf keine Denkverbote geben.

Aufgerufen am 24.10.2020 um 04:34 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/nur-weil-es-immer-so-gewesen-ist-muss-es-ja-nicht-immer-so-bleiben-66528298

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