Chronik

Säugling erlitt Schütteltrauma: Vater in Salzburg vor Gericht

Der 33-Jährige bestritt Absicht. Das Kind habe davor geröchelt und sei blau angelaufen. Der Staatsanwalt ortete jedoch im Laufe der Verhandlung einen versuchten Mord. Daraufhin erklärte sich das Schöffengericht für unzuständig.

Der Vater des Buben stand am Montag vor dem Landesgericht.  SN/APA/BARBARA GINDL
Der Vater des Buben stand am Montag vor dem Landesgericht.

Weil er seinem fünf Monate alten Sohn im November 2017 ein lebensbedrohliches Schütteltrauma zugefügt haben soll, ist am Montag in Salzburg ein 33-jähriger Mann wegen absichtlich schwerer Körperverletzung vor Gericht gestanden. Der Angeklagte bestritt im Prozess (Richter Christoph Rother) jegliche Absicht, gab aber zu, den Säugling geschüttelt zu haben. Er habe dem Kind so das Leben retten wollen.

Der Bauarbeiter war damals zum ersten Mal seit der Geburt die ganze Nacht alleine mit seinem Sohn zuhause, da die Kindsmutter stationär im Spital lag. Wie er am Montag sagte, habe er dem Buben gegen 2.00 Uhr früh ein Fläschchen gegeben und eine halbe Stunde später ein Röcheln und Würgen gehört. "Es war ein komisches Geräusch, so als würde er keine Luft bekommen", sagte der 33-Jährige. Nachdem er das Licht aufdrehte, habe er bemerkt, dass das Kind blau angelaufen war und die Augen komisch verdrehte.

"Ich habe nicht gewusst, was zu tun ist und Panik bekommen." Darum habe er das Kind zunächst geschüttelt und dann im Bad mit kaltem Wasser bespritzt. Darauf sei es dem Sohn wieder besser gegangen. "Es hat wieder alles gepasst", meinte er am Montag. Doch als der Bub am folgenden Nachmittag heftig erbrach, brachte er das Kind gemeinsam mit der mittlerweile heimgekommen Mutter zum Kinderarzt. Als der vom nächtlichen Vorfall erfuhr, schickte er den Buben umgehend ins Krankenhaus, wo ein schweres Schütteltrauma diagnostiziert wurde.

Säugling mit lebensgefährlichen Hämatomen

Der Säugling hatte unter anderem mehrere lebensgefährliche Subduralhämatome, also Einblutungen unter der harten Hirnhaut und zeigte typische Symptome wie Erbrechen, Berührungsempfindlichkeit und reduziertes Trinkverhalten. Symptome, die der Vater in den Stunden nach dem Vorfall nicht bemerkt haben will. Das Kleinkind verbrachte fast vier Wochen im Krankenhaus, parallel begann die Polizei zu ermitteln.

"Mein Mandant ist weder cholerisch, gewalttätig noch aufbrausend. Er war überzeugt, das Richtige gemacht zu haben und hat leider nicht das Richtige getan", sagte sein Verteidiger Franz Essl. Der Sohn sei ein Wunschkind gewesen, die Jungfamilie lebe auch heute noch zusammen. Zudem seien beim Kind keine weiteren Verletzungen festgestellt worden, die auf frühere Misshandlungen schließen lassen. Der Bub dürfte auch ohne Folgeschäden davongekommen sein.

Die Mutter der Lebensgefährtin des Angeklagten - sie wohnt im gleichen Haus - bezeichnete den 33-Jährigen am Montag als liebevollen Vater. Ihr Enkelkind sei auch ein ruhiges, leicht handhabbares Baby gewesen. "Ich hätte es auch gehört, wenn er in der Nacht geschrien hätte."

Dass Kinder zu Tode geschüttelt werden können, sei ihm bis zu dem Vorfall nicht bekannt gewesen, sagte der Angeklagte heute. "Ich lese keine Zeitung und ich schaue keine Nachrichten. Jetzt im Nachhinein kommt es uns aber manchmal unter", räumte er ein. Dass er im Geburtsvorbereitungskurs einmal gelernt hatte, dass Babys auf keinen Fall geschüttelt werden dürfen, wisse er nicht mehr. Wie oft und wie lange er den Sohn in besagter Nacht geschüttelt hat, könne er heute auch auf mehrfache Nachfrage nicht sagen. "Zwei bis vier Mal" meinte er schließlich.

Der Gerichtsmediziner Fabio Monticelli verwies im Verfahren auf zahlreiche Publikationen, wonach geständige Täter berichtet haben, ihre Babys zumindest zehn bis 30 Sekunden lang mit einer Frequenz von 20 bis 30 Schüttlern pro Minute geschüttelt zu haben. "Der Kopf des Kindes hätte merklich nach vorne und hinten schlagen müssen", sagte Monticelli. Aber auch daran konnte sich der Angeklagte nicht mehr erinnern.



Staatsanwalt dehnte Anklage auf versuchten Mord aus

Im Laufe des Prozesses dehnte Staatsanwalt Leon-Atris Karisch die Anklage auf das Verbrechen des versuchten Mordes aus. Die Grundlage dafür sah der Staatsanwalt in den Ausführungen des gerichtsmedizinischen Sachverständigen, wonach mit dem Schütteln des Babys Lebensgefahr verbunden gewesen sei.
Der Schöffensenat unter Vorsitz von Richter Christoph Rother fällte daraufhin ein Unzuständigkeitsurteil. Zur Erklärung: Für das Delikt des Mordversuchs sei nämlich ein Geschworenengericht zuständig.

Verteidiger Franz Essl meldete sofort Nichtigkeitsbeschwerde gegen das Unzuständigkeitsurteil an. Dieses ist somit noch nicht rechtskräftig. Sollte es in Rechtskraft erwachsen, wird sich der Vater des Babys vor den Geschworenen verantworten müssen.

Aufgerufen am 06.12.2020 um 12:12 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/saeugling-erlitt-schuetteltrauma-vater-in-salzburg-vor-gericht-61831708

Schlagzeilen