Chronik

Salzburg-Wanderer: Integration durch Gastronomie

Man kommt nicht durch den Pinzgau, ohne regelmäßig auf ausländische Passanten zu treffen. Sie alle kurbeln den Tourismus an: die meisten passiv, einige aber auch aktiv, berichtet Salzburg-Wanderer Ralf Hillebrand.

Vor dem Haupteingang prangt Werbung für eine tschechische Biermarke, an der Rezeption wird auf Tschechisch auf das Tagesangebot hingewiesen, im Hotelzimmer ist ein tschechischer Fernsehkanal der voreingestellte Sender.

Wer ohne Vorwarnung in der Pension Bohemia in Piesendorf absteigt, glaubt, im falschen Film, oder besser, im falschen Urlaubsland zu sein. Für diesen Hauch von Prag mitten im Pinzgau sorgt die Familie Hovorka. "Wir sind 1987, also zwei Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, nach Österreich geflohen", erklärt Familienoberhaupt Jaroslav. Gemeinsam mit seiner Frau Vladimíra führt er die Pension seit 17 Jahren. "Davor haben wir schon drei Jahre lang das Hotel Praga nicht weit weg von hier geleitet." Die Integration im Pinzgau hat vor allem dank des eigenen Betriebs schnell funktioniert. "Wir fühlen uns hier sehr wohl. Unsere Kinder wachsen auch zweisprachig auf, die jüngere Tochter arbeitet etwa für die Tirol-Werbung", erzählt Mutter Vladimíra stolz. Trotzdem übernachten vor allem tschechische Landsleute in der Pension, auch das Personal hat großteils osteuropäische Wurzeln. Jaroslav: "Wir haben da einfach unsere Nische gefunden. Aber natürlich ist uns jeder Gast willkommen."

Nur rund zwei Kilometer entfernt von der Pension der Familie Hovorka liegt der Gasthof Mitterwirt. Dort steht Krisztina Jandovics hinter der Theke. Die 26-Jährige ist gebürtige Ungarin. "Eine gute Freundin hat mich vor rund eineinhalb Jahren gefragt, ob ich statt ihr hier arbeiten will, da sie nach Kaprun wechselte." Ohne lang zu überlegen sei sie daraufhin vom Plattensee in den Pinzgau gezogen. Auch die junge Kellnerin ist dank der Gastronomie in Piesendorf heimisch geworden: "Die Stammgäste sagen zu mir öfter, dass ich für sie schon eine Einheimische bin. In einem von hundert Fällen gab es wegen meiner Herkunft Probleme - also praktisch nie." Deutsch gelernt hat Krisztina zwar schon in der Schule, inzwischen hat sie ihre Sprachkenntnisse jedoch stark verbessert: "Hier habe ich gelernt, auch auf Deutsch zu denken." In "ein, zwei Jahren" will die 26-Jährige wieder zurück nach Ungarn: "Eigentlich hab ich Geografische Informatik studiert." In diesem Bereich wolle sie nach ihrer Rückkehr weiterarbeiten.

Anders ist dies bei Jaroslav und Vladimíra. Die beiden Wirtsleute wollen Österreich treu bleiben: "Wir fühlen uns hier integriert, ohne dass wir unsere eigene Kultur verraten müssen. Wieso sollten wir das aufgeben?" Darauf wird mit dem Salzburg-Wanderer angestoßen - freilich mit tschechischem Schnaps.

Geplante Strecke für Mittwoch: 16 Kilometer von Taxenbach bis nach Schwarzach.

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