Chronik

Salzburger Bergrettung rückt doppelt so oft aus

Im vergangenen Jahrzehnt hat die Arbeit für Salzburgs Bergrettung enorm zugenommen. So auch an diesem Wochenende.

In zehn Jahren haben sich die Einsätze für die Salzburger Bergretter verdoppelt.  SN/robert ratzer
In zehn Jahren haben sich die Einsätze für die Salzburger Bergretter verdoppelt.

Eine Woche lang war der 47-jährige Einheimische umhergeirrt, dann wurde er gefunden - durchnässt, unterkühlt und bereits verwirrt. Zwei Mountainbiker fanden den Mann am Samstagvormittag auf der Forststraße zwischen der Röthelbachklause und Baumgarten bei Schneizlreuth.

Der Ortsansässige gab an, dass er bereits am vergangenen Sonntag zur 90-Jahr-Feier am Predigtstuhl und seitdem fast eine Woche lang mit nur leichter Bekleidung und ohne Essen im Lattengebirge unterwegs gewesen sei. Die alarmierte Reichenhaller Bergwacht und eine Rettungswagenbesatzung des Roten Kreuzes versorgten den ausgekühlten und erschöpften Mann und brachten ihn dann in die Kreisklinik Bad Reichenhall. Der Mann war bereits seit einigen Tagen als vermisst gemeldet.

Gegen 13.30 Uhr ging am Samstag ein Notruf vom Grünsteinhaus ein, wo ein 53-jähriger Mann einen Herzinfarkt erlitten hatte. Die Bergwacht Berchtesgaden und der Landrettungsdienst des Roten Kreuzes fuhren bis zur Hütte, versorgten den Mann notärztlich und brachten den Mann ins Tal. Und gegen 23.45 Uhr stürzte ein 40-Jähriger nahe der Steineralm. Die Bergwacht Teisendorf-Anger kümmerte sich zusammen mit weiteren Wanderern um die Erstversorgung.

Einsatzmarathon für die Retter

Dieses Wochenende brachte einen wahren Einsatzmarathon für die Bergrettungen nicht nur im nahen Bayern, sondern auch in Salzburg: Insgesamt etwa ein Dutzend Mal wurden die Ehrenamtlichen seit Freitag alarmiert.

So etwa am Freitag bei Kaprun: Ein 39-jähriger Deutscher war bei einem Absturz schwer verletzt worden - zunächst konnte wegen Schlechtwetters auch kein Hubschrauber abheben. Deshalb stiegen acht Kapruner Bergretter samt Notarzt zum Abgestürzten auf, am Ende konnte "Alpin Heli 6" das Opfer in das Spital nach Zell am See bringen.

Zwei (eher leichte) Einsätze gab es auf Wanderwegen im Flachgau, einen weiteren Alpinunfall bei Fusch. In Saalbach mussten zwei gestürzte Mountainbiker geborgen werden, ein Alpinist war vom Klettersteig Kitzlochklamm bei Taxenbach zu bergen. Hinzu kamen ein Sucheinsatz bei Filzmoos und mehrere Bergungsaktionen.

Dieses Wochenende mag besonders intensiv gewesen sein, doch es bestätigt auch einen allgemeinen Trend - das bestätigt Maria Riedler, Sprecherin der Salzburger Bergrettung. Ihren Aufzeichnungen nach hat es 2017 etwa 640 Einsätze gegeben; ein Jahrzehnt zuvor seien es gut 300 gewesen. Noch nicht einberechnet sei hier die zusätzliche, "enorme" Zunahme von Einsätzen von Rettungshubschraubern.

Explosion von Trendsportarten

Ein wesentlicher Grund dafür sei die regelrechte Explosion von Trendsportarten, wie dem Klettersteiggehen oder Mountainbiken. "Weniger stark ist das Unfallgeschehen beim Canyoning, stark steigend dafür beim Paragleiten", sagt Riedler. Hinzu kämen risikoreiche Aktivitäten wie das Downhill-Fahren. "Es hat einen so starken Bergsportboom gegeben, dass eigentlich erstaunlich wenig passiert - in Anbetracht der Massen von Menschen, die heute in den Bergen unterwegs sind." Zwar habe die Zahl der gut informierten und ausgerüsteten Personen zugenommen, genauso aber jene derer, "die statt Steigeisen Turnschuhe anhaben und nicht einmal sagen können, auf welchem Berg sie gerade sind."

Wahrnehmungen, die Marcus Goebel im Wesentlichen bestätigt - er ist Sprecher der Bergrettung Bad Reichenhall. "Bei uns beträgt die Zunahme der Einsätze 20 bis 25 Prozent binnen zehn Jahren." Was zugenommen habe, seien "Selbstüberschätzung, mangelnde Ortskenntnis - und dass Menschen bis zum Anschlag weitergehen, statt umzudrehen."

Das liege auch daran, dass die Chance, heute schnell gerettet zu werden, dank Handy und Hubschrauber viel höher sei als früher. Und viele Bergbegeisterte daher auch höhere Risiken eingingen. Goebel erwähnt auch eine weitere, stark wachsende Gruppe von Einsätzen: Jene, wo gestürzte E-Biker zu bergen seien, die ihr Fahrgerät nicht ausreichend beherrschten.

Daten & Fakten - die Salzburger Bergrettung

99,8 Prozent des "Personals" der Bergrettung in Salzburg arbeiten ehrenamtlich. Aber: Weil der Betrieb immer professioneller wird, steigt der Bedarf an Verwaltung, der stetig schwerer abzudecken ist.

Wer aus den Bergen gerettet wird, darf sich nicht auf den Sozialstaat verlassen: Der bezahlt dafür nicht. Stattdessen geht die Rechnung an den Geretteten - dasselbe gilt etwa auch für einen Hubschraubereinsatz. Wer Fördermitglied der Bergrettung ist, gilt aber als versichert und muss nicht selbst zahlen. Diesen Vorteil haben auch Mitglieder von Automobilclubs.

40 Prozent ihres Geldbedarfs deckt die Bergrettung aus den Beiträgen ihrer Fördermitglieder, ebenso viel kommt aus dem Steuertopf. Ein Fünftel der Einkünfte machen gestellte Rechnungen, Spenden und Sponsorgelder aus.

Aufgerufen am 08.12.2021 um 03:07 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/salzburger-bergrettung-rueckt-doppelt-so-oft-aus-31440031

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