Chronik

Salzburger Captagonprozess: Acht Angeklagte zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt

Indem Strafverfahren um den Handel mit Millionen illegaler Aufputschpillen wurden am Montagabend acht der 14 Angeklagten verurteilt. Der Erstangeklagte erhielt neun Jahre Haft, sein zweitangeklagter Sohn 6,5 Jahre. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Am 14. Dezember war der Prozess gegen die insgesamt 14 Angeklagten im Salzburger Schwurgerichtssaal eröffnet worden.  SN/apa
Am 14. Dezember war der Prozess gegen die insgesamt 14 Angeklagten im Salzburger Schwurgerichtssaal eröffnet worden.

14 Wochen dauerte der Schöffenprozess unter Vorsitz von Richterin Victoria Winkler. An zwei Dutzend Tagen wurde in dem Megaverfahren verhandelt. Am Montagabend wurden nun die Urteile über die 14 Angeklagten gefällt. Staatsanwältin Sandra Lemmermayer lastete den elf Männern und drei Frauen, viele mit libanesischen bzw. arabischen Wurzeln, bekanntlich an, als Mitglieder einer zumindest 20-köpfigen internationalen Bande in unterschiedlicher Funktion am Handel von 13,8 Mill. Stück (Nettogewicht: 2,5 Tonnen) suchtgifthaltiger Captagontabletten mitgewirkt zu haben.

Nach stundenlanger Beratung befand das Gericht dann acht der Angeklagten für schuldig. Der Erstangeklagte erhielt neun Jahre Gefängnis, sieben weitere Beschuldigte bekamen Haftstrafen zwischen 2,5 und 7,5 Jahren. Sechs Angeklagte wurden im Zweifel freigesprochen. Die Urteile sind nicht rechtskräftig.

Der Anklage zufolge war das Captagon aus dem Libanon via Seeweg nach Belgien und von dort per Lkw nach Österreich geschmuggelt worden. Zwischengelagert im Innviertel kamen die Aufputschpillen dann in eine Pizzeria im Flachgau. Dort sei das Captagon in Pizzaöfen und Wäschetrockner eingebaut und die Geräte mit den Drogen nach Saudi-Arabien verschifft worden - zum Verkauf mit Millionengewinn. In arabischen Ländern ist Captagon eine sehr beliebte Droge. Den Umweg über Europa habe man gewählt, weil Importe aus der EU in Saudi-Arabien viel weniger kontrolliert würden als Wareneinfuhren aus Nahost.

Laut Staatsanwältin fungierte ein flüchtiger libanesischer Drogenpate (60), er ist offenbar in der Türkei untergetaucht, von seiner Heimat aus als Kopf der Bande. Er ist der Onkel des Erstangeklagten (54), eines in Salzburg und dann in Tirol lebenden Hoteliers. Der Erstangeklagte sei der "Österreich-Chef" der Bande gewesen; eine führende Rolle bei dem Schmuggel nahmen demnach auch sein - zweitangeklagter - Sohn (29), Betreiber der Pizzeria, sowie weitere Familienmitglieder ein. Ein ebenso angeklagter Belgier (40), Partner der Tochter des Erstangeklagten, soll die Verschiffung des Captagon vom Libanon nach Belgien organisiert haben. Etliche weitere Angeklagte, teils Bekannte von Mitgliedern der hauptangeklagten Familie, sollen beim Entladen, Zwischenlagern und Umverpacken der Pillen in die Elektrogeräte beteiligt gewesen sein.

13 Angeklagte hatten sich im Prozess nicht schuldig bekannt; nur der Pizzeriabetreiber (Verteidiger: Kurt Jelinek) legte ein Teilgeständnis ab. Er gab an, er habe 2017 mit dem späteren Kronzeugen rund 30 Kilo Captagontabletten (zirka 176.000 Stück), die zur Pizzeria geliefert worden seien, dort gelagert und in zwei Öfen eingebaut. Diese Tabletten seien aber nicht nach Saudi-Arabien gelangt, sondern in der Pizzeria versteckt worden. Die Anklage basiert vor allem auf den Angaben eines Irakers (41). Dieser wurde zuerst als Beschuldigter geführt, packte dann im Juli 2020 erstmals aus und erlangte so den Kronzeugenstatus. Zudem sah die Staatsanwältin einen riesigen Drogenhandel durch die Ergebnisse der mehrjährigen Überwachung der Telefongespräche zwischen den Angeklagten belegt.

Brisant: Kurz vor Prozessbeginn wurde bekannt, dass just die Hauptdolmetscherin im Ermittlungsverfahren mit dem Kronzeugen liiert ist. Die Liebesbeziehung der Arabisch-Dolmetscherin zum Iraker, von beiden geheim gehalten, soll bereits bestanden haben, als sie selbst seine Vernehmungen bei der Polizei übersetzte. Zudem hatte sie bei Vernehmungen etlicher Angeklagter übersetzt und dazu Hunderte Telefonüberwachungsprotokolle. Das Gericht musste das Gros der Protokolle neu übersetzen lassen. - Im Schlussplädoyer übte RA Jelinek, er vertrat vier Angeklagte, erneut scharfe Kritik an den Ermittlungen. Letztlich bauten die Vorwürfe einzig auf den Kronzeugen auf, der "völlig unglaubwürdig" sei.

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