Chronik

SN-Artikel brachte Wäsche ans Licht, die Frauengeschichten erzählt

Die Familienschätze dürfen nun bei der Ausstellung über 150 Jahre Geschichte der Frauenunterwäsche im Kulturzentrum Bachschmiede in Wals-Siezenheim strahlen.

Jahrelang schlummerten die kunstvoll genähten und bestickten Wäschestücke aus längst vergangenen Zeiten in Kleiderkästen, Kommoden und Kartons. Ab heute rücken sie in der Sonderausstellung über 150 Jahre Kulturgeschichte der Frauenunterwäsche in der Bachschmiede in Wals-Siezenheim ins Rampenlicht.

Der SN-Artikel über die bevorstehende Schau, bei der großteils Leihgaben aus dem Frauenmuseum in Meran gezeigt werden, hat in der Leserschaft die Erinnerung an alte Wäsche in Familienbesitz geweckt. Einige Stücke werden nun die Ausstellung bereichern. Er freue sich über das Interesse aus der Bevölkerung, sagt Bachschmiede-Geschäftsführer Bernhard Robotka.

Eng mit der Geschichte der Bachschmiede verbunden ist ein mit Monogramm besticktes Nachthemd, das viele Jahre am Hof bei Klara Eisl vom Frießeneggerbauer in Wals überdauert hat. "Es gehörte Antonia Lechner, einer der acht Töchter des ersten Walser Bachschmieds Josef Lechner", erzählt Eisl, die in die Familie eingeheiratet hat. Antonia, genannt "Toni", war die Urgroßtante von Eisls verstorbenem Mann Georg. Sie wurde 85 Jahre alt und verstarb 1962. "Sie war sehr belesen und besaß viele Bücher, Gedichte und Lieder", sagt Eisl. Intensiv habe sie sich dem Aufschreiben aller Dorfereignisse und Festlichkeiten gewidmet. Antonia pflegte einen engen Briefwechsel mit ihrem Onkel Jakob Lechner, als er in Wien war. 2011 widmete die Bachschmiede dem großen Sohn der Gemeinde eine Sonderausstellung. "Es ist schön, dass das Nachthemd nun in Antonias Elternhaus zurückkehrt und auf diese Weise an sie erinnert wird", meint Eisl. Sie mutmaßt, dass Antonia das Nachthemd selbst genäht hat. "Es schaut aus wie ein Handarbeitsstück, das nie getragen wurde."

Häufig kam hingegen die feine Seidenwäsche zum Einsatz, die ORF-Redakteurin und Radiomoderatorin Andrea Aglassinger wie einen Schatz hütet. "Die Schwester meiner Großmutter, meine 1908 geborene Großtante Renate, hat mir die Wäsche noch zu Lebzeiten vermacht", erzählt die Journalistin und öffnet die Schachtel, in der sie das Geschenk aufbewahrt. Zum Vorschein kommen feinste, wunderschön gearbeitete Unterhemden und Nachtwäsche. "Peter Palmers" ist auf einem Etikett zu lesen. Ein Negligé aus Seide stammt aus einer Schneiderei in Berlin. Die ursprüngliche Besitzerin und die Wäsche haben ein abenteuerliches Leben hinter sich. "Für uns Kinder war Renate immer die feine Tante aus der großen, weiten Welt", erzählt Aglassinger. "Sie war blond und bildhübsch und hat das mondäne Leben in der Großstadt geliebt." Anfang der 1930er-Jahre hatte die 1908 geborene Kärntnerin beschlossen, ihre Heimat zu verlassen und sich ein neues Leben in Deutschland aufzubauen. "Tante Renate wollte der Armut entfliehen und hatte Sehnsucht nach einem anderen Leben", schildert Aglassinger, die in Gastein aufgewachsen ist. Zuerst sei Renate nach München gereist, dann habe es sie nach Berlin gezogen, wo sie den gut situierten Juristen und Beamten Werner Hoche geheiratet habe. Er war Ministerialdirigent im Reichsministerium für Inneres. Das Paar hatte zwei Kinder. "Meine Großtante verkehrte in Künstlerkreisen und war oft zu Empfängen eingeladen. Sie war auch mit dem Schauspieler Hans Albers befreundet", erzählt Aglassinger. Renates Mann sei von den Russen verschleppt worden und nicht mehr zurückgekommen. Renate flüchtete mit ihren Kindern gegen Kriegsende aus Berlin. "Sie hat mehrere Koffer mit ihrem Hab und Gut bei meinem Opa in der Steiermark deponiert." Er war Forstmeister, hatte sich aber geweigert, der NSDAP beizutreten, und wurde deshalb strafversetzt. Renate lebte eine Zeit lang in München, kehrte dann aber nach Österreich zurück. Aus Erzählungen weiß Aglassinger, dass ihre Großmutter aus allen Wolken fiel, als ihre Schwester die Koffer abholte und beglückt ihre geliebte Seidenwäsche auf dem Tisch ausbreitete. "Meine Oma hat fast der Schlag getroffen, sie war eine bescheidene Frau mit wenig Garderobe." Renate lebte später in Gmunden und in Baden bei Wien. "Sie konnte fantastisch erzählen und hat uns in Gastein immer wieder besucht", schildert Aglassinger. Ihre Großtante ist 1995 verstorben. Mit der Seidenwäsche kam noch ein Erinnerungsstück zum Vorschein: eine der bestickten Leinenunterhosen, die Aglassingers Opa zeit seines Lebens getragen hatte. Als Exot darf sich die Hose in der Bachschmiede unter die Frauenwäsche mischen.

In Henndorf begann aufgrund des SN-Artikels eine pensionierte Diplompflegerin im Kasten zu wühlen. "Meine 1910 geborene Tante Anna Krennwallner aus Grödig war Weißnäherin", schildert Elke Dumböck, die einige der Kreationen über all die Jahre hinweg aufbewahrt hat: eine Frauenunterhose mit langem Bein und Spitzenverzierung, ein kunstvoll besticktes Unterhemd, ein Nachthemd und zwei Babygarnituren mit Unterhemd und einer Windelhose zum Anknöpfen. "Anna war ein Herzensmensch und meine Lieblingstante", erzählt Dumböck. "Sie war auch eine ausgezeichnete Köchin." Anna sei ledig geblieben und habe mit ihrer Mutter den Gasthof Grüner Wald in Glanegg geführt. Zuletzt sei sie in der Gemeinde angestellt gewesen. 1978 sei ihre Tante verstorben. Durch die Wäsche bleibt die Erinnerung an sie lebendig.

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