Chronik

Stadt will kein Abbiegeverbot für Lkw

2018 waren im Stadtgebiet 450 Radfahrer in Unfälle verwickelt, eine junge Frau starb heuer. Wien verbietet nun das Rechtsabbiegen für schwere Lkw ohne Abbiegeassistenten. Salzburgs Verkehrsressortchefin lehnt das ab.

Es ist eine alarmierende Entwicklung: Fast jeder zweite Verkehrsunfall in der Stadt Salzburg, konkret 45 Prozent, betrifft mittlerweile einen Zusammenstoß mit einem Radfahrer. Diese brisante Zahl stammt vom Verkehrsreferat der Landespolizeidirektion, das dazu eigene Aufzeichnungen führt. Laut Statistik Austria (wo man weitere Quellen nutzt) kam es 2018 im Stadtgebiet zu 1062 Verkehrsunfällen, davon 450 mit Beteiligung von (E-)Fahrrädern oder (E-)Scootern. Landesweit wurden 916 Radfahrer verletzt und eine Person getötet.

Meist nur milde Strafen

Heuer im März kam es abermals zu einem tragischen tödlichen Unfall durch einen Lastwagen. Eine 24-jährige Studentin starb an der Kreuzung Breitenfelderstraße/Vogelweiderstraße, weil der Fahrer sie im toten Winkel seines Lkw beim Rechtsabbiegen nicht sah. Der 47-jährige Berufslenker beschreibt den Hergang im Strafverfahren so: Er habe bei Rot angehalten und die junge Frau auf dem Rad rechts neben sich nicht gesehen. Während er rechts abbog - was mit einem leichten Ausscheren des Lastwagens nach links einhergeht - fuhr die junge Frau geradeaus. Er habe "beim Abbiegevorgang ein leichtes Rucken gespürt", so der Mann, habe fortgesetzt, dann Rufe von Passanten gehört und angehalten. Nachträgliche Zeugenaufrufe der Polizei blieben jedoch erfolglos. Der Mann wird der fahrlässigen, allenfalls auch grob fahrlässigen Tötung beschuldigt, erklärt Staatsanwaltssprecher Robert Holzleitner. "Wir warten noch auf das kraftfahrzeugtechnische Gutachten." Strafdrohung: 720 Tagsätze oder ein bis drei Jahre Haft, die meist bedingt nachgesehen wird. Vor einigen Jahren wurde eine Lehrerin und Mutter auf der Sterneckstraße von einem Lkw getötet, sie war auf dem Radweg unterwegs.

Förderung für Nachrüstung

Lastwagen sind für wenig geschützte Verkehrsteilnehmer eine enorme Gefahr. In Österreich wurden von 2012 bis 2017 66 Fußgänger, 30 Radfahrer und 29 Moped- und Motorradlenker bei Unfällen durch Lkw getötet, so der Verkehrsclub Österreich. "Geradezu lebensgefährlich ist dabei der tote Winkel, ein blinder Fleck, der vom Rückspiegel nicht erfasst wird", erklärt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. Aber erst ab 2022 bzw. 2024 schreibt die EU verpflichtende Abbiegeassistenten für Lkw vor, "und das nur bei neuen Lkw" (Gratzer).

Wiens grüne Verkehrsreferentin will deshalb ab 2020 alle Fahrzeuge über 7,5 Tonnen, die keinen Abbiegeassistenten haben, nicht mehr rechts abbiegen lassen. Was de facto einem Fahrverbot gleichkomme, wie "Der Standard" berichtet. Anlass war ein furchtbarer Unfall im Februar in Wien, bei dem ein neunjähriger Volksschüler, der mit seinem Scooter einen Schutzweg überquerte, von einem Lkw getötet wurde. Eine Online-Petition von Eltern forderte die sofortige Ausstattungspflicht mit Rechtsabbiegeassistenten in Österreich, was FPÖ-Verkehrsminister Norbert Hofer abschmetterte.

"Der Vorstoß der Stadt Wien ist deshalb so wichtig, weil damit die Nachrüstung der älteren Lkw beschleunigt wird", sagt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer den Stadt-Nachrichten. Zumal es seit Kurzem beim Verkehrsministerium eine eigene Förderung für die Nachrüstung gebe. Salzburgs Radwegekoordinator Peter Weiß würde eine Regelung wie in Wien "sehr begrüßen".

Nicht so Verkehrsressortchefin Barbara Unterkofler (ÖVP). "Stellen Sie sich vor, alle fahren in der Stadt nur mehr nach links", meint sie auf Nachfrage (siehe Interview). Die Stadt setze auf technische Maßnahmen, um die Sicherheit zu erhöhen. An der Todeskreuzung in Schallmoos steht nun eine noch verhüllte digitale Warntafel, die zu blinken beginnt, wenn ein Radfahrer einen Sensor überfährt. Darüber hinaus wurden mehrere Lastwagen des Straßen- und Brückenamts sowie der Müllabfuhr mit unterschiedlichen Assistenten ausgestattet. Im Herbst wolle man die getesteten Systeme evaluieren, so Unterkofler.

IM GESPRÄCH  "Dann fahren alle nur mehr nach links"

Verkehrsreferentin Barbara Unterkofler will Radwege mit 150 Maßnahmen sicherer machen.

Redaktion: Frau Dr. Unterkofler, Wien will Lkw ohne Abbiegeassistenten nicht mehr rechts abbiegen lassen. Wäre das was für Salzburg?

Barbara Unterkofler: Nein, stellen Sie sich vor, alle fahren in der Stadt nur mehr nach links. Wir müssen das anders angehen. Ziel muss es sein, die Räder von der Straße wegzubekommen. Wir haben das Radbudget verdoppelt. Mein Ressort hat zwölf Radialachsen und Ringwege im Auge, die bis ins Umland führen. Die wollen wir mit 150 Einzelmaßnahmen sicherer machen.

Müsste man nicht auch dem Auto Platz wegnehmen?
Dem Auto was wegnehmen, das ist zu plakativ gesagt. Ideal sind Radwege an Wegen und Flüssen. Ich war kürzlich in Amsterdam, die haben ein ganz anderes Platzangebot. In Salzburg, mit dem beengten Raum zwischen Bergen und Fluss, kann ich niemandem was wegnehmen. Ich will nicht mit Verboten, sondern mit Anreizen arbeiten.

Wie erklären Sie Ihren Kindern sicheres Radfahren?
Ich gehe mit meinen Kindern die Wege durch, die sie fahren, zur Schule, zu einer Freundin. Und ich habe ihnen gesagt, wenn ihr steht und ein Lkw kommt neben euch, nehmt das Fahrrad und stellt euch auf den Gehweg!

Aufgerufen am 16.09.2019 um 09:06 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/stadt-will-kein-abbiegeverbot-fuer-lkw-76100113

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