Chronik

Tennengau: Starker Zulauf auf die Kinderbetreuung

Mehr Geburten, günstige Preise, Druck auf beide Elternteile, arbeiten zu gehen - die Gründe sind vielfältig, das Ergebnis ist das gleiche: Die Gemeinden im Tennengau kommen mit dem Ausbau der Kinderbetreuung kaum hinterher.

Kinderbetreuung wird auch im Tennengau immer stärker nachgefragt, vor allem bei den unter Dreijährigen.  
Kinderbetreuung wird auch im Tennengau immer stärker nachgefragt, vor allem bei den unter Dreijährigen.  

Mit Ende Mai mussten die Gemeinden beim Land einreichen, was sie im kommenden Jahr an Kinderbetreuung geplant haben. Untätigkeit in Sachen Kinderbetreuung konnte man den Tennengauer Gemeinden in den vergangenen Jahren nicht wirklich vorwerfen: 2014 eröffnete Bad Vigaun einen neuen Kindergarten für gut 100 Kinder, Kuchl eröffnete 2016 den ersten Waldkindergarten des Bezirks und Abtenau baute im Sommer 2017 den Kindergarten Voglau für 300.000 Euro aus und erweiterte auch die Nachmittagsbetreuung im Markt. Seit Sommer 2017 entstanden im Tennengau insgesamt 48 neue Kinderbetreuungsplätze.

Platznot im Gollinger Kindergarten

Die genauen Zahlen für das kommende Jahr liegen noch nicht vor, vielerorts ist aber klar, dass sich, allerspätestens mittelfristig, etwas tun muss. So zum Beispiel in Golling, wo in sechs Kindergartengruppen, zwei Krabbel- und einer Schulkindgruppe gut 200 Kinder betreut werden: "Die Situation bei den unter Dreijährigen haben wir halbwegs im Griff, aber die Kindergartenplätze waren ein Problem", sagt Bürgermeister Toni Kaufmann (ÖVP). Die Lösung: In einer Gruppe durfte man die Höchstzahlen überschreiten, vier Kinder gehen in den Kindergarten nach Scheffau, manche kamen bei Tageseltern unter. "Es ist kein Kind unbetreut, das Betreuung wollte", betont Kaufmann. In der nächsten Periode müsse aber sicher ausgebaut werden, einen Grund gleich neben der Volksschule hat die Gemeinde bereits angekauft.

Adnet hat schon Grund für den Ausbau angekauft

So auch in Adnet: Die Gemeinde hat bereits 900 Quadratmeter Grund neben dem Kindergarten angekauft, um ehestmöglich Platz für drei weitere Gruppen zu schaffen. Erst 2009 war das 1999 neu erbaute Haus um zwei Gruppen erweitert worden. "Vor allem bei den Ein- bis Dreijährigen ist der Zulauf stark gestiegen. Bis vor einigen Jahren hatten wir nicht einmal eine Krabbelgruppe, jetzt haben wir zwei, und die sind noch zu wenig", sagt Bürgermeister Wolfgang Auer (ÖVP). "Ich glaube, der Druck auf die Eltern, schnell wieder arbeiten zu gehen, ist gestiegen, grade auch mit den neuen Karenzmodellen."

In Annaberg hat die Gemeinde kurzfristig eine zusätzliche Kindergartengruppe in der Neuen Mittelschule eingerichtet. "Gott sei Dank müssen wir nicht in Container ausweichen, glücklicherweise haben wir die Räumlichkeiten", sagt Bgm. Sepp Schwarzenbacher (ÖVP). "Wir stellen auch zusätzliche drei Kindergartenpädagoginnen ein. Für mich ist die Kinderbetreuung Pflichtaufgabe, das kostet natürlich Geld, da muss vieles anderes warten."

Hallein: Vollversorgung nur dank privater Anbieter

In der Bezirkshauptstadt Hallein ist Kinderbetreuung immer ein heißes Thema. Es gebe zum Abschluss der Anmeldefrist immer wieder Absagen und eine Warteliste, sagt Bgm. Gerhard Anzengruber (ÖVP), "wir können nicht immer zu diesem Zeitpunkt den Wunschkindergarten anbieten". Dennoch gebe es Vollversorgung: Inklusive privater Kindergärten wie der Kindervilla des Hilfswerks kommt die Stadt auf fast 1400 Betreuungsplätze, zudem vergibt sie Betreuungsplätze an Tageseltern. In den Sommerferien wird nun im stark wachsenden Stadtteil Rif Platz geschaffen für zwei neue Krabbelgruppen und Tagesbetreuung. Langfristig gibt es auch Pläne für die ehemalige Almbacharena: 7000 Quadrameter inklusive des ehemaligen Vereinsheims stehen hier zur Verfügung: "Im Stadtteil Burgfried-Ost wird viel gebaut, viele Jungfamilien ziehen zu, aber es ist der einzige Stadtteil, der bisher noch keine eigene Einrichtung hat."

Hilfswerk baut in Puch-Urstein aus

Auch das Hilfswerk als größter privater Träger im Bezirk (ca. 250 Plätze) baut aus: Die Kindervilla in Hallein ist auf mittlerweile drei Kindergarten-, vier Krabbel-, drei Schulkind- und drei alterserweiterte Gruppen angewachsen, dazu kommen zwei Krabbelgruppen in Oberalm und in Puch-Urstein entsteht eine ganz neue Einrichtung mit zwei alterserweiterten Guppen für Ein- bis Sechsjährige: "Hier wird von 7 bis 17 Uhr geöffnet sein und die Eltern werden die Stunden flexibel so legen können, wie sie es brauchen", erklärt Dorina Simko vom Hilfswerk Familien- und Sozialzentrum Hallein.

Neben diesen Einrichtungen arbeiten auch zwölf Tageseltern im Tennengau für das Hilfswerk, in Lungötz, Bad Vigaun, Adnet, Hallein und Kuchl. "Wie in den Einrichtungen haben wir auch hier mehr Nachfrage als Angebot da ist, wir suchen immer neue Tageseltern", sagt Simko. Zudem wolle man das Angebot der Betriebstagesmutter ausbauen. "Es scheitert leider oft am Platzmangel. Wir hätten schon einen Betrieb gehabt, der Interesse hatte, aber die Firma platzt jetzt shcon aus allen Nähten."

St. Koloman: Kaum noch Platz für die vielen Geburten

In St. Koloman führt Bgm. Willi Wallinger (ÖVP) die steigende Nachfrage auf die starke Geburtenzahl zurück: "In den letzten Jahren hatten wir immer um die 30 Geburten jährlich, das ist sehr viel für so eine kleine Gemeinde." Daher denkt auch hier die Gemeinde bereits intensiv über Erweiterungsmöglichkeiten nach, obwohl sie erst heuer eine alterserweiterte Gruppe ab 1,5 Jahren eingeführt hat: "Das ist schon gewaltig, wie viele Eltern beruflich so angehängt sind. Wir führen zwei Kidnergartengruppen und eine alterserweiterte, und alle sind gesteckt voll. Wir mussten sogar einige abweisen, die dann aber bei Tagesmüttern untergekommen sind. Aber das passt eh auch ganz gut, die Tagesmütte können flexiblere Zeiten anbieten als wir, und wir wollen ihnen ja nicht das Geschäft wegnehmen."

In Puch sieht sich Bgm. Helmut Klose (ÖVP) gut aufgestellt: "Wir haben wenig Spielraum, aber wir können alle unterbringen." Demnächst werde die Nachmittagsbetreuung ausgebaut. Derzeit werden in Puch rund 120 Kinder in sechs Kindergartengruppen, zwei altererweiterten Gruppen und einer privaten Krabbelgruppe betreut.

Große Pläne in Scheffau und Mittagessen beim Wirt statt im Kindergarten

Noch keine Platzsorgen, aber dennoch bereits vorgesorgt hat Scheffau: Das Grundstück für eine neue Volksschule und den Kindergarten ist bereits gekauft, im Frühjahr 2019 soll gebaut werden. "Wir planen Platz ein für doppelt so viele Schüler und Kindergartenkinder wie jetzt, das soll ein Gebäude für die nächsten 30, 40 Jahre sein", sagt Bgm. Friedl Strubreiter (ÖVP). Schon jetzt wusste man sich in Scheffau mit kreativen Lösungen zu helfen: Mittagessen bekommen die Kinder nämlich nicht im Kindergarten, sondern (in Begleitung einer Kindergartenpädagogin) beim nahe gelegenen Pointwirt.

Forum Familie: "Gut aufgestellt, aber weit weg von Barcelona"

"Wir sind grundsätzlich im Tennengau gut aufgestellt und es tut sich auch jedes Jahr etwas, aber vom Barcelona-Ziel brauchen wir nicht reden", meint Expertin Corona Rettenbacher vom Forum Familie Tennengau. Die Servicestelle des Landes berät unter anderem Eltern in Sachen Kinderbetreuung. Als sogenanntes Barcelona-Ziel strebt die EU eine Betreuungsquote von 33 Prozent der unter Dreijährigen an. Der Tennengau liegt hier momentan bei 23,9 Prozent.

Ohne private Träger wie das Hilfswerk oder das Tageselternzentrum (TEZ) ginge es nicht, vor allem in Hallein. Und die oft geforderte Wahlfreiheit in der Kinderbetreuung gebe es nicht, die Eltern müssten sich nach dem Angebot der Gemeinden richten, statt umgekehrt. Sie hofft auch auf Fortschritte durch das Landeskinderbetreuungsgesetz, an dem bereits seit vier Jahren gearbeitet wird. "Im aktuellen Koalitionsvertrag steht, dass es in dieser Periode fertiggestellt werden soll."

Davon abgesehen, brauche es grundsätzlich ein Umdenken in Sachen Kinderbetreuung: "Es wäre schön, wenn wir von dem Gedanken wegkämen, dass Kinderbetreuung nur etwas für Kinder von berufstätigen Eltern ist. Diese moralische Komponente wertet den ganzen Berufsstand der Pädagoginnen ab. Ihre Ausbildung ist sehr gut, die Kindergärten sind auch Bildungseinrichtungen."

Aufgerufen am 13.12.2018 um 04:31 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/tennengau-starker-zulauf-auf-die-kinderbetreuung-28868950

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