Chronik

Thomas Geierspichler: "Ich bin wieder heiß aufs Fahren"

Thomas Geierspichler feierte als Rennrollstuhlfahrer zahlreiche Erfolge. Mit 44 Jahren denkt er noch nicht ans Aufhören. Neben dem Sport will er anderen Menschen Mut machen, ihren Weg zu gehen.

Der erfolgreiche Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler bereitet sich auf die Paralympics in Tokio vor, die auf kommendes Jahr verschoben wurden.  SN/sw/dissertori
Der erfolgreiche Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler bereitet sich auf die Paralympics in Tokio vor, die auf kommendes Jahr verschoben wurden.

Beim Besuch Thomas Geierspichlers auf seinem Gut in Anif sitzt er gerade auf seinem Mähtraktor und zieht seine Runden über die rund 5000 Quadratmeter große Wiese. Was viele Menschen als eine lästige Arbeit empfinden, ist für den 44-Jährigen pure Entspannung. Warum das so ist, wie seine Zukunft aussieht und vieles mehr verrät er im Interview.

Redaktion: Was finden Sie so entspannend beim Rasenmähen?

Thomas Geierspichler: Es ist für mich eine Art der Meditation, ein bisschen wie ein Gebet. Ich habe da zwei Stunden nur für mich und kann über die Dinge des Lebens nachdenken. Egal ob es den Sport oder andere Angelegenheiten in meinem Leben betrifft. Ich empfinde dabei eine tiefe Dankbarkeit. Ich komme oft auf neue Ideen oder finde Lösungen für Probleme. Das Fahren mit dem Mähtraktor ist eine Gratwanderung zwischen Konzentration und Gedanken schweifen lassen. Da ist auch viel Routine dabei. Ich mache das jetzt seit acht Jahren und was am Ende jeder Fahrt hinzukommt, ist der schöne Anblick des Rasens, wenn ich mit der Arbeit fertig bin.

Themen rund um das Corona-Virus haben uns nach wie vor fest im Griff. Wie waren die vergangenen sechseinhalb Monate seit dem Lockdown für Sie?

Es war von Anfang an eine surreale Situation. Die Welt schien vor allem während des Beginns des Lockdowns stillgestanden zu sein. Am Anfang war ich in einer Art Schockstarre, ich habe mich immer gefragt, ob ich zum Beispiel jetzt unbedingt einkaufen muss oder nicht. Ich habe aber wie alle anderen gelernt, damit zu leben. Ich habe in dieser Zeit viel auf meinem Ergometer bei mir zu Hause trainiert und immer nur geschaut, was geht und was nicht geht. Wir Profis durften dann zum Glück relativ schnell wieder im Olympiazentrum in Rif trainieren. Ich vermeide aber nach wie vor große Menschenansammlungen. Ich trage auch die Maske, wenn ich wohin gehe. Wer ein Problem dabei hat, in gewissen Situationen eine Maske zu tragen, muss sich selbst hinterfragen. Mein Selbstwertgefühl leidet auf jeden Fall nicht darunter.

Die Paralympics in Tokio wurden von heuer auf 2021 verschoben. Was sind Ihre Ziele, falls das Event stattfindet?

Ich hoffe, dass die Spiele natürlich ohne Probleme über die Bühne gehen, aber bitte nicht auf Biegen und Brechen. Ich habe mich heuer so vorbereitet, als ob ich bei den Paralympics gewesen wäre. Ich habe viele Rennen simuliert und viel in der Kraftkammer gearbeitet. Ich bin topfit und wenn ich im kommenden Jahr dabei bin, dann will ich natürlich das Maximum, also eine Medaille herausfahren. Ich bin wieder richtig geil aufs Fahren.

Zwischen Ihren ersten Spielen in Sydney im Jahr 2000 und den nächsten in Tokio liegen 21 Jahre. In welchen Bereichen haben Sie sich am meisten verändert?

Ich habe nun deutlich mehr Haare im Gesicht als auf dem Kopf. Aber Spaß beiseite. Die Bronzemedaille in Sydney war eine Überraschung, die Goldene vier Jahre später in Athen war dann genau das Ziel, das ich erreichen wollte. Ich verfolge nach wie vor dieses Ziel, aber ich bin jetzt viel ruhiger und gelassener als vor 20 Jahren. Ich mache mir nicht mehr über alles Gedanken und hinterfrage nicht mehr alles bis ins letzte Detail, weil ich gewisse Dinge ohnehin nicht ändern kann und einfach nur hinnehmen muss.

Mit 44 Jahren denkt man wohl über die Zukunft nach dem Sport nach. Wie wird diese aussehen?

Also eine richtige Vorstellung habe ich nicht, wie es nach dem Sport weitergehen wird. Ich habe das Privileg, meinen Sport auszuüben, und fühle mich fit. Es ist daher noch kein Ende der Fahnenstange in Sicht. Ich werde nach meiner Karriere auf jeden Fall vermehrt Vorträge halten. Ich will Menschen motivieren, an sich zu glauben, und dass sie stets ihren Weg gehen, ohne sich ständig beeinflussen zu lassen. Am Ende des Lebens darf man nicht dasitzen und sich denken: "Scheiße, das hätte ich doch so gerne gemacht und mich nicht getraut." Die Umstände dürfen einen nicht bestimmen. Nebenbei helfe ich schon seit längerer Zeit meiner Mutter bei der Vermietung der Ferienappartements auf unserem Reschberghof in Anif. Der heurige Sommer war wegen Corona ein Desaster, wir hatten - wie viele andere - nur wenige Gäste.

Ihr erstes Buch "Mit Rückgrat zurück ins Leben" war ein Bestseller. Wird es ein weiteres Buch von Ihnen geben?

Das Buch damals war notwendig, um mit einem gewissen Teil in meinem Leben vor und nach meinem Unfall im Jahr 1994 abzuschließen. Das Schreiben war mit sehr viel Zeitaufwand verbunden. Ich habe mich jeweils zwei Monate im Winter und im Sommer jeden Tag hingesetzt und über mein Leben geschrieben, wie es mir gerade in den Sinn gekommen ist. So habe ich zum Beispiel das erste Kapitel erst ganz am Schluss geschrieben. Ich lasse die Texte dann nur noch redigieren, der Inhalt ist immer von mir. Ich muss es einfach spüren, wann es Zeit für ein weiteres Buch ist. Ich schreibe ab und zu Kolumnen, ein Buch bedeutet aber doch einen viel größeren Aufwand.

In Teilen der USA herrscht seit einigen Monaten Ausnahmezustand. Es wird im Rahmen der Black-Lives-Matter-Bewegung gegen Rassismus protestiert. Als Mensch mit Behinderung gehören Sie ebenfalls einer Minderheit an. Waren Sie schon Opfer von Diskriminierung?

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich diese Frage verneinen. Vielleicht auch deswegen, weil mich viele Menschen kennen und daher nett zu mir sind. Eine genaue Erklärung habe ich dafür aber nicht. Ich denke mal, dass es auch darauf ankommt, wie man als Betroffener, sprich als Mensch mit Behinderung, auf andere Menschen ohne Behinderung zugeht. Aber natürlich gibt es Diskriminierungen in der Gesellschaft. Heutzutage werden Menschen mit Behinderung weniger als Hascherl, sondern oft als Helden dargestellt. Das ist auch der falsche Weg. Wenn mir jemand sagt: "Wahnsinn, du leistest ja mehr als ein Marcel Hirscher", dann muss ich jedes Mal sagen, dass das Blödsinn ist. Da wird man dann auch wieder in ein gewisses Eck gedrängt, in das ich auf keinen Fall reingehören will. Ich will keine Sonderbehandlung, sondern so fair behandelt werden wie alle anderen Leute ohne Behinderung. Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sind mir dahingehend besonders wichtig.

Aufgerufen am 05.12.2020 um 10:22 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/thomas-geierspichler-ich-bin-wieder-heiss-aufs-fahren-93505651

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