Chronik

Bluttat in Lehen: "Der Schütze war noch nie in unserem Lokal"

Ein Phantombild zeigt einen Verdächtigen. Dem Chef der Bar, vor der ein Bosnier getötet und einer verletzt wurde, sei der Mann "völlig unbekannt".

So wurde der Verdächtige von Zeugen beschrieben.  SN/polizei salzburg
So wurde der Verdächtige von Zeugen beschrieben.

Zwei Männer unterhalten sich Freitagmittag in einem Wettlokal in der Ignaz-Harrer-Straße angeregt über ein Fahndungsbild, das die Polizei nach der Bluttat von Dienstagabend veröffentlicht hat. Ein Unbekannter hatte vor einer Bar in der Nähe Schüsse abgefeuert. Ein 46-Jähriger starb am Gehsteig, sein 24-jähriger Sohn erlitt einen Oberschenkeldurchschuss.

Das Phantombild zeigt mutmaßlich einen Albaner oder Kosovaren, zwischen 30 und 35 Jahre alt und 180 bis 185 Zentimeter groß. Der Verdächtige wird als korpulent beschrieben, rund 130 Kilogramm schwer. Bei der Kleidung, die er zur Tatzeit getragen haben soll, korrigierte die Polizei: Der Mann soll nicht ein weiß-blau kariertes Hemd, sondern ein dunkelbraun gestreiftes Poloshirt getragen haben.

Angestellter: "Stehe noch unter Schock"

"Traurig, traurig, traurig", sagt einer der Männer im Wettbüro. Auch drei Tage nach dem Mord ist für ihn die Tat auf der Straße kaum zu fassen. Vor dem Lokal ist währenddessen ein Mitarbeiter damit beschäftigt, die Blutflecken vom Asphalt im Gastgarten und vom Gehsteig zu schrubben. Er sei in Serbien gewesen, als er von den Schüssen erfahren habe, sagt er. "Ich bin gleich ins Auto gestiegen." An die Rückfahrt könne er sich gar nicht mehr richtig erinnern. "Ich stehe noch immer unter Schock." Gerüchte, dass der Schütze den Angestellten bekannt gewesen sei, weist der Mann zurück. "Den kennt keiner. Der Kellner, der seit drei Jahren bei uns arbeitet, hat den noch nie gesehen." Er denke, "das war einfach eine Rausch-Angelegenheit, die eskaliert ist." Auch der Lokalbetreiber, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, bekräftigt im SN-Gespräch: Ihm sei die Person, die das Fahndungsfoto zeigt, "völlig unbekannt". Er sei sicher: "Der war noch nie in unserem Lokal."

Laut Polizei gebe es bisher auch keine Hinweise darauf, dass sich Täter und die Opfer gekannt haben. Dass es in dem Streit um Geld gegangen sei, wie auch kolportiert wurde, stellt eine Familienangehörige in Abrede. "Es war überhaupt kein Geld im Spiel." Die Tat sei ein "Zufall" gewesen.

"Aus Respekt vor den Opfern" geschlossen

"Laut Zeugen- und Opferangaben dürfte das alkoholisierte Benehmen der bosnischen Gäste den Täter provoziert haben", hieß es am Donnerstag von der Polizei. Der Schütze soll zunächst den 24-Jährigen, der die Geburt seines Kindes feierte, geohrfeigt haben. Als der Bosnier seinen Vater als Verstärkung aus dem Inneren holte, eskalierte die Lage. "Die Streiterei, die Schießerei ist ganz schnell gegangen", sagt der Lokalbetreiber unter Verweis auf die Angaben seines Kellners.

Seit den Schüssen ist die Bar geschlossen. "Sicher ist es ein Schaden. Wir wissen nicht, ob es wieder laufen wird oder nicht. Aber das ist Nebensache", sagt der Chef. Er wolle vor Sonntag nicht öffnen, "aus Respekt vor den Opfern." Die Leiche des 46-Jährigen wurde nach der Obduktion von der Staatsanwaltschaft zur Beerdigung freigeben. Der Bosnier soll laut der Familienangehörigen am Sonntag in seiner Heimat bestattet werden.

Das Fahndungsplakat. SN/polizei
Das Fahndungsplakat.

Mordfall aus dem Jahr 2011 vor dem Elmo-Kino ist weiter ungeklärt

Der aktuelle Tötungsfall weckt Erinnerungen an eine weitere Bluttat, die sich nur wenige hundert Meter entfernt hat - und zwar auf der anderen Seite der Lehener Brücke vor dem ehemaligen Elmo-Kino im Stadtteil Elisabeth Vorstadt.

Die 38-jährige gebürtige Serbin Ljubica K. war dort am 9. Mai 2011 von einem Unbekannten mit einem Messer attackiert und tödlich verletzt worden. Die Ermittler befragten rund 70 Zeugen, es wurden auch mehrere Personen zwischenzeitlich als Beschuldigte geführt - bei keiner hatte sich jedoch ein Tatverdacht erhärtet. Die Kriminalisten gehen am ehesten von einem aus dem Ruder gelaufenen Handtaschenraub aus.

Dezember 2017: Türke schoss in Lehen einen Bekannten nieder

Auch eine zweite Bluttat in Lehen aus dem Jahr 2017 kommt angesichts des aktuellen Falls in Erinnerung: Denn am 7. Dezember 2017 hat dort ein 54-jähriger Türke in Lehen im Bereich der Hans-Sachs-Gasse auf offener Straße mit einer Pistole der Marke Walther P 38, Kal. 9 mm, einen 42-jährigen Bekannten aus nächster Nähe niedergeschossen und fast getötet.

Ein Motiv für den Mordversuch wurde auch beim Prozess im Dezember 2018 vom später Verurteilten nicht genannt. Tatsache ist, dass der 54-Jährige, damals Inhaber einer Imbissstube, bereits zuvor mit der Pistole, die er illegal besaß, in ein Wettlokal ging. "Er wollte einen Gewinn aus einer Fußballwette in Höhe von 300 Euro einfordern; tatsächlich standen ihm aber nur 155 Euro zu. Weil ihm der Angestellte nicht 300 Euro geben wollte, zückte der Angeklagte die Pistole und bedrohte diesen", so Staatsanwalt Michael Schindlauer beim Prozess.

Der 54-Jährige verließ dann das Lokal und traf auf dem Heimweg auf den 42-jährigen Bekannten - was diesen letztlich fast das Leben kostete. Der 42-Jährige im Prozess: "Ich hatte gerade mein Auto eingeparkt. Da ist er auf mich zu und hat gesagt, ich soll ihn anschauen. Dann hat er gefragt, warum ich ihn nicht grüße. Ich habe nur gesagt, dass ich ihn nicht grüßen muss. Darauf hat er mich und einen Onkel von mir beschimpft, plötzlich die Pistole gezogen und auf mich geschossen." Der 42-Jährige erlitt zwei Bauchschüsse und einen Durchschuss im Arm. Er überlebte nur dank Not-OP und war zum Zeitpunkt des Prozesses im November 2018 noch immer arbeitsunfähig. Die Geschworenen sprachen den unbescholtenen 54-Jährigen einstimmig wegen Mordversuchs, Nötigung, Drohung und illegalen Waffenbesitzes schuldig. Der Mann wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt - das Urteil ist bereits rechtskräftig.

Quelle: SN

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Aufgerufen am 20.06.2019 um 05:40 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/video-bluttat-in-lehen-der-schuetze-war-noch-nie-in-unserem-lokal-71287591

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