Chronik

Vier Jahrzehnte Lebenshilfe im Pinzgau

Freiwilliges Engagement, ein langer Atem und eine große Portion Unerschrockenheit. Das zeichnet die Gründerinnen damals und heute aus.


Christine Hochwimmer erinnert sich zurück: "Für Menschen mit besonderen Bedürfnissen gab es bei uns neben dem Dorf St. Anton nur in den Schwerstbehindertenklassen der Sonderschulen außerfamiliäre Betreuung. Dort durften die Kinder ausnahmsweise bis zum Alter von 18 Jahren bleiben. Aber was dann? Was ist mit den Erwachsnen? "

Diese brennende Frage ließ die heutige Obfrau der Lebenshilfe Pinzgau vor gut 40 Jahren nicht zur Ruhe kommen. Sie besprach sich mit dem Schulinspektor und mit dem Direktor der Sonderschule in Neukirchen, welche Tochter Marianne damals besuchte. Und sie kam in Kontakt mit Heinz Fischer, dem einstigen Leiter der Lebenshilfe Salzburg.

Man war sich einig, dass etwas geschehen müsse, doch wie das Geld auftreiben? Die Vereinsgründung im Bezirk war das eine, die Finanzierung der ersten Werkstätte das andere. "Betteln gehen", lautete die Devise für den Vorstand, der sich übrigens nicht "nur" aus betroffenen Müttern und Vätern, sondern auch aus anderen engagierten Menschen zusammensetzt.

Christine "Christl" Hochwimmer: "Wir sind damals auf wirklich viele offene Ohren gestoßen. In meiner Heimatgemeinde Bramberg etwa konnte die Landjugend binnen kürzester Zeit 250 Lebenshilfe-Mitglieder gewinnen, die Katholischen Frauen spendeten den Adventmarkt-Erlös, die Firmen zeigten sich großzügig. Auch die Gemeinde und die Pfarre unterstützten unsere Anliegen und so konnte bereits nach einem Jahr die Lebenshilfe-Einrichtung in Bramberg eingeweiht werden. Bei diesem großen Fest flossen viele Freudentränen. Auf Anhieb hatten sieben Menschen mit Behinderung einen Platz und eine sinnvolle Beschäftigung gefunden."

Ähnlich ging es in Saalfelden zu. Dort war Obfrau-Stellvertreterin Elfriede Rasser die treibende Kraft vor Ort. "Ein Jahr später fand konnte auch hier die erste Werkstätten-Gruppe einziehen. Die Saalfeldenerin erzählt, dass zum Teil auch bei Eltern Überzeugungsarbeit vonnöten gewesen sei. "Manche hatten ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Kinder mit Behinderung außer Haus gaben. Sie sahen es als ihre Aufgabe, alles allein bewältigen zu müssen. Doch letztendlich erkannten alle, dass das Begleitangebot der Lebenshilfe ein Gewinn für alle Beteiligten ist - auf der einen Seite in Sachen Selbstständigkeit, auf der anderen Seite kann auch mal durchgeatmet werden." Dass das Loslassenkönnen aber nicht immer einfach ist, musste Elfriede Rasser auch bei ihrem eigenen Sohn Gerald erfahren.

"Durch unsere Tätigkeit sind wir immer mutiger geworden"

Mittlerweile jedenfalls hat sich enorm viel getan und auch die Finanzierung der Betreuung ist mit den vom Land bezahlten Tagsätzen gesichert. Ein Ausruhen auf den zum Teil durchaus erhaltenen Lorbeeren ist aber nicht möglich. So ist die Werkstätte in Saalfelden zu klein geworden und auch im Wohnbereich sind die Wartelisten lang.

Doch man darf optimistisch sein, denn die ehrenamtlich tätigen Frontfrauen verstehen es gut, sich Gehör zu verschaffen. "Durch unsere Tätigkeit für die Lebenshilfe sind wir persönlich gereift und haben unsere Anliegen immer besser vortragen können. Einmal haben wir erfahren, dass ein Bürgermeister einen Amtskollegen vorgewarnt hat. ,Gib nach, weil vor denen kannst du dich sowieso nicht wehren', hat er zum anderen Bürgermeister gemeint", erzählen die zwei Frauen schmunzelnd.

Oft habe es aber auch schwierige Zeiten gegeben, die einen langen Atem erfordert haben. Und was waren die schönsten Momente? "Das Entstehen von Freundschaften im Verein und der gegenseitige Austausch, das oft abenteuerliche und dank motivierter Unterstützer letztendlich doch erfolgreiche Auftreiben von Geldmitteln, die gelungenen Benefizkonzerte oder die festlichen Eröffnungsfeiern neuer Lebenshilfeeinrichtungen", sprudelt es aus Christine Hochwimmer und Elfriede Rasser hervor. Und was auf jeden Fall in die Zeitung muss: "Eigentlich waren wir im Kern von Anfang an ein Quartett, deshalb müssen Elisabeth Steininger aus Saalfelden und Helga Uhl aus Unken unbedingt auch erwähnt werden!" Und: "Ein großer Dank an aller Helfer, eine Liste wäre viel zu lang ..."



Das Lebenshilfe-Angebot im Bezirk Zell am See

130 Menschen werden aktuell im Pinzgau begleitet. 63 davon in den drei Wohneinrichtungen bzw. in vier teilbetreuten Wohngemeinschaften. 67 Leute werden in den Lebenshilfe-Werkstätten begleitet.

Die vier Werkstätten befinden sich in Bramberg, Piesendorf, Saalfelden und Zell/See.

Weitere Angebote der Lebenshilfe Pinzgau sind die mobile Frühförderstelle, die Außenstelle des Ambulatioriums mit Therapieangeboten für Kinder und Jugendliche in Saalfelden sowie die mobile bzw. telefonische Familienberatung.

173 Mitarbeiter, fünf Praktikanten und sieben Zivildienstleistende sind bei der Lebenshilfe Pinzgau beschäftigt (auch in Teilzeit). 62 Personen engagieren sich freiwillig.

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Gnadenhof als gemeinsamerLebenstraum

Gnadenhof als gemeinsamerLebenstraum

Als Nadine Langmeier klein war, brachte sie es auf 72 Tiere im und ums Elternhaus. Nun wollen sie und ihr Partner die Tierliebe beruflich ausleben.

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