Chronik

Wenn Polizisten Pendler prüfen

Egal ob mit dem Auto oder mit dem Zug: Seit Beginn der Flüchtlingskrise steht der Kontakt mit der Polizei an der Tagesordnung jedes Grenzgängers. Viele davon sind Studenten. Eine "Uni-Magazin"-Reportage.

Wenn Polizisten Pendler prüfen SN/konstantin schätz
Das Schengen-Abkommen ist seit rund einem Jahr an vielen Grenzen de facto außer Kraft gesetzt.

Erschöpft stellt eine etwas verdutzte Dame ihren Koffer ab und lässt ihren Blick von der Anzeigetafel zu zwei großen uniformierten Männern schweifen. "Was machen denn deutsche Polizisten hier?" Doch weder der drahtige, große Begleiter noch die Gruppe vorbeieilender Studenten würdigen die Frage der zierlichen Frau einer Antwort. Denn für die in Salzburg studierenden Pendler ist der Anblick von deutschen Bundespolizisten und privatem Sicherheitspersonal inzwischen ebenso Bestandteil des Hauptbahnhofs wie die Lautsprecherdurchsagen am Bahnsteig. Eine Geräuschkulisse, verursacht von Dutzenden klappernden und quietschenden Zügen, die sich über die Schienen schieben, umgibt die Leute, die den modernen Hauptbahnhof zum Leben erwecken. Eilig drängen sie zu den Türen des blauen Regionalzugs Meridian, der in den Bahnhof einfährt und zischend stehen bleibt. Täglich erleben studentische Pendler dieses Prozedere und, obwohl es keiner laut ausspricht, sind viele von ihnen froh, dass ihnen eine Frage bei ihrer Fahrt nach Hause inzwischen erspart bleibt: "Haben Sie ein gültiges Reisedokument dabei?"

Rund eineinhalb Jahre ist es her, dass das Nachbarland Deutschland aufgrund der hohen Anzahl von über einer Million Flüchtlingen wieder Grenzkontrollen zu Österreich eingeführt hat. Die ersten Kontrollen zwischen den zwei Ländern seit dem 1997 in Kraft getretenen Schengen-Abkommen, das von Österreich 1995 unterschrieben wurde. Eine Notbremse, die die zahlreichen in Deutschland lebenden Studenten vor eine zumindest mittelgroße Herausforderung stellte. Denn an Personenkontrollen zwischen Österreich und Deutschland kann sich kaum ein Student erinnern. Und als die Regionalbahnen ihren Personentransport ins Nachbarland kurze Zeit komplett einstellten und das Semester wieder losging, brach unter den Pendlern stille Panik aus.

Der Blick zurück

Rückblick. Wortlos weist sich ein junger Mann bei dem älteren Herrn des deutschen Sicherheitsunternehmens aus: "Sie habe ich aber gut erzogen", reagiert dieser lachend und winkt den Studenten weiter, ohne den Ausweis näher zu betrachten. Ein lockerer und freundlicher Umgangston, der sich im Laufe des Winters 2015 erst entwickeln musste. Denn anfangs konnte man regelmäßig Zeuge eines Wortgefechts darüber werden, ob ein Führerschein als gültiges Reisedokument zulässig ist oder nicht.

Laut dem Bahnbetreiber reisen an einem Werktag rund 40.000 Menschen mit dem Regionalzug auf der Strecke zwischen München und Salzburg. Kein Wunder also, dass der ein oder andere mal seinen Personalausweis daheim vergisst. Zu Zeiten der Kontrollen entstand dadurch eine meist skurrile Situation, in der einem deutschen Bürger mangels Personalausweis der Zutritt zum Zug verwehrt wurde. Die Reaktionen fielen dabei immer gleich aus: Fassungslosigkeit und Wut.

Die Anwesenheit des Münchner Sicherheitsunternehmens führte in Österreich und Deutschland immer wieder zu Diskussionen. Denn für viele steht fest, dass Ausweiskontrollen eine Sache der Polizei und keine Aufgabe für ein privates Unternehmen sind. Der Münchner Security Service will sich dazu jedoch nicht äußern und verweist auf den Auftraggeber. Die Entscheidung der Bahnbetreiber, das Sicherheitsunternehmen zu bevollmächtigen, lässt sich dabei auf eine Diskussion mit der deutschen Polizei zurückführen. Diese hat, wie der Sender Bayerischer Rundfunk aus Bundespolizei-Kreisen erfahren hat, die Bahnbetreiber aufgefordert, sich um eine Lösung zu bemühen, Flüchtlinge an der Einreise zu hindern.

Inzwischen ist auch die verwunderte Dame mit ihrem Begleiter in den blauen Regionalzug eingestiegen und hat ihr Gepäck über sich verstaut. "Sie gehen durch die Züge und schauen, ob du so aussiehst wie ein Flüchtling", richtet der 24-jährige Student das Wort an sie, die ihre ungeteilte Aufmerksamkeit den zwei einschüchternd großen Bundespolizisten widmet. "Das machen sie seit einiger Zeit so. Dafür haben sie aufgehört, am Eingang die Ausweise zu kontrollieren", fügt er hinzu. Während die Frau beobachtet, wie die beiden Polizisten vier junge Südländer kontrollieren, will sie von dem Studenten wissen, ob denn viele Flüchtlinge über diesen Weg nach Deutschland gelangt seien. Er zuckt mit den Schultern. Der Zeitung lesende Begleiter, der die Konversation zwischen dem 24-Jährigen und seiner Frau bisher nur stillschweigend verfolgt hat, schaut den jungen Deutschen über die Zeitung hinweg an: "Wie ist denn die Situation auf den Straßen?", erkundigt er sich. "Also die ist deutlich schlimmer. Einmal bin ich mit dem Auto nach Salzburg gefahren. Obwohl ich nur rund 30 Minuten von Salzburg entfernt wohne, hab ich durch die Grenzkontrollen bei der Rückfahrt knapp das Vierfache an Zeit gebraucht. Nie wieder mach ich das."

Bis zu zwei Stunden Wartezeit

Auf bis zu zwei Stunden Wartezeit kann man sich einstellen, wenn man das Land in der "Spitzenzeit" über die Autobahn oder Bundesstraße verlassen möchte. Dies berichtet der österreichische Automobilclub ÖAMTC auf seiner Homepage. Und obwohl es als Student eher selten vorkommt, dass man kontrolliert wird, wenn man nicht gerade einen Transporter oder Lkw fährt, gibt es Studenten, die nach stundenlangem Warten auch schon mal an den Grenzen in Erklärungsnot geraten sind.

"Die wollten uns halt echt nicht wieder einreisen lassen", erinnert sich der deutsche Biologiestudent Moritz: "Erst nachdem ich gefragt habe, ob wir denn jetzt nach Wien müssen, um unsere Papiere zu beantragen, haben die Polizisten uns durchgewinkt." Doch auch am Salzburger Hauptbahnhof konnte der Student schon miterleben, was die Grenzkontrollen bedeuten können. Kurz nach ihrer Wiedereinführung konnte er verfolgen, wie einem älteren Ehepaar am späten Abend der Zutritt zum Zug verweigert wurde: "Das war halt schon echt heftig. So wie ich das mitbekommen hab, wollten die nach München, durften aber nicht mitfahren."

Ein piepsendes Geräusch kommentiert die sich schließenden Türen und die langsam einfahrenden Stufen des blauen Regionalzugs. Die deutschen Bundespolizisten haben inzwischen den Zug verlassen. Fast schon lauernd inspizieren sie die Fahrgäste durch die Scheibe, als sich der blaue Zug langsam in Gang setzt und die Beamten in Salzburg zurücklässt. Rund eine Dreiviertelstunde bleibt ihnen, bevor die Nächsten zu den sich öffnenden Türen drängen, um mit dem modernen Meridian im Regen Richtung Deutschland zu verschwinden. Dabei werden sie den ein oder anderen fragenden Blick hinnehmen müssen. Denn abgesehen von den Pendlern, die sich schon lang daran gewöhnt haben, fragen sich viele: "Was machen denn deutsche Polizisten hier?"

Dieser Beitrag wurde von Studenten der Universität Salzburg im Rahmen einer Lehrredaktion in Kooperation mit den "Salzburger Nachrichten" erstellt.

(SN)

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