Chronik

Wie die Vorsätze für 2018 gelingen können

Psychotherapeut Manfred Stelzig erklärt, warum er ein Fan von Neujahrsvorsätzen ist und wie man im neuen Jahr zu inneren Freiräumen kommt.

Manfred Stelzig hat auch selbst gute Vorsätze für 2018. SN/Andreas Kolarik
Manfred Stelzig hat auch selbst gute Vorsätze für 2018.

Sind Neujahrsvorsätze für Sie ein taugliches Mittel, um sich zu verändern - oder eher eine Gefahr für Unzufriedenheit, wenn man an der Umsetzung scheitert?
Es gehört einfach zum Ritual dazu, dass man am Jahresende bilanziert und schaut, was das Jahr gebracht hat. Für mich gehören Vorsätze zu diesem Ritual dazu. Es ist eine gute Chance, denn wann sonst soll man das machen? Ein Jahr ist ein überschaubarer Zeitraum, in dem man sagen kann: Das möchte ich erreichen. Das ist für jeden etwas anderes. Für viele sind es die Standards, wie mit dem Rauchen aufzuhören, weniger Alkohol zu trinken, Gewicht abzunehmen oder öfter ins Fitnessstudio zu gehen. Es kann aber auch sein, dass man sich mehr Zeit für die Familie oder für sich selbst nehmen will - im Sinne der Selbstfürsorge.

Was verstehen Sie darunter genau? Selbstfürsorge ist ähnlich wie Glück etwas sehr Subjektives: Es geht darum, zu schauen, was ich brauche, damit es mir besser geht und ich mich in meiner Haut wohler fühle.

Das müsste ja selbstverständlich sein, oder? Nein. Denn wir sind doch sehr geneigt, uns für andere einzusetzen oder in anderen Dingen aufzugehen und am Ende uns selbst aus dem Auge zu verlieren. Das ist schon eine große Gefahr. Man sollte öfter nachspüren: Wie weit bin ich weg von dem, was ich eigentlich erreichen möchte und mir ersehne? Da geht es auch um Selbstmanagement. Schon Erich Fromm hat gesagt: "Lebe ich? Oder werde ich gelebt?" "Ich lebe" heißt ja, auf mich selber zu schauen und die Dinge umzusetzen, die mir wichtig sind. Das kann mir ja niemand abnehmen.

Kann Zeit für die Selbstfürsorge in einer Beziehung nicht auch zum Spannungsfeld werden - weil dadurch Zeit für den Partner fehlt? Die Frage ist immer: Schaffe ich eine Balance? Auf der einen Seite lauert der Egoist. Auf der anderen Seite das Sich-selbst-Verlieren in einer Aufgabe. Wenn ich gelernt habe, gut für mich selber zu sorgen, und es mir gut geht, dann tue ich mir wesentlich leichter, zu lieben und anderen etwas zu geben. Denn wenn ich mich verausgabe und das Gefühl habe, ich komme selber zu kurz, werde ich unrund. Und wenn ich zu sehr bei mir bin und nur auf mich schaue, bin ich ein Egoist - und die Beziehung funktioniert auch nicht.

Sollte also der/die Partner/in Verständnis für diese Zeit zur Selbstfürsorge haben - auch im eigenen Interesse? Ja. Wenn ich mich selber gut versorge und mit mir in einem guten inneren Dialog bin und ein gewisses Maß an Selbstschutz, Selbstfürsorge, Selbstliebe, Selbstachtung und Selbstwertschätzung habe, muss ich das auch kultivieren und pflegen. Aber letzten Endes ist das nicht störend, sondern fällt der Partnerin oder dem Partner sogar sehr positiv auf: Weil mehr Lebensfreude da ist, mehr Unternehmungslust, mehr Selbstverständlichkeit, mehr Tatendrang, mehr Ideenreichtum und Lebendigkeit - also ein Bündel an guten Dingen, die wichtig sind, um ein Leben und eine Beziehung gut zu gestalten. Denn wenn ich das Gefühl habe, ich bin nur ein kleines Rädchen in einem großen Getriebe und kann selbst nicht viel verändern, ist es schwierig. Aber wenn ich einen inneren Freiraum spüre und sage, ich kann mein Leben gut steuern, schaut es ganz anders aus.

Zurück zu Silvester: Wie schützt man sich vor zu hohen, unerfüllbaren Erwartungen an das neue Jahr? Der Perfektionist hat es immer schwer. Man muss auch einberechnen, dass man auch mit der Hälfte dessen, was man sich vorgenommen hat, zufrieden sein muss. Und es ist wichtig, dass man die Vorsätze nicht aus den Augen verliert. Da geht es auch um ein Umsetzungskonzept. Wenn ich also mehr Sport machen will, tue ich mir leichter, wenn ich das etwa gleich mit einem Lauf- oder Tennispartner vereinbare. Auch mit dem Lebenspartner sollte man das abstimmen - gerade bei Dingen wie einer Ernährungsumstellung. Das ist ja allein viel schwerer. Aber so kann man sich gegenseitig motivieren. Und es ist gut, die Vorsätze parat zu haben: Also sollte man sie aufschreiben, wenn man sie ernst meint.

Was halten Sie von Bräuchen, um damit ins neue Jahr vorauszublicken - wie Bleigießen, Karten legen oder Horoskope? Gar nix (lacht). Sowohl als Mediziner als auch als Psychotherapeut sage ich: Ich habe es selbst in der Hand, Dinge zu gestalten und Probleme zu lösen. Wenn man sich aus Horoskopen etwas Schönes herauslesen kann, ist das schon bestärkend. Aber ich finde es einen verkehrten Ansatz. Denn unterm Strich kommt heraus: Es ist alles vorherbestimmt und ich kann eh nix ändern. Das ist am Ende ein Mich-vor-der-Verantwortung-Drücken.

Ein weit verbreitetes Phänomen zu Silvester ist, dass viele Menschen sich betrinken. Ist das für Sie ein alarmierendes Zeichen? Das gehört schon grundsätzlich infrage gestellt. Alkohol ist nie ein Problemlöser. Ich habe mein ganzes Berufsleben mit Alkoholkranken zu tun gehabt. Ich kann ein Lied davon singen, wie gefährlich Alkohol ist. Es ist wichtig, sich zu überlegen: Was bewirkt Alkohol bei mir? Also etwa Leichtigkeit, Ausgelassenheit, Lebendigkeit und Befreiung. Die Frage ist, wie man das für sich anders erreichen kann. Das sollte ja nicht vom Alkohol abhängig sein. Sonst ist es wirklich eine Abhängigkeit - also ich übergebe einer Substanz die Aufgabe, dass ich mich in einer bestimmten Weise fühlen will. Als Alternative sollte man lieber andere Dinge in den Vordergrund rücken - also Verbundenheit, Freundschaft, Begegnung, miteinander fröhlich und glücklich sein können und eine liebevolle, offene Kommunikation. Das sind Dinge, die ganz wichtig sind und durch Alkohol ja eher unterlaufen werden.

Wie feiern Sie selbst Silvester? Immer mit meiner Frau und meistens mit Freunden. Wir legen Musik auf und tanzen. Zuvor gibt es ein schönes Abendessen. Kurz vor Mitternacht gehen wir zur Salzach und schauen uns das Feuerwerk an und tanzen den Mitternachtswalzer. Das ist was ganz Wunderschönes.

Wie sehen Ihre persönlichen Vorsätze für 2018 aus? Das Wichtigste ist, dass ich mir weniger Termine in den Kalender eintrage und mehr für mich und meine Familie Zeit habe. Das ist realistisch. Denn ich sehe jetzt schon im Kalender 2018, dass sich da etwas verändert hat.
Zur Person
Manfred Stelzig:

Der 65-Jährige ist Psychiater und Psychoanalytiker sowie Psychodramatherapeut. Bis zu seiner Pensionierung 2015 leitete Stelzig die Abteilung für Psychosomatik im Landeskrankenhaus. Er ist Autor einiger Bücher wie etwa "Keine Angst vor dem Glück", "Was die Seele glücklich macht" und zuletzt "Warum wir vertrauen können".

Aufgerufen am 23.04.2018 um 08:28 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/wie-die-vorsaetze-fuer-2018-gelingen-koennen-22311052

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