Chronik

Wie wild dürfen die wilden Gestalten noch sein?

Brauchtumspflege ist den Pongauer Krampusläufern ein Anliegen, "aber Brauchtum sollte auch mit der Zeit gehen". Zahlreiche Auflagen und Vorschriften machen den Veranstaltern der Läufe das Leben schwer. Vielerorts bewegen sich Krampusse nur noch innerhalb von Absperrgittern.

Die schaurig-dunklen Gesellen warten schon. Sie tragen Mäntel aus Schaf- oder Ziegenfell, über den Kopf haben sie eine gehörnte Maske aus Zirben- oder Lindenholz gestülpt. An ihre Leiber sind schwere Kuhglocken gebunden, die in der Finsternis ohrenbetäubendes Getöse machen, sobald sich die Krampusse in Bewegung setzen.

Krampusläufe sind Tradition im Pongau. In den dafür eigens gesperrten Ortskernen geht es aber nur mehr teilweise laut und spektakulär rund. Massive Sicherheitsvorkehrungen sind längst Standard, denn diverse Ausschreitungen rückten den Brauch in ein schlechtes Licht.

Kein oder wenig Kontakt mehr mit den Zuschauern - das verärgert viele, Zuschauer genauso wie Krampusläufer: "Früher waren die Auflagen nicht so streng, wie sie jetzt für die Veranstalter sind", meint Philipp Gangl, Maskenschnitzer und selbst seit 21 Jahren Krampus bei der Hades Pass in St. Johann. "Teilweise sind die Reglementierungen so streng, dass, wie beim Obermarktlauf, gar keine mystische Stimmung mehr aufkommt", bemängelt auch sein Vater, der bekannte St. Johanner Maskenschnitzer Wolfgang Gangl: "Wurden früher eigene Wagen für den Umzug gebaut, so tut sich das heute keiner mehr an. Es gab auch Fackeln, offenes oder bengalisches Feuer. Das ist alles nicht mehr erlaubt; komisch, weil es ja auch andere Veranstaltungen mit Feuerspuckern gibt."

Der traditionelle Krampuslauf ist übrigens gar nicht so alt, wie manche vielleicht denken. Er hat weder germanische noch keltische Wurzeln, sondern ist nach Meinung von Brauchtumsforschern gerade einmal ein paar Hundert Jahre alt.

Er soll sich als eigenständiger Kult aus dem jährlichen Krampus-und-Nikolaus-Brauch entwickelt haben. Wahrscheinlich war es den Burschen, Knechten auf Bauernhöfen, damals ziemlich langweilig. So konnte man Dampf ablassen, den Mädchen nachstellen und womöglich auch offene Rechnungen mit einem Kontrahenten begleichen. "Natürlich gab es in den letzten Jahren bei den Läufen auch welche, die das übertrieben haben, und es gab Anzeigen, weil sie vielleicht mit großem Krawall oder auf Baggerschaufeln dahergekommen sind. Die Musik hat man dann schon kilometerweit gehört", erklärt Wolfgang Gangl.

Provokation durch Zuschauer

Die wenigen Problemfälle der vergangenen Jahre hätten aggressive oder betrunkene Zuschauer, oft nach den Veranstaltungen, provoziert.

"Das lebendige Brauchtum verändert sich einfach, genauso wie die Zeiten. Die Menschen wollen bei den Läufen fetzige Musik. Wir haben das auch schon bei den ersten Veranstaltungen gehabt. Aber gerade zu dieser Zeit gab es Krampusse, ausgestattet mit schrecklichen Plastikmasken oder mit roten Plüschmänteln und Teppichklopfern, das ist ja jetzt gar nicht mehr der Fall."

Das betont auch Georg Palli. Der 25-Jährige läuft mit der noch relativ jungen St. Johanner Imperius Pass: "Die Ausstattungen werden traditioneller. Alle Passen, die länger laufen, befassen sich mit der Materie. Aber ein bisserl Spielraum für Abwechslung sollte schon bleiben", auch für das "Tratzen" meint er, denn "nur die einzelnen Passen durchlaufen zu lassen, das ist langweilig." Palli geht mit "seiner" Pass mittlerweile am liebsten auf Hausbesuche, "der direkte Kontakt mit den Menschen und Kindern ist ganz besonders".

Jedes Haus, auch ohne Voranmeldung, besuchen übrigens Nikolaus und Krampus nicht nur im Gasteinertal, sondern auch in Kleinarl: "Seit mittlerweile 37 Jahren sind wir am 5. Dezember in jedem der rund 300 Haushalte, egal ob Bergbauernhöfe oder am Talschluss beim Jägersee", schildern die Organisatoren Jochen Fallenegger und Stefan Wedenig.

Allein im Pongau gibt es geschätzt 500 Passen. In St. Johann laufen derzeit maximal 45 - fast ausschließlich - Pongauer Passen beim Obermarktlauf. "Vielleicht wäre es besser, wenn auch in den anderen Pongauer Orten am 5. und 6. Dezember die Krampusläufe stattfinden könnten, dann würden sich die Zuschauer verteilen und es gäbe eventuell weniger Probleme", meinen die Gangls: "Und man bräuchte vielleicht wieder keine Absperrgitter, wie früher, als sich die Krampusse spontan nach den Hausbesuchen in den Ortszentren eingefunden haben."

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