Chronik

"Wir sind jetzt wohl die Umfahrungsstraße"

Anrainer von nun stärker frequentierten Straßen im St. Johanner Zentrum sind strikt gegen die neue Verkehrslösung. Beim betreuten Wohnen in der Leo-Neumayer-Straße steigt man auf die Barrikaden.

Bernhard Schneider ist vom Ausblick, den sein Balkon dzt. bietet, wenig begeistert. Seit der neuen Verkehrslösung ist das Verkehrsaufkommen in der Leo-Neumayer-Straße gestiegen. Der Lärm (diesen misst er mit einem Schallmessgerät) hat ebenso zugenommen wie die Abgasbelastung. SN/sw/brinek
Bernhard Schneider ist vom Ausblick, den sein Balkon dzt. bietet, wenig begeistert. Seit der neuen Verkehrslösung ist das Verkehrsaufkommen in der Leo-Neumayer-Straße gestiegen. Der Lärm (diesen misst er mit einem Schallmessgerät) hat ebenso zugenommen wie die Abgasbelastung.

"Wir haben uns so über die Wohnung gefreut und auch noch ein Dankesschreiben an die Gemeinde verfasst, und jetzt das", empört sich Bernhard Schneider. Der 69-Jährige ist im April des Vorjahres mit seiner Gattin in das betreute Wohnen gezogen. "Wir hatten vorher eine sehr schöne Wohnung, aber leider keinen Lift und keine Betreuungsmöglichkeiten, wie sie hier angeboten werden. Noch sind wir ja recht fit. Aber ich habe lange in der Pflege und ehrenamtlich als Rotkreuz-Sanitäter gearbeitet und weiß, wie das mit dem Älterwerden verlaufen kann. Daher wollten wir vorbauen und sind hierher übersiedelt."

Die Freude an der neuen Wohnung ist seit zwei Monaten stark getrübt. Denn so lange gibt es die neue St. Johanner Verkehrslösung. Aufgrund der Einbahnregelungen im Stadtzentrum habe sich der Verkehr in der Leo-Neumayer-Straße massiv erhöht, beklagen die Anrainer.

Die, die aus der Stadt in Richtung Wagrain wollen, passieren diese Straße, auch wenn es aus dem Zentrum Richtung Bischofshofen gehen soll, benützen viele nun diesen Straßenzug. In der Früh, zu Mittag und nach Arbeitsschluss gebe es fast täglich eine Stau direkt vor dem Haus, oft reiche er bis zur Stadtapotheke zurück. Auch in den Zeiten dazwischen gebe es spürbar mehr Verkehr. "Unseren Balkon können wir de facto nicht mehr benützen, auch die Fenster müssen wir geschlossen halten, sonst ist es ganz einfach zu laut, zudem stinkt es nach den Abgasen", so Schneider.

Er wird darin von Burgi Simanke bestätigt. "Erschwerend kommt hinzu, dass die Balkone, die Schlaf- und Wohnzimmer zur Straße hin ausgerichtet sind", sagt sie und ergänzt: "Wir sind hier in einer betreuten Wohnanlage, klarerweise haben wir ein hohes Durchschnittsalter, viele von uns haben mit den Erkrankungen zu kämpfen. Da wären Ruhe und gute Luft wichtig. Das kann man derzeit vergessen. Wir sind jetzt wohl die Umfahrungsstraße geworden", schimpft sie. Die jetzige Verkehrslösung dürfe auf keinen Fall bleiben, man werde sich mit allen Mitteln gegen eine Weiterführung wehren, so die Bewohner.

Die Probephase des neuen Verkehrskonzepts läuft jedenfalls noch bis Ende September. Verkehrsstadtrat Peter Schriebl hat zwar Verständnis für die Kritik der Bewohner, verweist aber darauf, dass es sich derzeit um eine "Probephase mit allen Ecken und Kanten" handle. "Bei dem Verkehrskonzept geht es ja nicht nur um eine Einbahnstraße. Hier sollen viele Rädchen ineinandergreifen, es geht um die Verbesserung des Citybus-Angebotes, um mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger", sagt Schriebl und ergänzt, dass viele, die vorher dem Verkehrskonzept äußerst kritisch gegenübergestanden sind, nunmehr ihre Meinung geändert haben. Dass es mehr Platz zum Flanieren und zum Sitzen gebe, komme jedenfalls sehr gut an." (siehe PN vom 30. Juli).

Die Erfahrungen aus der derzeitigen dreimonatigen Testphase würden jedenfalls genauestens ausgewertet und analysiert, so Schriebl.

Einiges an Verkehr ließe sich durch ein Umdenken und Änderungen der Gewohnheiten vermeiden, so der Stadtrat. "Ortsunkundige werden von Google quer durch die Stadt geführt, wenn sie Richtung Wagrain wollen. Aber auch viele Ortskundige bzw. Einheimische fahren teils völlig unverständliche Routen und Wege. Ich habe mir das vergangene Woche ganz genau angeschaut." Hier müsse noch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit geleistet werden, auch das Parkangebot in den Tiefgaragen müsse noch besser genützt werden.

Nach Ende der Testphase wartet schon die nächste riesige Herausforderung: Mit Oktober soll mit dem Abriss des alten Elisabethinum-Gebäudes und dem anschließenden Neubau begonnen werden. Zudem sind weitere Neubauprojekte im Stadtzentrum, wie etwa neben dem Hotel Alpenland, geplant. Der zu erwartende Baustellenverkehr, die wieder geöffneten Schulen ..., all dies wird nicht unbedingt zur Entspannung der Verkehrssituation beitragen. Auch durch die Topografie bedingt, ist eine Verkehrslösung, mit der alle in der Bezirkshauptstadt gut leben können, eine äußerst herausfordernde Aufgabe.

Aufgerufen am 01.12.2020 um 07:20 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/wir-sind-jetzt-wohl-die-umfahrungsstrasse-92091358

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