Chronik

Zwist unter Nachbarn: Freiwillige schlichten Streit in Wohnblocks

Lärm, Rauch, Tiere: Konflikte unter Nachbarn landen oft vor dem Bezirksgericht. Die Stadt Salzburg bildet Ehrenamtliche aus, die das verhindern.

Zwist unter Nachbarn: Freiwillige schlichten Streit in Wohnblocks SN/andreas kolarik
Sie reden über die Probleme unter Nachbarn: Ursula Sargant-Riener und Christian Reisinger vom Magistrat sowie die Ehrenamtlichen Ekaterina Toska, Ingrid Foller, Wilma Tadla und Dagmar Unterrainer (v. l.).

Streit unter Nachbarn beschäftigt Franz Mittermayer beinahe täglich. Als Richter am Bezirksgericht landen vor allem Fälle von "unleidlichem Verhalten" auf seinem Tisch. "So bezeichnet das Mietrecht das, was Nachbarn aneinander nerven kann - Lärm, Rauch oder Beschimpfungen zum Beispiel. Das schaukelt sich sehr schnell hoch", sagt Mittermayer. Wer in der Nacht den Fernseher laut aufgedreht habe, die Waschmaschine laufen lasse oder dusche, mache sich in Mehrparteienhäusern manchmal keine Freunde. Mittermayer ist überzeugt, dass es oft lediglich einen Dritten brauche, mit dem die beiden Streitparteien reden können.

Damit Fälle erst gar nicht am Gericht landen, bilden die Stadt Salzburg, die gemeinnützigen Wohnbauträger und die Volkshochschule seit Oktober Vertrauensnachbarn aus. "Wer miteinander lebt, soll auch miteinander reden können. Dafür bieten wir Unterstützung und Werkzeuge an", sagt Christian Reisinger vom Bewohnerservice der Stadt. 14 Frauen und Männer haben im Oktober und November am ersten Kurs teilgenommen und an sieben Freitagen gelernt, wie sie in ihrer Nachbarschaft wachsam und hilfsbereit sein können.

Ingrid Foller ist eine der Kursabsolventinnen. Die Pensionistin ist im Stadtteil Itzling daheim und hat ein Auge auf ihre Umgebung. "Ich bin kein Wunderwuzzi und mische mich nicht ungefragt ein", sagt sie. Doch sie wolle Ansprechpartnerin für Fragen aller Art sein und wisse, wer in welchen Fällen helfen könne. "Die Vertrauensnachbarn haben nun auch den Kontakt zu einem großen Netzwerk, zur Polizei zum Beispiel", sagt Ursula Sargant-Riener vom Bewohnerservice. Ingrid Foller hat bei den Kursen nicht nur erfahren, wie Anrainer sich Arbeit abnehmen oder füreinander Feste organisieren können - sondern auch, wann es sinnvoll ist, die Polizei zu rufen.

Michael Knoll von der Krisenprävention des Stadtpolizeikommandos: "Bei mir haben die Vertrauensnachbarn gelernt, hin- statt wegzuschauen. Ich habe ihnen erklärt, was sie selbst erledigen können und wo es schlauer ist, die Polizei zu rufen."

Seine Beispiele: Ein Notruf ist angebracht, wenn Schreie aus einer Wohnung dringen und zu vermuten ist, dass ein Streit eskaliert. Die 133 ist jedoch die falsche Nummer, um sich über Musik von nebenan zu beschweren. Knoll: "Da bitten wir, dass die Leute sich das am besten höflich untereinander ausmachen. Hingehen, anklopfen und fragen, ob es etwas leiser geht."

Ekaterina Toska hat ebenfalls den Kurs zur Vertrauensnachbarin abgeschlossen. Die gebürtige Albanerin lebt im Stadtwerke-Areal in Lehen in einem Block mit 40 Wohnungen. Kürzlich fiel der Lift aus. Sie wusste, was zu tun war. Toska rief die Wartungsfirma an. Die Techniker kamen und setzten den Aufzug wieder instand. Danach klebte Toska Zettel an die Türen rundum, auf denen stand, was zu tun sei, wenn der Lift erneut streiken sollte. Die Polizei hat sie auch schon einmal gerufen: "Ich habe Patronenhülsen auf dem Rasen gefunden. Das war mir nicht mehr geheuer."

Begeistert zeigten sich die Teilnehmer über die Einheit zum Zusammenleben verschiedener Kulturen - in vielen Vierteln der Stadt ein großes Thema. "Die Referenten haben sich sehr auf die Praxis bezogen. Wir haben das Rüstzeug für unsere freiwillige Arbeit bekommen", sagt Wilma Tadla, die ihr neu erworbenes Wissen im Stadtteil Herrnau einbringen wird.

Auf fünf bis sechs Stunden ehrenamtlichen Einsatz pro Woche kommen die Vertrauensnachbarn durchschnittlich, viele von ihnen sind zusätzlich in anderen Gebieten - etwa in der Altenbetreuung - freiwillig im Einsatz.

Dieses Engagement gefällt Ursula Sargant-Riener vom Bewohnerservice. "Es geht nicht darum, Sheriffsterne zu verleihen", erklärt sie.

Die Kursteilnehmer können ihre Funktion entweder öffentlich ausüben - etwa, indem sie sich auf einem Aushang in ihrem Wohnblock vorstellen - oder eher im Verborgenen arbeiten.

"Wir geben die Rolle nicht vor", sagt Projektkoordinator Christian Reisinger. "In Salzburg ist es anders als etwa in Wien, wo es feste Aufgabenverteilungen in Mieterbeiräten gibt."

Für das kommende Jahr hat das Bewohnerservice jedenfalls schon das Programm festgelegt. Reisinger: "Ab April kümmern wir uns mit neuen Vertrauensnachbarn darum, wie man frisch Zugezogene im Wohnviertel begrüßen kann."

Es sei eine Herausforderung, wenn sich in einem ruhigen Haus seit Jahrzehnten nichts verändert habe und plötzlich eine Familie mit Kindern einziehe.

Anmeldungen zum Kurs - er ist kostenlos - nimmt das Bewohnerservice entgegen.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 04:55 auf https://www.sn.at/salzburg/chronik/zwist-unter-nachbarn-freiwillige-schlichten-streit-in-wohnblocks-816133

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