Kultur

Amulette mit magischen Kräften sollten vor Seuchen schützen

Zwei Salzburger Museen erinnern mit zwei außergewöhnlichen Stücken an die Jahrhunderte währende Angst vor Epidemien.

„Pestsegen“ aus Steinbockhorn aus dem Salzburger Dommuseum . SN/dommuseum/j. kral
„Pestsegen“ aus Steinbockhorn aus dem Salzburger Dommuseum .

Spezielle Amulette sollten doppelt gegen Epidemien helfen: Sie waren aus Steinbockhorn, dem medizinisch-magischer Abwehrkräfte zuerkannt war. Und in ihnen waren winzige, in Bergkristall oder Glas eingeschlossene Knöchelchen, die angeblich aus Skeletten toter Heiliger stammten. Dieser über Reliquien vermittelte Beistand der Heiligen und das apotropäische, also Unheil abwendende Steinbockhorn galten Jahrhunderte lang als bestmöglicher Schutz gegen unerklärliche, sich rasch ausbreitende Krankheiten.

Weil Salzburg bis ins 18. Jahrhundert immer wieder von der Pest geplagt war, haben diese Amulette einen besonderen Namen: "Pestsegen". Typischerweise wurden sie als Endstücke an einen Rosenkranz gehängt, sodass ihre magisch-religiöse Wirkkraft noch um das Gebet intensiviert werden konnte.

Das Bergbau- und Gotikmuseum in Leogang hat kurz, nachdem die ersten auf das Coronavirus positiv Getesteten im Pinzgau gemeldet worden waren, so einen "Pestsegen" des 18. Jahrhunderts aus Salzburg zum "Exponat des Monats März" erkoren. Und das Dommuseum Salzburg beginnt mit so einem "Pestsegen" einen jener Online-Beiträge, mit denen das Domquartier, in den das Dommuseum eingebunden ist, unter dem Schlagwort "#ClosedButActive" nun zu digitalen Besuchen einlädt - via Facebook, Instagram und Webseite.

Solche "Pestsegen" seien "aus dem Querschnitt des Steinbockhorns geschnitzte Medaillons", erläutert der Direktor des Dommuseums, Reinhard Gratz auf der Webseite des Domquartiers. Das Dommuseum hat in seiner Kunst- und Wunderkammer eine außergewöhnliche Sammlung an Schnitzereien aus Steinbockhorn, die dem Gründer des Dommuseums, Prälat Johannes Neuhardt, zu verdanken ist.

Kostbar ist vor allem das Horn des ostalpinen Steinbocks, der gern im Hochgebirge über 1000 Meter herumgekraxelt ist; er starb Anfang des 19. Jahrhunderts aus, weshalb später sein westalpiner Artgenosse angesiedelt wurde. Der ostalpine Steinbock war ein Lieblingstier vieler Salzburger Erzbischöfe. Sein Horn, wurde es in heißes Öl eingelegt, war derart weich, dass man sich die Plage des Schnitzens ersparte: Es konnte durch Druck und mit Stempeln geformt werden. Zudem galt dieser fürsterzbischöflich Salzburgische Steinbock Johannes Neuhardt zufolge als "wandelnde Apotheke".

Dies schildert auch Reinhardt Graz im neuen #ClosedButActive-Beitrag: "Geschabtes Horn wirkte entgiftend, wundheilend, half bei Koliken, Schwindel und Frauenleiden und wurde verschiedenen Arzneimitteln beigemengt. Entgiftend wirkte allein schon das Gefäß, der Löffel, der Becher aus Steinbockhorn." In der Hofapotheke verabreichte Heiltränke wirkten noch besser, wenn sie aus "Rochusbechern" getrunken wurden. Folglich sind in dem Beitrag ein Becher und einen Apothekerlöffel aus Steinbockhorn abgebildet.


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