Kultur

"Das Coronavirus hat uns entschleunigt"

Die gebürtige Salzburgerin Angelika Kirchschlager ist auf allen Opernbühnen der Welt zu hören. Hier erzählt sie, wie sie die Coronakrise erlebt.

Wie hätte normalerweise dein Zeitplan 2020 ausgesehen, wenn nicht die Coronakrise gewesen wäre? Angelika Kirchschlager: Es sind, wie bei allen meinen Kollegen, viele Konzerte ausgefallen. Ich hatte jedoch ein unglaubliches Glück, denn im Mai 2019 bewarb ich mich für eine Professur an der Musikuniversität in Wien. Am 2. März 2020 unterrichtete ich die Klasse zum ersten Mal und am 16. März war es schon wieder vorbei.

Wir durchleben derzeit mit der Coronakrise eine Phase, die die ganze Menschheit in Ohnmacht, Zweifel und Angst versetzt.

Welche Schlüsse ziehst du daraus? Zweifelsohne hat sich die Welt durch Corona unglaublich verändert. Das Virus hat aber auch Positives gebracht, selbst wenn das sehr flapsig klingt in dieser Situation, wo so viele damit zu kämpfen haben. Es hat uns entschleunigt, das finde ich großartig.

Das Coronavirus hat uns aber auch knallhart die Augen geöffnet und gezeigt, wo die Kultur steht, weltweit, aber auch in Österreich. Wir Künstler in Österreich waren fassungslos und dachten, dass wir besser aufgehoben seien.

Wie hast du mit deiner Familie den Lockdown erlebt und diese Zeit überwunden? Meine Eltern habe ich drei Monate lang nicht gesehen, ich habe sie sehr vermisst. Ich selbst war in der Lockdown-Phase in Wien und lebte plötzlich mit meinem Sohn und meinem Partner sechs Wochen in einer Dreier-Wohngemeinschaft. Es war ein Traum, wie im Paradies. Wir haben sehr viel geredet. Wir hatten einen geregelten Tagesablauf mit einem wunderbaren allabendlichen Ritual, einem täglichen Sundowner mit einer Kleinigkeit zum Essen und einem Glas Wein. Wir konnten beobachteten, wie sich der Lauf der Sonne in diesem langen Zeitraum änderte.

Welcher persönliche Lockdown hat dich in deinem Leben eingebremst? Eine unglückliche Liebe. Dank guter Freunde, die sich ein Jahr lang immer das Gleiche anhören mussten, ging es mir mit der Zeit wieder besser. Ich habe aber auch viel dabei gelernt. Man darf seinen eigenen Wert nicht verkaufen. Man muss seinen Wert kennen und darf sich nicht vom Weg abbringen lassen.

Klassik und Humor: Wie darf man sich die Zusammenarbeit mit dir und Alfred Dorfer vorstellen und hat's viel zum Lachen gegeben? "Das neue Traumpaar der gescheiten Unterhaltung" lautete der Titel einer Kritik. Mit Alfred Dorfer gibt es immer viel zu lachen. Unser Programm war ein Auftragswerk vom Konzerthaus in Wien. Wir haben einfach zugesagt und dann bestimmt ein Jahr lang daran gearbeitet.

Leider ist unser Auftritt im Landestheater Salzburg virusbedingt ausgefallen, nächstes Jahr kommen wir wieder, hoffentlich. Das Werk ist eine Mischung aus Satire und Klassik, und alles, was in diesem Programm vorkommt, ist wahr. Für den satirischen Liederabend "Tod eines Pudels" haben wir alles zusammengetragen, was uns beiden im beruflichen Leben schon so passiert ist. Alfred hat super Texte geschrieben und ich die Musiknummern. Alle Musikstücke sind auch biografisch wichtig. Zum Beispiel ist das zweite Lied im Stück genau jenes Lied, das ich damals zur Aufnahmeprüfung auf der Probebühne vorgesungen habe. Darum herum werden dann lustige Geschichten erzählt.

Menschen mit Mut, Selbstlosigkeit und einem visionären Weitblick sind in Zeiten wie diesen unverzichtbar. Welchen nachhaltigen Beitrag leistest du, um Kunst und Kultur trotz Corona in Zukunft aufrechtzuerhalten? Alfred Dorfer und ich haben in der fünften oder sechsten Woche nach dem Lockdown eine Pressekonferenz auf die Beine gestellt. Wir wollten etwas tun, damit Menschen für die Kultur sprechen, die selbst nichts mit Kultur zu tun haben. Bei einem Round Table wurde von einem Journalisten die Frage gestellt: "Warum sind gerade die Künstler so empfindlich? Brauchen die eine spezielle Behandlung oder sind die so sensibel?"

Als ich das hörte, dachte ich, das darf nicht wahr sein. Die Künstler haben niemanden, der für sie spricht. Wir haben keine Kammer, keine Gewerkschaft und zu Beginn von Corona ein nicht präsentes Staatssekretariat, wir haben niemanden. Wir Künstler waren nach den Bordellen und nach den Schaubergwerken ganz unten gereiht. Natürlich muss man dann aufschreien.

Siehst du die Rolle der Salzburger Festspiele (weil sie trotz aller schwierigen Umstände stattgefunden haben) als Vorbild für die Kulturszene? Ja. Ich habe es super gefunden, wie Helga Rabl-Stadler die Veranstaltung durchgezogen hat. Sie wollte es von Anfang an und hat es geschafft. Erwähnen muss man schon, dass die Festspiele auch mehr Geld als alle anderen zur Verfügung haben. Die ganzen Sicherheitsvorkehrungen, das Personal und der sonstige Aufwand kosten sehr viel Geld. Aber ich finde es toll, dass es stattgefunden hat, und es ist gut gegangen. Eine starke Vorbildwirkung!

Welche Einflüsse aus deinen Kindheits- und Jugendtagen in Salzburg haben deinen musikalischen Werdegang besonders geprägt? Der erste prägende Einfluss war meine Großtante in Salzburg, die Kindergärtnerin war und viel mit uns gesungen hat. Sehr viel mit uns gesungen hat auch unsere Mutter. Wir haben immer und überall gesungen, im Auto, zu Weihnachten, zu Geburtstagen.

Ich bin immer mit dem Schulbus bis zum Landeskrankenhaus gefahren und dort ausgestiegen. Während der Proben für die Kinderoper stieg ich eines Tages aus dem Bus aus, schaute aufs Müllner Bräu und war überwältigt. Plötzlich spürte ich einen inneren Ruf, der wollte, dass ich versuchen muss, eine Opernsängerin zu werden. So lernte ich das Lied für die Aufnahmeprüfung an der Musikuniversität und reiste mit meinem eigenen Pianisten nach Wien. Ich wurde nicht ausgewählt. Drei Tage lang stand ich auf der Warteliste, bis ich zufällig und nur ganz knapp doch hineinrutschte. Deswegen ist für mich dieses Studium und dieser Weg eine Art Fügung, den ich beschreiten musste. Für mich ist jetzt sehr interessant zu sehen, dass es bei meinem Sohn Felix so ähnlich passiert. Momentan probt er für eine neue Produktion im Kasino des Burgtheaters.

Wollte Felix immer schon Schauspieler werden? Mit zehn Jahren war Felix noch ein Kameramann und hat seinen Teddybären gefilmt. Danach wollte er Regisseur werden. Mit 14 war es dann so weit. Felix wurde sehr von Maresa Hörbiger und ihrer Schauspieltruppe gefördert.

Dein Wunsch ans Universum? Ich habe alles, was ich brauche. Ich bin so dankbar für meine Familie, die ich um mich herum haben darf. Zwischendurch gab es wahnsinnig schwere Zeiten und es war manchmal zum Verzweifeln. Die vielen Trennungen von meinem Kind, das viele Wegsein von zu Hause brachten mich oft zur Sinnfrage, warum mache ich das alles? Dann habe ich mich an den Moment, den Blick auf das Müllner Bräu erinnert und ich wusste, warum ich Opernsängerin werden wollte.

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Aufgerufen am 27.10.2021 um 09:36 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/das-coronavirus-hat-uns-entschleunigt-93557662

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