Kultur

Der Erzabt klagt über Wurmstich

Für Korbinian Birnbacher beginnt ein Jahr der Bittgänge. Er braucht Subventionen und Spenden für die Stiftskirche St. Peter.

"Die haben das richtig ausg'fressen", sagt Erzabt Korbinian empört und zeigt auf das Loch in der Schnecke einer Sitzbank in der Stiftskirche St. Peter. "Innen weich", attestiert er - was für barockes Nussholz ein Affront ist. Weiter vorn im Hauptschiff, als er von einer Sitzfläche den Filzbelag hebt, schreckt es einen: Da setzt sich noch jemand drauf? An der Kante der Sitzfläche zieht sich ein tiefer Längsriss - umgeben von Rissen und Löchern. Doch bevor diese Frage gestellt ist, setzt sich der Erzabt schon hin! Offenbar weiß er, dass unter die bröcklige Fläche ein stabilisierendes Brett geschraubt ist. "Wurmstich!", ruft er so laut, dass es durchs Kirchenschiff hallt. "Der Wurm muss heraus."

Allein die Renovierung der Rokoko-Bänke, die unter Abt Beda Seeauer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angefertigt worden sind, dürfte an die 800.000 Euro kosten. Dies wird einer der Brocken in der heuer beginnenden Sanierung und Umgestaltung der Kirche. Diese Bänke sind übrigens für ihre Unbequemlichkeit berühmt. Die Härte wär's nicht, sondern die Buchauflage der Hinterbank ragt so weit vor, dass sie einem Sitzenden in den Rücken drückt. "Das muss bleiben", versichert der Erzabt. Die Bänke stünden unter dem Schutz des Denkmalamts. Anders gesagt: Kulturgut geht vor Bequemlichkeit. Allerdings hat Abt Korbinian einen Trost parat: Es seien typische Knorzbänke. Bitte was? Ja, so heiße das - knorzen. Das sei die Mittelhaltung zwischen Knien und Sitzen.

Die seit acht Jahren vorbereitete Renovierung und Umgestaltung wird mindestens so aufwendig wie jene Anfang der 80er-Jahre. Fast ein Jahr wird die Kirche geschlossen, derweil werden die Hochämter an Sonn- und Feiertagen auf dem Nonnberg gefeiert, auch die Michaelskirche am Residenzplatz wird mehr als sonst benutzt werden. Das alles wird im Herbst - nach dem Rupertitag 2018 - beginnen und sollte bis Mitte September 2019 fertig sein, damit der Altar am 22. September 2019 geweiht werden kann.

Ja, sogar eine Altarweihe wird es 2019 zum Fest des Stifts- und Stadtgründers Rupert geben. Denn der Bereich unter der Kuppel wird verändert - weniger Stufen, neuer Boden, neues Chorgestühl, neuer Ambo, neuer Volksaltar. Mit der Gestaltung ist Thomas Wizany beauftragt, der nicht nur SN-Karikaturist, sondern auch Architekt ist.

Eine Ursache für diese Erneuerung liegt darunter: die Äbtegruft. In diesen seit den Umbauten des 20. Jahrhunderts sowieso schlecht belüfteten Raum sei vor einem halben Jahr wegen eines Rohrbruchs Wasser eingedrungen, schildert Erzabt Korbinian. Da sei im sowieso feuchten Raum sogar ein See gestanden.

Wenn man nun die dreiteilige Metallplatte unter dem Teppich vor dem Volksaltar hebt, ist sie an der Unterseite klitschnass. Auf den Stufen steht Wasser. Unten hingegen, wo alles aus Stein ist, wirkt es trocken. Nur an der 1981 eingezogenen Betondecke hängen Tropfen. "Das ist die Apsis aus dem 9. Jahrhundert", erläutert der Erzabt und leuchtet mit der Lampe seines Handys die Gruft aus. Einige Mauerreste könnten aus römischer Zeit sein. Infolge der Hirsauer Reform sei Anfang des 12. Jahrhunderts diese Krypta überbaut worden. Seit 1705 werde sie als Gruft genutzt - der letzte hier bestattete Erzabt ist Franz Bachler (1915-2003).

Als man diese Kolumbarien-Gruft in den 1920er-Jahren um zwölf Grablegen erweiterte, wurde der Scheitel der frühromanischen Apsis gekappt. Ab Herbst werden viele Einbauten des 20. Jahrhunderts entfernt, um das aus dem 9. Jahrhundert Vorhandene zu betonen. Noch mehr: Dieser unterirdische Raum soll in Richtung nördliches Seitenschiff erweitert werden. Da wird es für die Archäologen spannend: Hier wurde noch nie gegraben, hier könnte Römisches ebenso zu finden sein wie Severinisches (5. Jahrhundert) und Rupertinisches (8. Jahrhundert).

Über Äbtegruft und Vierung ist das nächste Sorgenkind: die Kuppel. In den Tambour ist ein Gitter gespannt, damit Mauer- oder Putzstücke nicht den Zelebranten auf die Köpfe donnern. Während des Kriegs sei infolge eines Schusses zwischen die beiden Kuppelschalen Wasser eingedrungen, sagt der Erzabt. Die Folge sei jetzt "ein massiver Schaden: das Holzgerüst dazwischen ist total abgefault". Daher muss die ganze Kuppel eingerüstet werden.

Andere Schäden sind so zahlreich und kostspielig, dass sie kaum zu bewältigen sind: im Marmor. Böden, Gitter und alle Altäre - außer dem Rupertusaltar - sind aus Untersberger und Adneter Stein. "Hier, das ist zerfressen", sagt Abt Korbinian und zeigt auf eine Ecke in einer Seitenkapelle. Wer frisst Marmor? "Salze, Minerale, Feuchtigkeit." So werde die steinerne Pracht bröslig und brüchig.

An die zwölf Millionen Euro sind für das Großprojekt erforderlich: Gruft, Marmor, Holz, Wände und Decken, Kuppel, Kirchentor, barrierefreier Zugang, Volksaltar, Orgel, Heizung, Licht und Brandschutz. Dafür bittet der Abt um Spenden.

Das reiche Stift St. Peter braucht Spenden? "Reich!", erwidert der Abt und stöhnt. Das Stift komme freilich für den Großteil der Kosten auf. Doch sei zu bedenken: All der Aufwand - ebenso wie die Erhaltung der anderen von St. Peter betreuten Kirchen, von Maria Plain bis Abtenau - sei keine Investition im Sinne, dass sie je pekuniären Ertrag brächte. Und: "Wir sammeln Spenden nur für Kunstdenkmäler" - wie Fresken, Stuck, Kirchenbänke und Marmorskulpturen. Übrigens gebe St. Peter jährlich bloß in der Stadt Salzburg ca. 800.000 Euro für Kultur aus - sei's Museum oder öffentlich zugängliche Bibliothek. Auch damit entstehe "Reichtum, der sich nicht in Geld bemessen lässt".


Spendenkonto:
Bundesdenkmalamt, 1010 Wien.
IBAN: AT07 0100 0000 0503 1050
BIC: BUNDATWW
Damit eine Spende steuerlich absetzbar wird, unbedingt unter Verwendungszweck "A95" anführen!

Privatpersonen müssen Vor- und Zuname und Geburtsdatum angeben.

Aufgerufen am 17.08.2018 um 10:44 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/der-erzabt-klagt-ueber-wurmstich-22551688

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