Kultur

"Die Eroberung von Mexico" bei den Salzburger Festspielen

Alles andere als leichte Kost: Die selten gespielte Oper von Wolfgang Rihm hat am Sonntag in der Felsenreitschule Premiere.

Zwei große, gegensätzliche, von verschiedenen Kulturen geprägte, widersprüchliche Figuren: Montezuma, von 1502 bis zu seinem Tod 1520 Herrscher über das Reich der Azteken. Und Hernán Cortez, der spanische Konquistador, der mithilfe indianischer Verbündeter das Reich der Azteken eroberte. Sie sind jetzt Helden einer zeitgenössischen Oper. Welche Helden?

In welchen Schuhen stecken eigentlich solche Personen, Eroberer und Eroberter? Peter Konwitschny, der Regisseur von Wolfgang Rihms Oper "Die Eroberung von Mexico", denkt lang nach. Dann sagt er mit leisem Nachdruck: "Die haben beide zu große Schuhe." (Pause) "Für sich selbst und für alles, was sie beabsichtigen." Montezuma hat zu große Schuhe, weil er eine freundschaftliche Beziehung anstrebt, die aber nicht funktionieren kann, weil sie zu weit greift. Und Cortez stecke, sagt Konwitschny, in zu großen Schuhen, weil sein Handeln, diese "gewalttätige Ausrottung" von etwas Fremdem, sich letztlich - mit dem Blick aus unserer Zeit betrachtet - "auch gegen uns auswirkt". Nach dem Motto: Weg mit denen, und dann ist alles gut! Eine scheinbar bequeme Lösung. Dahinter steckt freilich ein großes Fragezeichen.

Was wird hier eigentlich gespielt? Der Titel, wie ihn der heute 63-jährige deutsche Komponist Wolfgang Rihm für sein "Musiktheater nach Antonin Artaud" wählte, 1992 uraufgeführt in Hamburg, lässt etwas Abenteuerliches assoziieren, vielleicht einen Film oder ein Historiendrama.

Das Historische freilich ist nur Folie. In Wahrheit stehen sich hier - so gegensätzlich sie auch sein mögen, so sehr sie unterschiedliche Ziele verfolgen - zwei Figuren auf der verzweifelten Suche nach Gemeinsamkeit gegenüber. Sie suchen nach Chancen von Begegnung, Kommunikation, Nähe, letztlich auch - Liebe. Vielleicht schreit ja ein solches Theater nach Musik? Die Folie für die Oper ist ein surreales dichterisches Werk. Antonin Artaud forderte radikal ein neues Theater, wollte die Konventionen des Theaters da mit herausfordern. Es sind Visionen eines anderen Theaters, die Artaud entwirft. Dem kann man nicht mit gewöhnlichen erzählerischen Mitteln folgen.

Vielleicht schreit ja ein solches Theater nach Musik? Wolfgang Rihm hat den Ruf jedenfalls aufgenommen, beschäftigte sich auch nach der "Eroberung von Mexico" immer wieder mit Artaud. Das Seraphim-Theater etwa spielt schon in die "Eroberung" hinein, wie überhaupt Wolfgang Rihm immer von Zellen aus komponiert, die nach und nach sich zu Werken auswachsen, die wieder neue Werke nach sich ziehen.

Musik sei, sagt Peter Konwitschny, ohnedies nicht konkret dingfest zu machen. Aber sie folge immer einem Gestus, den man versuchen müsse, Gestalt werden zu lassen. Es ist der Klang, der diese Gestalt gibt, und "mitten im Klang" befindet man sich schon beim Betreten des Theaters, diesfalls der Felsenreitschule, wo sich ein Schlagzeugpuls vernehmen lässt, noch bevor der Dirigent einen Einsatz gibt. "Ganz stark", sagt der Regisseur, gehe es bei Rihms "Eroberung von Mexico" darum, dem Klang nicht nur Raum zu geben, der der Komposition von sich aus schon eingeschrieben sei, sondern ihn auch "in Szene zu setzen". Montezuma ist eine Frau Die "gewaltigste Idee" des Komponisten, betont der Regisseur, sei die Besetzung des Aztekenherrschers Montezuma mit einer Frau, einem Sopran. Diese Stimme bildet melodische Figuren aus, weiche, kantable Linien, eine sphärische Schönheit. Beigeordnet sind Montezuma zwei weitere Frauenstimmen, die den Hauptsopran "nach oben und nach unten erweitern", in schwindelnde Koloraturhöhen auf der einen, in Alttiefen auf der anderen Seite.

Diese Stimmen sollten eigentlich im Orchester positioniert sein. Jedoch sieht die Partitur auch die Möglichkeit vor, sie an bestimmten Stellen auf der Bühne erscheinen zu lassen - eine Möglichkeit (und Rihm lässt zur Freude des Regisseurs viele Möglichkeiten, also Freiheiten zu), die Konwitschny auch ergreifen wird. Die Interaktion mit "Frau Montezuma" soll einen anderen Raum aufschließen, ein, wie Konwitschny es bezeichnet, "Zusammenwirkendes" zeigen. In seinen Werknotizen von 1992 bemerkt Rihm: "Montezuma als Klangsatz bedeutet idealiter also: eine dreistimmige Frauenstimme; der Gesang als Gesang im Gesang." Einheit als Dreiheit.

Aber auch Cortez, dem Eroberer, der mit baritonaler Präsenz und rhetorischer Energie der Mann, der "Herr"-scher, ist, hat zwei "Begleiter". Sprecher nennt sie die Partitur, "Mehr Atmende, Stimm-Tönende", schreibt Rihm. Denn sie singen nicht, sondern geben gewissermaßen Laut: hecheln, artikulieren Silben, stoßen Atem aus, verlängern, intensiveren so den Erregungszustand von Cortez, "sodass man seine innere Verfassung aber auch ganz anders beschreiben kann, wenn man das nicht nur hört".

Das Orchester, seine Verteilung und die Klänge im Raum, die Chöre, die in dieser Inszenierung nicht als "Spanier" oder "Azteken" erscheinen, sondern als "konzertante Personen": Sie sind das kollektive Klangtheater, in das die beiden Hauptfiguren eingebettet werden. Und die letztlich mehr sind als konkrete Charaktere, mehr als "Montezuma" und "Cortez". Der Kern der Erzählung Denn das ist auch für Peter Konwitschny der Kern der Erzählung dieses "Musiktheaters": Mann und Frau, männlich, weiblich, neutral als Prinzip, "Plus und Minus", wie der Regisseur die Begriffe von Wolfgang Rihm und Antonin Artaud erweitert, so wie es auch im Atom ein Plus- und ein Minusteilchen gibt, den Energiekern der Welt. Also wird das Musiktheater tatsächlich zum Welttheater.

Welche Botschaft sieht der Regisseur in dieser "Eroberung" also abseits einer eventuellen "Krimigeschichte"? Sie liege, sagt Konwitschny, "in der Verantwortung, die wir haben, das Plus oder Minus nicht aus Angst zu vernichten, sondern die Chance wahrzunehmen, in Kontakt zu treten mit dem anderen, durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden, dem anderen eine neue Dimension zu erreichen".

Am Ende jeden Akts vertont Wolfgang Rihm jeweils eine Strophe des Gedichts "Raiz del Hombre" (Wurzel des Menschen) von Octavio Paz. Die letzte Strophe singen Montezuma und Cortez endlich gemeinsam, als langes A-cappella-Duett, vokale Linien, die sich treffen und vereinen, umso eindringlicher in der Stille nach dem tosenden, tobenden Gemetzel der Schlacht. Denn Montezuma und Cortez sind tot. Ist Hoffnung also nur im Jenseits? Eine Utopie?

Wagner sage im "Ring des Nibelungen", alles müsse zerstört werden, um neu anfangen zu können, reflektiert der Regisseur, der sich dennoch als Optimist begreift. Und welche Rolle spielt bei dieser Neuordnung die Kunst? "Kunst ist eine Möglichkeit, klüger zu werden", sagt Peter Konwitschny. Das hängt nicht allein von Bildung ab, sondern auch von Empfindungsfähigkeit. Man könnte emphatisch vielleicht auch sagen: Herzensbildung. Vielleicht ist dafür das Schlussduett aus der "Eroberung von Mexico" ein möglicher "Versuch".

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.09.2018 um 02:07 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/die-eroberung-von-mexico-bei-den-salzburger-festspielen-2296381

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