Kultur

Die Perchten kehren heim ins Gasteinertal

Salzburgs größter Umzug leitet im Pongau das neue Jahr ein. Schön- und Schiach- perchten brachten in Bad Gastein Frieden, Glück und Gesundheit.

"Das ist doch Eventtourismus", schnoddert ein deutscher Hotelgast. Der Mann verkennt die Lage völlig. Das Schauspiel vor seinen Augen ist kein gezieltes Produkt findiger Fremdenverkehrswerber, sondern gewachsenes Brauchtum. Touristen werden bestenfalls als staunende Zaungäste geduldet: Mitten in der Wintersaison erobern sich die Gasteiner ihr Tal ein Stück weit zurück.

Alle vier Jahre kehrt der Pongauer Perchtenlauf dorthin zurück, wo alles begann. Im Gasteiner Tal sind Perchtenläufe seit mehr als 700 Jahren erwähnt. Das konnte Mitwirkende jahrhundertelang den Kopf kosten. Seit das Ritual anno 1837 sogar Kaiser Ferdinand bei dessen Gastein-Besuch begeisterte, muss auch die katholische Kirche das bunte Aufeinandertreffen von Schnalzern, Musikern, Sängern, Krampussen, alpinen Sagengestalten, venezianischen Karnevalsfiguren und den charakteristischen Kappenträgern stillschweigend akzeptieren. Mittlerweile hat die UNESCO den Gasteiner Perchtenlauf in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

"Wir sind das Original", betont Perchtenhauptmann Andreas Mühlberger. Im Gegensatz zu den weiteren jährlich wechselnden Schauplätzen in St. Johann, Bischofshofen und Altenmarkt ziehen die Gasteiner Perchtenläufer nicht nur durch die Ortszentren. Vielmehr erreichen sie weite Teile des Tals: an zwei Tagen eine Strecke von knapp 25 Kilometern. Bevor zu Dreikönig das Ortsgebiet von Bad Hofgastein durchlaufen wird, machten die rund 150 Mitwirkenden am Neujahrstag in Bad Gastein den traditionellen Anfang.

Um 5.45 Uhr treffen sich die Perchtenläufer, um sieben Uhr morgens machen sie sich auf den Weg. "Wir haben sogar noch vereinzelte Silvestergäste getroffen", sagt Mario Berger. Er selbst habe sich am Abend zuvor um 21.00 Uhr zu Bett gelegt, um fit für seine Aufgabe zu sein. Berger trägt - abwechselnd mit Thomas Pichler - die 48 Kilo schwere Wildkappe. Drei Hirschgeweihe, ein Rehkopf und weitere ausgestopfte Tiere zieren die gewichtigste aller Tafelkappen. Knapp 50 Kilo einen halben Tag lang auf dem Kopf zu behalten, das erfordere nicht nur Kraft: "Alkohol dürfen wir nicht zu viel trinken, sonst können wir die Balance nicht mehr halten. Da haben's andere leichter."

Zum aberwitzigen Schauspiel tragen sie jedoch alle bei: Herodes samt Gefolge etwa fordert Ortsbürger zur Tilgung der Schulden auf. Das Zapfenmandl bewirft Schaulustige von Hausdächern aus mit Schnee, der schöne Hanswurst zielt mit einer Puppe auf junge Damen. Wer getroffen wird, darf Kindersegen erhoffen - oder befürchten, je nachdem. Hexen schaufeln Neuschnee in die johlende Menge, Jäger und Wilderer liefern sich spektakuläre Schusswechsel.

Die janusköpfige Frau Perchta schließlich vermittelt zwischen Gut und Böse. Sie wird - wie alle anderen weiblichen Figuren auch - von Männern verkörpert. Und die haben sichtbar ihre Freude an dieser Travestie im Zeichen des Brauchtums.

Die Reverenz selbst obliegt jedoch den Kappenträgern: Die meisten der insgesamt 31 kunstvoll angefertigten Kappen wiegen zwischen 15 und 30 Kilo. Sie zählen zu den Schönperchten, die - teils über Generationen von Gasteiner Familien weitergegeben - mit ihrem aufwendigen Blumenschmuck den Winter vertreiben sollen.

"Die Kappenträger wachsen an diesen Tagen über sich hinaus", sagt Perchtenhauptmann Mühlberger. Schließlich sei das Tragen der Kappe eine Ehre, auf die manche Gasteiner 20 Jahre oder länger warten. Vor fast jedem Haus erweisen sie dem Besitzer die Reverenz, bis zu 300 allein in Bad Gastein. Dabei leitet der Perchtenhauptmann seine Kappenträger zur strapaziösen Verbeugung an und lässt sie zu den Klängen der Perchtenmusik tanzen.

Auch Mühlberger begann als Musikant, bevor er die Schiachperchtenkappe tragen durfte und nun zum vierten Mal als Perchtenhauptmann fungiert. "Bereits als Kind hat es mich fasziniert, wenn die Perchten daheim vor unserem Hotel Schider ihr Ritual zelebriert haben", erinnert sich der 45-Jährige zurück. Dementsprechend emotional fällt seine Reverenz vor dem Elternhaus aus, die mit den traditionellen Worten "Frieden, Glück und Gesundheit" endet.

Auch wenn der Gasteiner Perchtenlauf traditionell in den beiden größeren Talgemeinden stattfindet, steuerte heuer erstmals auch Dorfgastein eine Kappe bei. "Wir zelebrieren beim Gasteiner Perchtenlauf, dass wir als Tal vereint sind. Bei uns laufen seit fast 100 Jahren Bad Gasteiner und Bad Hofgasteiner ganz selbstverständlich miteinander", betont Mühlberger.

Nach Einbruch der Dunkelheit werden sie erschöpft, aber glücklich am Talboden angekommen sein. Bereit, von dort aus am Samstag die strapaziöse Route nach Bad Hofgastein in Angriff zu nehmen. An Silvester feiern und zu Neujahr ausschlafen können die Gasteiner dann ohnehin die kommenden drei Jahre wieder.

Quelle: SN

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