Kultur

Ein guter Popsong ist wie eine große Umarmung

Die Szene Salzburg feierte 50-Jahr-Jubiläum mit Jérôme Bels Klassiker "The Show Must Go On".

"Hello darkness, my old friend", singen Simon & Garfunkel. Und es ist ganz dunkel in der Szene. Aber keiner singt mit. Zumindest schließen viele der Besucher mitsummend die Lücken, die der französische Choreograf Jérôme Bel dem Höreindruck von "The Sound of Silence" per Mute-Taste aufreißt. Kein Licht ist auszuhalten, keine Musik eher nicht.

Die Szene Salzburg erinnerte sich zum 50-Jahr-Jubiläum an eine legendäre Produktion, die 2000 eine bedeutende Zäsur in der Geschichte der Tanzperformance markiert hatte: "The Show Must Go On". Nicht die Komplexität abstrakt-verschlüsselter Bewegungssprache stand im Vordergrund, sondern Emotionen. Gute Popsongs können solche Emotionen erfahrungsgemäß freisetzen.

Dazu braucht es kein szenisches Element, wie der Beginn des Abends zeigt. Zu "Tonight" aus Bernsteins "West Side Story" ist es stockfinster, "Let the Sunshine In" aus "Hair" bringt allmählich Licht auf die Bühne. Die 20 Tänzer erscheinen erst zu "Come Together", wirklich Bewegung kommt mit David Bowies "Let's Dance" ins Spiel. Jérôme Bel nimmt die Texte der Popsongs aus seiner Playlist größtenteils wörtlich, was bei "Killing Me Softly with His Song" zu einem Massensterben auf der Bühne führt - oder bei Nick Caves "Into My Arms" zu herzlichen Umarmungen.

Die Kraft des Stücks ist ungebrochen, aber der Blick auf das musikalische Material hat sich in den 18 Jahren, seit das Stück letztmals in Salzburg zu sehen war, verändert. Der Sommerhit "Macarena", einst ein Ärgernis, ist dank diverser 90er-Jahre-Revival-Partys schon wieder auf dem Weg zum Kultstück. Auch Céline Dions "My Heart Will Go On" rührt aus der sicheren Distanz zweier Jahrzehnte an die Herzen einiger Zuseher, woran auch das Re-Enactment einer viel persiflierten "Titanic"-Szene ("Ich bin der König der Welt") nicht viel ändern kann.

Als die Tänzer - es handelt sich in dieser Version großteils um Performer aus Salzburg - bei "Every Breath You Take" jegliche Bewegung verweigern, beginnen weite Teile des Publikums auf den Rängen zu tanzen. Wie so oft im Pop setzt die Erinnerung Impulse frei, Schwänke aus der Jugend werden freimütig erzählt. Die Smartphones bleiben selbst dann unbenutzt, wenn auf der Bühne über längere Strecken nichts passiert - fast wie anno dazumal.

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