Kultur

"Glück" hat ins Unglücksjahr ein Glück gebracht

Die Regisseurin und Schauspielerin Gerda Gratzer blickt auf ein außergewöhnliches Jahr für Theatermacher und Schauspieler zurück.

Wie ist es einer freien Theatermacherin 2020 ergangen? Die Schauspielerin und Regisseurin Gerda Gratzer arbeitet zudem als Psychotherapeutin und systemische Beraterin in Salzburg. 2014 gründete sie das Theater der Freien Elemente, mit dem sie zumindest ein Mal pro Jahr ein Stück erarbeitet - zuletzt in Februar und März "Glück" der tschechisch-österreichischen Autorin Kateřina Černá. Zuvor inszenierte sie "Der thermale Widerstand" von Ferdinand Schmalz.

Vor allem für freie Künstler war 2020 ein verflixtes Jahr. Wie ist es Ihnen ergangen? Gerda Gratzer: Ich hab Glück gehabt - im doppelten Wortsinn: Wir haben das Stück "Glück" von Kateřina Černá normal geprobt, Ende Februar war die Premiere in der ARGEkultur. Und Anfang März haben wir die Aufführungsserie so gespielt wie geplant.

Man hat damals schon gehört, dass es Coronafälle gebe. Aber niemand hat sich Sorgen gemacht. Alle Vorstellungen waren gut besucht. Eine Woche danach war ich noch in einer anderen Veranstaltung in der Arge. Dann war alles zu.

So hatte ich eine wichtige, gelungene Produktion durchziehen können. Zunächst hatte ich also kein so großes Bedürfnis nach einem neuen Projekt.

Allerdings arbeite ich als Regisseurin auch mit anderen Ensembles und Amateurgruppen. Mit dem Theater Lengau hätten wir "Die doppelte Komödie" von Marivaux in einem Straßentheater gespielt, die Inszenierung war schon ausgearbeitet, ab Mai hätten wir geprobt. Das mussten wir ersatzlos absagen. Mit den Kleingmainern war für Herbst die Komödie "Valentine's Day" geplant. Wegen der vielen Coronaregeln dachten wir verschiedene Szenarien durch, das war sehr arbeitsintensiv. Schließlich haben wir auch das abgesagt. Das erste Mal in 39 Jahren haben die Kleingmainer 2020 nicht gespielt.

Wie finden Sie eine junge Autorin wie Kateřina Černá? In Graz gibt es einen Dramatikerinnen-Wettbewerb, da habe ich mir die Texte mehrere junger Autoren besorgt und die studiert. Wichtig sind für mich folgende Fragen: Ist ein Text musikalisch? Ist Rhythmus im Text? Findet sich Gesellschaftskritik? Das Stück handelt von fünf Personen in einer Tiefgarage, die nicht hinauskommen. Jeder von ihnen hätte die Garage verlassen können, aber ohne Auto. Es ist erstaunlich, welche materiellen Anhaftungen es beim Menschen gibt! Das und die Sprachkunst haben mich fasziniert. Daher hat es mich gereizt, es zu inszenieren.

Wie haben Sie als Künstlerin die Lockdowns erlebt? Ich habe eine pragmatische Ansicht: Primär haben wir ein Gesundheitsproblem, sekundär haben wir andere Probleme. Ich fühle mich derzeit extrem ausgehungert nach Kunst und Kultur. Es ist wie eine lange Fastenzeit, und ich freue mich, wenn endlich Besuche von Theatern und Konzerten wieder möglich sind. Dennoch hat derzeit der Schutz der Gesundheit Priorität: Wir müssen die Pandemie überwinden.

Ich selbst kann die Gefahren des Virus nur bedingt einschätzen, ich bin keine Wissenschafterin. Aber ich habe Vertrauen in deren Empfehlungen. Lockdowns sind nötig, so traurig das auch ist. Wenn alle sich an die Vorgaben hielten, kämen wir aus dem Schlamassel schon heraus.

Was im Coronajahr hat Sie angenehm überrascht? Es war ein wunderschöner Frühling! Da ist mir die Natur noch ein Stück näher gerückt. Überrascht hat mich auch das Noch-mehr-bei-sich-Sein, das Erkennen der Wichtigkeit von Beziehungen, die Entschleunigung und das bewusste Nachdenken über bestimmte Fragen. Und man lernt, dass vieles, was man für selbstverständlich hält, es nicht ist.

Auch der Herbst war ein Geschenk der Natur. Ich bin viel gegangen. Unsere Tochter war viel daheim, sie studiert in Wien, aber derzeit nur über Distance Learning; auch da hatten wir eine intensive Zeit miteinander.

Andrerseits erkenne ich, welchen Stresstest die Pandemie der Gesellschaft aufbürdet. Da geht vieles nicht konfliktfrei. Ich merke das im anderen Teil meiner Arbeit, als Psychotherapeutin und systemische Beraterin.

Sind Ihnen Künstler oder Veranstalter aufgefallen, die außergewöhnlich oder vorbildlich auf die Restriktionen reagiert haben? Im Frühling hab ich toll gefunden, wie beispielsweise Ernst Molden Balkonkonzerte gegeben hat. Das war originell und hat viele Menschen angelockt.

Auch im Internet gibt es viel zu schauen. Allerdings hatte ich anfangs eine Hemmung, mich mit diesem Medium künstlerisch zu beschäftigen. Aber es ist faszinierend, welcher Raum sich öffnet, wo man noch nicht absieht, was sich alles abspielen kann.

Warum hatten Sie Hemmungen? Das Internet ersetzt keinen Theaterbesuch. Ich möchte unbedingt Menschen um mich haben, ich möchte unmittelbare Begegnungen. Trotzdem ist es erstaunlich, was an Experimentellem und Innovativem in der virtuellen Welt möglich ist. Aber es ersetzt nicht das Live-Erlebnis, vielmehr fehlt dem abgefilmten Theater die Tiefendimension. Theater und Bühne funktionieren anders als Film. Dennoch können bestimmte Formen großes Potenzial haben.

Haben Sie selbst so etwas wie virtuelles oder digitales Theater versucht? Dafür bräuchte es technische Unterstützung. Die hab ich nicht. Das ist ein Hindernis.

Und ich sag mir: 2020 hab ich mit "Glück" eh ein klassisches Theaterprojekt verwirklicht, jetzt setze ich auf die Hoffnung, dass ein nächstes vor Publikum stattfinden kann. Wenn nicht, dann werde ich sehr wohl überlegen, wie ich den technischen Aufwand meistern könnte und mein Genre erweitere. Derzeit genieße ich es zu schauen und zu staunen, was den anderen da einfällt.

Liegt also Ihre Theaterarbeit seit März brach? Nein, ich habe Texte studiert, viel gelesen und selber Stücke entwickelt. Ich benütze dafür Methoden aus der systemischen Arbeit - wie man Geschichten erfindet, wie man Szenen erfindet. Damit habe ich mich intensiver als sonst beschäftigt.

Inwiefern kann man mit Theater auf die Pandemie reagieren? Wir alle haben das Gefühl des Beraubtseins. Da kann Kunst helfen.

Wie? Beim Verarbeiten von Eindrücken: Was macht ein Lockdown in unserem Denken? Was macht die Angst vor Ansteckung in unseren Beziehungen? Was passiert da mit uns? Das wird im Künstlerischen stark zu spüren sein. Auch ich bin am Konstruieren von Geschichten, die sich damit befassen. Das ist schon ein gewaltiger Stoff!

Wie lässt sich der fürs Theater formulieren? Sicher nicht eins zu eins als ein Abbild der Realität. Das interessiert niemanden.

Es geht um prototypische Aspekte - etwa die Polarisierung. Interessant sind auch die vielen Verschwörungsgeschichten. Das sind Narrative, die in der Unsicherheit ihren Nährboden haben. Diese Art von Fantasiewelt ist ungeheuer interessant. Die hat es auch immer schon gegeben, nur jetzt lässt sie sich bewusster beobachten. Angst und Ungewissheit sind Teil unseres Seins. Daher ist es interessant, wie Menschen damit umgehen.

Die Pandemie bloß abzubilden wäre uninteressant. Aber die Dynamik, die daraus entsteht, ist faszinierend. Wo mich das genau hinführen wird, weiß ich noch nicht. Da brauchen wir alle noch etwas Distanz. Aber daraus werden sicher tolle Theater- und Filmstoffe entstehen.

Von Stadt, Land, Wirtschaftskammer und Sozialversicherungen gibt es Finanzhilfen für Künstler. Hat Ihnen da etwas genützt? Diese Unterstützungen finde ich wichtig und richtig. Allerdings bin ich wegen meines zweiten beruflichen Standbeins im Gesundheitsberuf nicht typisch, ich habe nur über den Härtefallfonds Unterstützung in Anspruch genommen, um fixe Mietkosten zu bewältigen.

Welche Erfahrungen kennen Sie von Theaterkollegen? Schauspieler, die ich kenne, haben mit großem Einsatz versucht, bei ihrer Arbeit zu bleiben. Jurij Diez hat es sogar zustande gebracht, zwei Theaterprojekte in München und Salzburg zu realisieren. Er meistert das als starke Persönlichkeit, jetzt plant er sogar eine Ausstellung. Andere haben während des Stillstands im Alleingang Soloprogramme oder musikalische Projekte erarbeitet, um die Zeit zu nutzen.

Und Finanzhilfe? Soweit ich das überblicken kann, gibt es bei Ausfällen gute Hilfen.

KULTUR-NEWSLETTER

Jetzt anmelden und wöchentlich die wichtigsten Kulturmeldungen kompakt per E-Mail erhalten.

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 23.01.2021 um 09:46 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/glueck-hat-ins-ungluecksjahr-ein-glueck-gebracht-97928155

Dorotheum Salzburg: Luxus kennt keine Krise

Dorotheum Salzburg: Luxus kennt keine Krise

Seit dem Frühjahr finden Auktionen des Dorotheum digital statt. Trotz Lockdown und Pandemie ersteigern Salzburger weiterhin Kunst und Co. Das Interesse ist ungebrochen groß.

Kommentare

Schlagzeilen