Kultur

"Glück" in der Argekultur: In der Tiefe lockt das Grauen

Die österreichische Autorin Katerina Cerna schuf einen herrlich absurden Text, der von Salzburger Schauspielern in ein Theatererlebnis verwandelt wird.

Ein Ehepaar will raus aus der Tiefgarage. "Wir fahren nicht", sagt sie. Doch auch ein Fahrerwechsel bringt keine Bewegung ins Spiel. Das Auto lässt sich nicht in Bewegung setzen, die beiden stecken fest. Und das Wasser, das von außen in den Raum dringt, steigt unablässig.

In der Argekultur wird aus dieser ausweglosen, tragischen Situation enorme Komik geschöpft. Die Salzburger Regisseurin Gerda Gratzer nimmt sich des Textes "Glück" an, mit dem die in Tschechien geborene und in Österreich aufgewachsene Autorin Kateřina Černá 2018 auf sich aufmerksam machte. Ihr Theatertext "Glück" ist von einer Begebenheit im Jahr 2015 inspiriert, als in Südfrankreich Menschen ums Leben kamen, weil sie während heftiger Unwetter ihre Autos aus einer Tiefgarage retten wollten. Die Absurdität dieser verheerenden Verkehrung von Prioritäten spinnt der Text weiter: Ein mysteriöser Außenstehender wirkt auf die Personen ein. Einen sprachlich eher der Unterschicht zugehörigen Mann inspiriert er dazu, seine Zunge als Hammer zu verwenden und sich damit aus dem Auto zu befreien. Das gelingt verblüffenderweise.

Wie Jurij Diez diese surreale Szene umsetzt, lotet die Grenzen zwischen Clownerie und Sprechtheater aus. Die Körperlichkeit des Schauspielers korrespondiert mit der sprachzentrierten Aktion der restlichen Schauspieler: Wolfgang Kandler, Judith Brandstätter, Sonja Zobel und Julia Leckner formen als vielfarbige "Stimmen" den hochmusikalischen Text wie eine Sprachfuge, legen die zwischen Beckett und Bernhard einzuordnende Sinnlosigkeit der Dialoge frei. Allein das Wort Geiselhaft erhält in diesem Kontext mehrere Bedeutungen. "Sie benehmen sich nicht geiselhaft", sagt Sophie zu einem Mitgefangenen. Der Begriff "Denkscheißerin", den ihre Schwester Sophie an den Kopf wirft, hat das Zeug zum Wort des Jahres.

Zuletzt bleibt den Gefangenen in der Tiefgarage nur die Fähigkeit zu schwimmen als Überlebenschance. Mitleid empfindet man mit keiner der Figuren. Aber vielleicht ist das auch ein Charakteristikum dieses Texts, der sich in Alois Ellmauers großartig funktionaler Schrägbühne zu einem klaustrophobischen Theatererlebnis entfaltet.

Das "Glück", das im Stück erst in höchster Ausweglosigkeit thematisiert wird, entlud sich beim Premierenpublikum am Mittwoch in ausgedehntem Applaus.

Theater: "Glück" von Kateřina Černá. Salzburg, Argekultur, Vorstellungen am 28., 29. 2 und 3., 4. 3.

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