Kultur

"Hochrechner der Nation" baut ein Schloss

Gerhart Bruckmann und Gattin Hilde leben seit Freitag in einer Märchenwelt. Ihre Mission ist heikel. Ihr Einsatzort ist das Spielzeug Museum.



Den Festspieltrubel bekommt Gerhart Bruckmann nur am Rande mit, obwohl sich sein Leben seit Freitag mitten in der Salzburger Altstadt abspielt. Der ehemalige Universitätsprofessor für Statistik hat keine Zeit für Kultur. Schließlich muss der 81-Jährige bis Sonntag im Spielzeug Museum ein Märchenschloss aus dem Dornröschenschlaf holen und neu erbauen.

Das Material schlummerte im Fundus des Museums, das derzeit historische Baukästen zeigt, darunter die Steinbaukästen der deutschen Firma Anker. Bruckmann besitzt mit 100.000 Steinen die zweitgrößte Sammlung in Österreich.

In mühevoller Kleinarbeit baut er derzeit das Märchenschloss auf. "Wir haben zwei Tage gebraucht, um die 4000 Bausteine zu sortieren", sagt Bruckmann. Gattin Hilde packt normalerweise nicht mit an. Ausnahmsweise geht sie ihrem Mann zur Hand, damit das Schloss rechtzeitig fertig wird.

"Das ist das einzige und letzte Mal", sagt sie. Wer beim Bauen zuschaut, versteht warum. Als Vorlage dient lediglich die perspektivische Ansicht des Gebäudes und pro Ebene eine Schnittdarstellung, die alles andere als genau ist. "Man muss ständig raten und ausprobieren", sagt Bruckmann. Das Schloss besteht aus 40 Ebenen. Die Steine haben je nach Größe verschiedene Nummern, die aber nicht aufgedruckt sind. "Ich habe jede Nummer im Kopf", sagt Bruckmann.

Das Märchenschloss war bereits viele Jahre im Museum zu bestaunen. Errichtet hatte es 1978 der taube Salzburger Tischler Erwin Gebert, der Zeit seines Lebens begeisterter Anker-Bauer war und dem Museum seine Sammlung vermacht hat. 1993 wurde Bruckmann schon einmal ins Museum eingeladen, um das Schloss zu "sanieren". Steine waren herausgefallen. Mit dem Umbau des Museums landete das Schloss im Lager. Jetzt bekommt es wieder einen fixen Platz.

Das Bauen nach den alten Plänen reizt Bruckmann kaum noch. Lieber entwirft er eigene Pläne für Großbauten, die mehrfach ausgestellt wurden. So hat er einen Spezialbaukasten für das Brandenburger Tor entwickelt und das Wiener Rathaus nachgebaut. Sein größtes Bauwerk war die Wiener Votivkirche mit 8000 Steinen. Weil seine Sammlung die Wiener Wohnung sprengen würde, lagert der Großteil im Stadtmuseum Traiskirchen. Zu Hause hat Bruckmann einen "Handvorrat" aus 5000 Steinen.

Die Leidenschaft für Anker packte Bruckmann schon mit vier Jahren. "Mein jüngerer Bruder und ich hatten während des Kriegs kein anderes Spielzeug." Schon damals haben die beiden selbst Gebäude entworfen. Bruckmanns Bruder wurde übrigens später Architekt.

Er selbst verschrieb sich der Statistik. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Bruckmann bekannt, als er bei Wahlen als "Hochrechner der Nation" im Fernsehen auftrat und mit eigenen Berechnungsmodellen Wahlhochrechnungen für den ORF durchführte.

"Mich fasziniert an den Baukästen das Systematische", sagt Bruckmann. Sie hätten ihn Geduld und Demut gelehrt. Von 1882 bis zur Einstellung der Produktion 1963 wurden im deutschen Rudolstadt 400 verschiedene Anker-Baukästen produziert. Seit 1995 werden wieder die einstigen Hauptserien erzeugt. Mit den Kästen aus Bruckmanns Kindheit spielen heute seine Enkelkinder.

Aufgerufen am 25.06.2018 um 02:33 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/hochrechner-der-nation-baut-ein-schloss-4649791

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