Kultur

Hubert von Goisern über die Bühne als Heimat

Hubert von Goisern bespielt ab Mittwoch drei Mal hintereinander den Domplatz. Der Musiker im Gespräch mit den "Salzburger Nachrichten" über die Bühne als Heimat, schwere Zweifel und den öffentlichen Umgang mit einem Hit.



Drei Heimspiele auf dem Salzburger Domplatz, drei Mal ausverkauft: Der 59-jährige Hubert von Goisern befindet sich seit Monaten auf einer der umfangreichsten Tourneen seiner Karriere. "Schuld" daran ist auch sein Hit "Brenna tuats guat".

SN: Sie spielen in den nächsten Tagen drei ausverkaufte Konzerte in der Stadt, in der Sie daheim sind. Haben solche Auftritte einen besonderen Reiz?

Goisern: Es ist stressiger, weil die Erwartungshaltung größer ist. Meine eigene - und ich habe das Gefühl, dass auch der kritische Blick und das kritische Ohr daheim größer sind als anderswo.

SN: Welche Rolle spielt der Ort für die Qualität eines Auftritts?

Goisern: Es gibt schon Orte, wo ich nicht mehr spielen mag, weil die Halle grindig ist oder die Akustik schlecht. Aber es gibt auch Orte, wo sich beim Spielen ein sehr heimatliches Gefühl breitmacht.

SN: Und der Salzburger Domplatz?

Goisern: Es ist eine unglaubliche Kulisse. Drei Mal Domplatz sind knapp 7000 Leute - da hätten wir ein Mal in der Salzburgarena auch spielen können. Aber ich wollte nicht dort spielen. Die Arena ist wie ein Symbol für die Zumutung, die es auf diesem Gebiet in Österreich gibt: Es gibt für Popmusik keine guten Hallen, nur diesen Allzweckteil in jeder Landeshauptstadt. Das ärgert mich. Da ist mir drei Mal Domplatz trotz des größeren organisatorischen und finanziellen Aufwands tausend Mal lieber.

SN: Sie haben Ihre Musik immer weit hinaus getragen. Wie wichtig ist die Erfahrung des Fremden für die Rückkehr ins Bekannte?

Goisern: In der Fremde, an Orten wie Ägypten oder Mali, habe ich auf der Bühne das Gefühl, es geht jetzt ums Leben. Das nimmt man mit.

SN: Warum ist das so existenziell?

Goisern: Wo einen keiner kennt, muss man die Leute ja tatsächlich gewinnen. Da gibt’s keine Vorschusslorbeeren wie hier, wo man auf die Bühne geht und die Leute klatschen, weil sie sich freuen, dass du kommst. In der Fremde ist alles noch angespannter, noch unselbstverständlicher als hier.

SN: Die Bühne ist nach all den Jahren immer noch ein Ort des Unselbstverständlichen?

Goisern: Ja, es ist eine Ausnahmezeit, ein Fenster in einer Zeit, in der es nur ein Hier und Jetzt gibt. Da ist nichts, was dich daran denken lässt, dass du etwas vergessen hast, und schon gar nicht kommen Gedanken daran, was in Zukunft sein könnte.

SN: Sie gehen also immer noch mit Verunsicherung raus ans Mikrofon?

Goisern: Ja. Die Möglichkeit, dass es nicht gut geht, die ist immer da. Manchmal mehr, manchmal weniger - und ganz selten vergesse sich diese Möglichkeit.

SN: Im Gepäck haben Sie einen Hit. "Brenna tuats guat" war auf Platz eins und in Radio-Dauereinsatz. Wie erklären Sie diesen Erfolg?

Goisern: Ich habe keine Erklärung. Komischerweise hat sich für mich diese Nummer stark verändert, nachdem sie so oft gespielt wurde und Massenphänomen geworden ist. Da hörte ich sie anders. Ich habe den Song plötzlich als Hit gehört. Vorher hab ich nur die Fehler gehört und die Möglichkeiten, die ich ausgelassen habe, was ich besser hätte machen können, mir aber nicht eingefallen ist. Ich habe nur die Schwachstellen gehört. Kaum war’s Nummer eins, waren die Schwachstellen weg. Diese Verschiebung der Wahrnehmung fand ich witzig.

SN: Woher kommt diese Verschiebung?

Goisern: Die kommt wohl aus einer grundsätzlichen Unsicherheit. Einerseits prägt mich ein Gefühl der Unverwundbarkeit. Aber es gibt auch das andere Extrem, das Zweifeln und Zittern.

SN: Wie groß ist denn die Gefahr, dass - wie einst beim "Hiatamadl" - viele nur wegen des eines Hit kommen?

Goisern: Es kommen sicher Leute zu den Konzerten, die nur dieses kleine Segment meines Schaffens wahrnehmen und die gar nicht daran denken, dass sie bei einem Konzert durch ganz schön viel durch müssen, um dann den Hit zu hören.

Ich finde das lässig, dass da welche sozusagen in den falschen Film kommen. Denn sie müssen da auch in eine andere Welt tauchen, bevor sie das bekannt bekommen.

SN: Haben Sie die Hoffnung, dass ein paar auch in dieser anderen Welt hängen bleiben?

Goisern: Das Potenzial, etwas Neues zu erfassen und zu absorbieren, ist ja bei den meisten Menschen eh viel größer, als es von der Industrie kolportiert und auch gewünscht wird. Wenn man alles immer auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner eindampft, ist das am Ende halt quantitativ günstiger und lässt sich leicht verkaufen.

SN: Wie ist das Glücksempfinden über "Brenna tuats guat" im Vergleich zum
"Hiatamadl" vor genau 20 Jahren?

Goisern: Ich habe 1994 ja aufgehört, weil ich wieder auf den Boden kommen wollte, den ich unter anderem durch einen Hit, das "Hiatamadl", verloren hatte. Ich wollte wieder in den Zug einsteigen können und zweite Klasse fahren, einkaufen gehen, in ein Wirtshaus gehen, ohne dauernd das Gefühl zu haben, dass mich alle anstarren. Als nun wieder so ein Hit passierte, war das wieder ein Schritt zurück in diese Zeit.

SN: War es schwer, damit umzugehen?

Goisern: Ich habe den Vorteil, dass ich alles schon kannte. Damals hat mich das am linken Fuß erwischt, zwar freudvoll, aber eben auch mit totaler Überforderung. Ich ließ viel zu vieles zu und viel zu viel zu nahe an mich heran. Das gibt es nicht mehr.

Das Fiebrige ist schon wieder da und die Temperatur ist wieder gestiegen. Aber jetzt weiß ich, dass es gerade in so einer Situation heißt: Cool bleiben. Damals bin ich da hineingestürzt und ging verloren.

SN: Aber Sie blieben nach dem Rückzug und erst recht nach Ihrer Rückkehr 1999 immer öffentliche Person.

Goisern: Ich bin jetzt aber älter, habe eine über zwei Jahrzehnte dauernde Vita des Öffentlichseins. Ich bin kein No-Name mehr wie damals, rund um den die Gier nach Berührung, nach jeder Neuigkeit riesig war. Mittlerweile gibt es da so eine Art Respekt, eine Schwelle, die nicht mehr so leicht überschritten wird. Ich war damals weit volksnäher als jetzt. Ich will auch jetzt nicht volksfremd sein. Ich bin keiner, der sich hinter der Sonnenbrille versteckt und sich wichtig fühlt. Aber ich habe gelernt, wie man sich wie ein Indianer unerkannt in ein Fort einschleicht.

SN: Der Domplatz beherbergt mit dem "Jedermann" ein österreichisches Kulturgut. Wo sehen Sie denn nach 20 Jahren Karriere Ihren Platz in der Kulturlandschaft des Landes?

Goisern (denkt lang nach): Da kann ich nichts sagen, was man nicht gegen mich verwenden könnte.

KULTUR-NEWSLETTER

Jetzt anmelden und wöchentlich die wichtigsten Kulturmeldungen kompakt per E-Mail erhalten.

*) Eine Abbestellung ist jederzeit möglich, weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Aufgerufen am 02.12.2020 um 03:09 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/hubert-von-goisern-ueber-die-buehne-als-heimat-5943934

Es rumort bei den Krampussen

Es rumort bei den Krampussen

Die Altgnigler Perchtenpass hält heuer still, die Maxglaner machen Hausbesuche bis vor die Tür: Mit den politischen Vorgaben sind alle über Kreuz.

Schlagzeilen