Kultur

Kostüme bei den Festspielen: Und sitzt der Helm?

Bis in feinste Details werden die Kostüme für die Salzburger Festspiele ausgearbeitet.

Annamaria Heinreich ist eine zierliche Frau. Beim Applaus nach der Premiere von "Don Carlo" morgen, Dienstag, wird sie kaum auffallen, wenn sie sich im Großen Festspielhaus zwischen Anja Harteros, Jonas Kaufmann, Thomas Hampson und Matti Salminen, neben Peter Stein und Antonio Pappano verneigt. Dabei hat sie die Pracht dieser Neuinszenierung in über einjähriger Vorbereitung maßgeblich mitgestaltet. Seit Ende Juni ist die Kostümbildnerin in Salzburg und fast rund um die Uhr im Einsatz: Ab den späten Morgenstunden klärt sie bei Kostümproben hunderte Fragen: Welcher Knopf? Sitzt der Ärmel? Wie breit der Gürtel? Wie hoch der Kragen? Bis in die späten Abendstunden sitzt sie mit Argusaugen in szenischen Proben: Fällt der geöffnete Mantel richtig? Ist die Jacke schnell genug aufzuknöpfen? Und der Schleier - zu lang, zu kurz? Jedes Detail soll sich zur kleinsten Geste wie zum Gesamtbild fügen.

SN: "Don Carlo" spielt um 1560, Schiller hat es in den 1780er-Jahren geschrieben, Verdi hat es 1867 komponiert, heute wird es aufgeführt. Wie turnen Sie sich durch die Jahrhunderte?
Annamaria Heinreich: Regisseur Peter Stein möchte immer dem Stück nahe kommen. Giuseppe Verdi hat ja für "Don Carlo" in einer szenischen Disposition genau beschrieben, wie er sich das vorstellt. Peter Stein beachtet diesen Wunsch des Komponisten. Die Oper spielt also bei Verdi wie bei uns zur Zeit Philipp II.

SN: Wie haben Sie sich den Kleidern der Renaissance angenähert?
Heinreich: Es gibt von Don Carlo, Philipp II. und Elisabeth von Valois mehrere Gemälde. An einigen haben wir uns orientiert.

SN: An welchen?
Heinreich: Von Tizian, von El Greco und anderen Spaniern, ich war im Prado und im Escorial. Allerdings haben wir auch italienische Gemälde zu Rate gezogen.

SN: Die Sänger treten also in der Mode des spanischen Hofes auf?
Heinreich: Wir haben das vereinfacht, um es den Sängern sowie den heutigen Augen gerecht zu werden. Die Kostüme sind keine historisch präzise Nacharbeit. Es sind eher Zitate.

SN: Was heißt: "den Sängern gerecht"?
Heinreich: Erstens muss man immer bedenken, dass sich der Körperbau in den vorigen Jahrhunderten verändert hat. Einst waren die Schuhe kleiner als heute. Oder: Man sieht an Mozarts Kleidung, wie schmal die Schultern der Männer waren. Zudem verwenden wir heute andere Materialen als früher. Zweitens müssen die Sänger sich gut bewegen können. Und vor allem müssen sie gut aussehen. Ich möchte sie möglichst vorteilhaft anziehen. Ich muss da also Kompromisse finden. Zum einen soll der Zuschauer die Atmosphäre der damaligen Zeit und der jeweiligen Rolle vermittelt bekommen, zum anderen sollen die Sänger sich wohlfühlen, damit sie den ganzen Abend spielen und singen können.

SN: Wie ist ein Kostüm vorteilhaft?
Heinreich: Das ist für jede Rolle, aber auch für jeden Sänger unterschiedlich - ob groß, ob schlank, ob jung. Noch wichtiger als der Körperbau ist die Persönlichkeit des Sängers. Was er auf der Bühne trägt, muss auch zu ihm als Privatperson passen. Zum Beispiel darf das Kostüm keine Farbe haben, die der Sänger nicht mag. Ein Kostüm ist nur gut, wenn der Künstler, der es anzieht, das Gefühl hat, es selbst so ausgesucht zu haben.

SN: Spanische Hosen waren damals kurze, kugelige Pluderhosen, oft mit Rosshaar ausgestopft. Darunter trugen die Männer Beinlinge, die am Gürtel angenestelt waren. Wird es das geben?
Heinreich: Nein. Solche Hosen wären für die Sänger wenig vorteilhaft und auf der Bühne schwierig zu tragen. Es gibt auch Bilder, die eine andere, etwas schmälere Art von Hose zeigen. Gemälde von Giovanni Battista Moroni (um 1525-1578) oder von anderen Italienern schau ich sehr gern an. Da hat der Herr ein Wams bis zur Taille mit kleinem Schoß, dem Körper nah, dazu gefaltete Hosen, schlank am Bein und übers Knie. Es ist ja zu unterscheiden, ob man Kostüme für Theater oder Kino macht. Für den Film können sie opulenter sein, denn oft sind sie in Großaufnahmen und nur kurz sichtbar. Auf der Bühne hingegen brauchen Sänger andere Bewegungs- und Atemfreiheit.

SN: Die Renaissance brachte viele Innovationen, die vor allem am spanischen Hof prächtig waren. Es gab große Halskrausen oder die Schaube als Vorform des Mantels.
Heinreich: Für ein Bühnenstück sind historische Besonderheiten nicht immer der zentrale Punkt. Wichtiger als ein Detail ist der Gesamteindruck. Wichtig ist, dass man eine Zeit bedient. Oft genügt es, einen Aspekt herauszuholen und konsequent weiterzuführen. Detailverliebtheit kann schnell zu aufwendig und teuer werden. Und es besteht auch die Gefahr, dass ein Sänger in seinen Kleidern verschwindet, dass also ein Kostüm die individuellen Bewegungen und die Eigenart, Emotionen zu vermitteln, verdeckt. Letztlich geht es ja darum, dass die Sänger in ihren Rollen glaubwürdig sind.

SN: Das klingt fast bescheiden.
Heinreich: Bescheiden ist es nicht. Wir haben etwa 650 Kostüme. Allein wenn der König im Autodafé auftritt, haben wir an die 220 Personen auf der Bühne. Die sind alle begeistert, dass der König kommt: Der muss da schon imposant sein. Auch Elisabeth trägt da kein bescheidenes Kostüm. Man sollte da sofort sehen, dass diese zwei Figuren eine unglaubliche Macht repräsentieren.

SN: Was ist typisch für die Silhouetten der damaligen Kleidung?
Heinreich: Ich würde hier sagen, was für diesen "Don Carlo" als typisch gilt: Bei den Frauen ist ein wichtiger Aspekt das Mieder, denn die Renaissanceform des Mieders ist sehr vorteilhaft. Bei Männern dieser Zeit ist interessant, dass die Kleidung den Oberkörper natürlich nachzeichnet.

SN: Welche Aspekte, welche Farben holen Sie heraus?
Heinreich: Wir machen ja den Fontainebleau-Akt. In ihrer französischen Heimat sind Elisabeths Kleider noch in lebendigen Farben. Nachher werden sie schwarz. Für Spanien habe ich vor allem Schwarz gewählt - auch weil wir eine helle Bühne haben. Meist tragen die Frauen also dunkle, strenge Kleider. Zudem habe ich viel mit Spitzen gearbeitet, immer wieder kommen Schleier und Spitzen vor. Das ist eine Assoziation mit dem südlichen, religiösen Leben - ich denke da an die Frauen, die früher in Spanien nur mit Spitzentüchern über dem Kopf in die Kirche gegangen sind.

SN: Wie schwierig ist es, Kostüme für das Große Festspielhaus zu gestalten? Wie großzügig kann man da bei Kleinigkeiten sein?
Heinreich: Da muss man schon aufpassen, dass Details überhaupt noch sichtbar bleiben. Dennoch bin ich der Meinung, auch für so eine große Bühne müssen alle Details präzise gemacht werden. Denn man weiß nie, wo die Sänger platziert sein werden, sie können auch ganz nach vorn kommen. Und es ist wichtig, für das Gefühl der Sänger, dass sie etwas anhaben, das sorgfältiges, präzises Handwerk ist. Man trägt ja auch im Privatleben gern etwas, das gut sitzt und gut gemacht ist. Aber hier in Salzburg ist solche Qualität kein allzu großes Problem. Von einigen renommierten italienischen Firmen kamen wichtige Beiträge, und die Werkstätten der Salzburger Festspiele sind sowieso fantastisch.

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