Kultur

Mahner sind wie beim Schnitzel s'Petersilsträußl

Scharfsinnig und wortgewaltig analysiert Kabarettist Thomas Maurer seine Umgebung. Ihn irritiert vor allem, dass die brennenden Zukunftsfragen so gut wie nicht diskutiert werden.

Thomas Maurer ist 1967 geboren und seit 1988 mit bisher 15 Programmen hauptberuflich Solokabarettist. Daneben arbeitet er gerne und regelmäßig mit Kollegen zusammen (z.B. Hader, Palfrader, Scheuba, Puntigam), arbeitet federführend an Fernsehprojekten mit (Die kranken Schwestern, Die 4 da, Wir Staatskünstler) und verfasst Kolumnen, Reportagen, Kurzgeschichten und Drehbücher.


Herr Maurer, angesichts des Nationalratswahlkampfs im Herbst, verzweifelt man da nicht als Kabarettist?
Thomas Maurer: Das war das Musterbeispiel eines Wahlkampfs, bei dem die Dinge, über die wir reden sollten, nicht diskutiert wurden. Es gäbe eine Menge echte Zukunftsthemen, die geschlossen nicht vorkamen.

Wer hat denn bei Ihnen den prägendsten Eindruck hinterlassen?
Das nachhaltig Irritierende waren für mich nicht diese saudummen Facebook-Aktionen, sondern die große Sebastian-Kurz-Inauguration in der Wiener Stadthalle. Wo du das Gefühl hattest, das ist ein Scientology-Kongress. Wo Leute sich türkise Dirndln schneidern ließen, blockweise dort saßen und jubelten. Da fragst du dich schon ein bissl, was das soll und ob du in puncto Massenhochzeit mit einem Spitzenpolitiker nicht doch ein wenig vorsichtig sein sollst.


Wie schätzen Sie das ein?
Das kommt wohl aus einer gewissen Heilandssehnsucht. Mit dem Neoliberalismus haben wir 40 Jahre Umverteilung von unten nach oben hinter uns und die Leute bemerken, dass etwas bröckelt, etwas ins Rutschen kommt. Und wie immer, wenn die Leute verunsichert sind, muss man ihnen einen Feind von außen bieten. Da ist der Islam genau rechtzeitig dahergekommen.


Noch mal zurück zu dem, wie ein Kabarettist damit umgeht. Schreibt man sich da einiges ab?
Nicht unbedingt, weil ich Tagespolitisches, wo ich durchaus einen Zug zur Polemik habe, an die Staatskünstler ausgelagert habe. Meine Programme behandeln Themen, denen ich auf der Bühne zwei Stunden Zeit geben kann.

Wo kommen Ihnen dann die besten Ideen - beim Waldspaziergang?
Am Schreibtisch. Ich gehöre zu den Menschen, die ihre Programme nur schreiben, wenn sie müssen. Wenn ich im Wald spazieren gehe, bin ich mit dem Waldspaziergang ganz gut ausgelastet.


Wie dürfen wir uns das vorstellen - Sie sitzen also drei Stunden brav am Computer und tippen?
Ja, oder ich lege drei Stunden Patiencen, wenn mir nichts einfällt. Das Tippen ist ja das Einfachste beim Schreiben. Die Pausen dazwischen, wenn ich nicht weiß, was ich tippen soll, die sind das eigentlich Strapaziöse.


Ihr letztes Programm hieß "Der Tolerator", wo Sie Toleranzgrenzen ausloten. Auch Ihre persönliche?
Es ist vor allem die Frage, wenn die persönliche Toleranzgrenze erreicht ist, welche Konsequenzen man daraus zieht. Normalerweise ohrfeigt man Menschen nicht, die zu ohrfeigen man den Impuls hat. In reglementierten Gesellschaften wie unserer muss man das in irgendeiner Weise der Sublimierung zuführen. Wenn ich wegen jeder Kleinigkeit total austicken würde, wäre das dem Zusammenleben auch nicht zuträglich.

Wir erwarten uns ja von einem Kabarettisten nicht, dass er gleich die Faust auspackt.
Also, wenn's mir zu deppert ist, sag ich nichts. Aber sonst bin ich durchaus fähig und manchmal willens, jemanden verbal in die Schranken zu weisen.


Ihr neues Programm heißt "Zukunft" - ist es zukunftsweisend?
Da geht es um die Themen, die meines Erachtens viel zu wenig diskutiert und reflektiert werden. Wir leben im totalen Umbruchszeitalter, und zwar auf vielen Ebenen. Maschinelles Lernen, Material- oder Gehirnforschung, Genetik, wir verabschieden uns gerade aus dem Evolutionsprozess. Wir wissen nicht, wie wir in Zukunft Arbeit organisieren, wenn es, wie die Prognosen lauten, in 25 Jahren 40 Prozent weniger Jobs gibt. Ganz abgesehen davon, dass wir ökologisch total an der Kante stehen. Es wäre viel zu tun und zu diskutieren, was aber nicht passiert.

Es gibt ja Mahner, die werden aber nicht gerne gehört, oder?
Oh ja, hören tun wir's ganz gerne. Das ist so wie das Petersilsträußl beim Schnitzel, das nicht mitgegessen wird. Aber es wird gerne gesehen.

Das Programm haben Sie in Neukirchen am Großvenediger ausprobiert. Warum?
Ich kenne den Charly Rabanser schon sehr lange, der ein bissl am Ende der Welt engagierte, professionelle Kulturarbeit macht. Das ist sehr angenehm. Und bei solchen Gelegenheiten kann man ausloten, wie das Publikum reagiert. Das ist hilfreich und etwas anders, als nur am Schreibtisch zu arbeiten.

Das "Ende der Welt" ist also ein gutes Pflaster?

In dem Fall ja.


Sie waren recht jung schon sehr erfolgreich, z. B. erhielten Sie den Salzburger Stier mit 23. Hat das Ihre Beziehung zu Salzburg gefestigt?
Ich habe schon mit dem ersten Programm im Kleinen Theater gastiert. Zuvor war ich nur ein einziges Mal bei einem Pfadfinderausflug in Salzburg. Ich bin in Wien aufgewachsen und habe sonst kaum was gekannt in Österreich. Als sogenannter "Großstadtprovinzler" habe ich Österreich erst durch meine Tourneetätigkeit kennengelernt.

Aufgerufen am 16.10.2018 um 03:27 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/mahner-sind-wie-beim-schnitzel-s-petersilstraeussl-21445222

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