Kultur

Nachtkritik: Dieser "Rigoletto" ist ein Ereignis

Hochspannung herrschte Samstag im "Haus für Mozart": Das Salzburger Landestheater realisierte Verdis "Rigoletto" als aufwühlendes, mitreißendes Musiktheater.

Nachtkritik: Dieser "Rigoletto" ist ein Ereignis SN/robert ratzer
Regisseurin Amelie Niermeyer.

Regisseurin Amelie Niermeyer siedelt das populäre Werk in einem zugleich irrealen und konkreten Horrorhaus an (famose Ausstattung: Alexander Müller-Elmau, Bühne, und Kirsten Dephoff, Kostüme). Nicht die rührende Vater-Tochter-Geschichte steht im Zentrum, auch nicht das tragische Schicksal eines Hofnarren, der von der Gesellschaft als Außenseiter düpiert und gedemütigt wird. Vielmehr zeigen anspielungsreiche Szenen schon am Beginn, wie hier eine gnadenlos lüsterne Männergesellschaft Frauen (und Kinder) als (Wegwerf-)Ware behandelt. Menschliche Gefühle gelten in dieser kalt mechanisierten Gesellschaft nichts. Masken sind das Hauptrequisit; sie verbergen die wahren Charakterzüge, schützen zugleich vor dem Erkennen. Damit ist die Regisseurin sehr nahe und sehr gegenwärtig am Skandalon der Opernvorlage: Victor Hugos schonungslos anklagendem Drama "Le roi s` amuse" - haltloses Vergnügen, das sich nicht deklarieren muss, sondern das Menschen ohne Rücksicht zerstört.

Diese dezidierte, zum Teil drastische Realistik, die aber nie grob oder überzeichnet wirkt, unterstützt der Dirigent Adrian Kelly mit einem großartig disponierten Mozarteumorchester durch soghaft wirkendes Musizieren voller Intensität, empfindungsstarke Momente, durchsetzt von grellen dramatischen Akzenten, fabelhaft durchgestaltete Klangdramaturgie. Verdis Klangsprache wird mit kühner Direktheit ungeschönt und deutlich ausgestellt: radikal und modern. Sensationelle Leistungen Ein Ereignis für sich ist das Sängerensemble, weil es sich bis in die kleinsten Rollen und im Kollektiv des Chors dem Risiko der Deutung bedingungslos aussetzt und damit einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit gewinnt. Sensationell: Eri Nakamura als Gilda, zierlich in der Erscheinung, phänomenal durchsichtig in der Stimmführung, traumwandlerisch intonationsgenau und dort, wo es darauf ankommt, von einer Kraft, die nachgerade umwerfend ist. So ein Rollenprofil muss man erst einmal gewinnen. Ivan Inverardi hat als Rigoletto unerschöpfliches Volumen, das urgewaltig, aber nie roh aus einem gleichsam bärenstarken Körper strömt und gleichzeitig jederzeit auf faszinierende Art - auch im intensiven Spiel - beweglich ist: eine ungefährdete Prachtstimme mit Charakter. Bei blendender Erscheinung von idealem Maß ist auch der leichte und zugleich mühelos kräftige, wunderbar timbrierte und locker-geschmeidige Tenor von Rame Lahaj als Herzog.

Der packende, so hoch musikalische wie hoch intelligente Abend, den man gleichsam auf der Stuhlkante verfolgte, mündete zu Recht in langen, frenetischen Beifall. Bis 12. November gibt es noch sechs Vorstellungen. Man sollte sie nicht versäumen.

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