Kultur

Nachtkritik zu "Faust": Teufelspakt mit Nebenwirkungen

Einer muss der Buh-Mann sein: Reinhardt von der Thannen inszenierte Gounods "Faust". Die Premiere im Großen Festspielhaus erntete Missfallen.

Na endlich, buuh! Wäre doch eine Schmach gewesen. Da sitzt der "Skandalregisseur" Hans Neuenfels im Publikum, seit seiner "Fledermaus" 2001 immer noch Rekordhalter bei Publikumsprotesten, und dann ist sein Lieblingsausstatter, Reinhard von der Thannen, für die Regie und Ästhetik dieser neuen Festspielproduktion verantwortlich. Buh, was sonst. Dabei wäre die Aufregung nicht nötig gewesen, "Faust" von Charles Gounod, zum ersten Mal überhaupt bei den Salzburger Festspielen zu sehen, war weder so gut noch so schlecht, um die Contenance wegzuschmeißen.

In vielen Szenen merkt man, dass Von der Thannen vom Bühnenbild her "denkt", eine klinisch weiße Szenerie, die mit pastellfarbenen Neonlichtern (Frank Evin) akzentuiert wird und mit Erscheinungen angereichert. Hat Von der Thannen für Neuenfels beim Bayreuther "Lohengrin" sogar Ratten entworfen, so ist der Chor nun in Sackkostüme gesteckt und anonymisiert. Egal.

Das Leben ist ein Nichts

Nach der episch-schwergewichtigen Ouvertüre - die famos-pastosen Wiener Philharmoniker werden vom Debütanten Alejo Pérez zu Wallungen angeregt, den ganzen Abend über - öffnet sich der Vorhang und man sieht - nichts. Zumindest hängt da ein Riesenschild, "Rien", darunter eine seltsam verrenkte Gestalt. Als diese sich umdreht, ist es Faust, also der Tenor Piotr Beczala, kahlköpfig, in ein Gewand gesteckt à la alte Niederländer mit weißem Kragen. Und er hadert mit dem Leben, dem "Nichts", dramatisch. Nur der hereintönende Chor fröhlicher Mädchen hält ihn vom Suizid ab. Als die Mädchen aber Gott preisen, hat Faust eine schlechte Idee, "Satan, zu mir!" Mephisto ist zur Stelle. Ein netter Mann, Ildar Abdrazakov kommt in Weiß und wirkt sympathisch. Sogar eine dämonische Tiefe vermisst man beim ansonsten erstklassigen Bass. Faust, voller Begehr, nach Jugend, Trunk und Fun, kann den Werbekünsten Mephistos nicht widerstehen, die Erscheinung Margarethes vor Augen, die kurz auftaucht, unterschreibt er den teuflischen Vertrag. Und verwandelt sich auch modisch.

Der nunmehrige Womanizer beeindruckt Margarethe enorm, auch wenn sie "Arm und Geleit" keusch ablehnt. Vorerst, denn ein Glitzerstoff von Swarovski, im Schlafzimmer deponiert, bringt ein emotionales Umdenken mit sich und führt zur Schwangerschaft samt Tragödie der Kindesmörderin. Das deutsche Kulturerbe "Faust" - wenn auch von einem Franzosen, erfolgreich bis heute, vertont - muss man ja (hoffentlich?) nicht nacherzählen, nur was Von der Thannen draus gemacht hat. Er strich großzügig Sachen wie die Walpurgisnacht, Mephisto ist das Alter Ego von Faust. So kommt er mit je einen Kostümentwurf aus, Mantel und Zylinder oder Hausmantel mit Punkten, Partnerlook. Gretchen trägt erst Weiß, dann Schwarz, auch einleuchtend.

Die beste Geschichte schrieb Goethe

Von der Thannen nennt sein Regieverfahren "Folien" übereinanderlegen. Goethes gar nicht so schlechte Geschichte ließe sich näher am Text darstellen. Ohne Gebrauchsanweisung. So starrt man in ein weißes, dem Heimatfernsehen nachempfundenes Ovaldesign mit begehbarem Auge, wird geblendet von einem Lichter-Zylinder, der sich öffnen und um Gretchens "grünes" Schlafzimmer schließen kann. Bevölkert wird die Szene meistens von Tänzern und ihren biegsamen Körpern, die je nach Szene wieder verlegen "entsorgt" werden. Eine große Rolle spielt der - von Walter Zeh einstudierte - Philharmonia Chor. Als heimkehrende Soldaten unter einem kolossalen Skelett, als gemeines Kommentiervolk, unfreundliche Beobachter, düstere Mönche. Die Besetzung muss wohl nach der Bühnenbreite abgezählt sein, rund 60 passen knapp zwischen die Ränder, als sie sich in einer Reihe aufstellen.

Am Ende steht die Erlösung

Und es gibt Goethes Hauptfiguren. Piotr Beczala als Faust hat mit lyrischem Tenor seine Höhepunkte, makellos der Hauptschlager "Salut, demeure chaste et pure", keine Probleme mit den Spitzentönen, ein fabelhafter Titelheld. Auch Ildar Abdrazakov kann mit der Mephisto-Serenade punkten und ist ein forsch-quirliger Darsteller trotz Von der Thannens oberflächlicher Personenzeichnung. Maria Agresta als Margarethe hat es diesbezüglich nicht leicht, zwischen Unschuld und Schuld ihren Weg zu finden, ist aber stimmlich einprägsam. Auch Marie-Ange Todorovitch mit fülligem Mezzo ist sehr präsent als leicht entflammbare Martha Schwerdtlein, die zuletzt als schwarze Witwe durchs Bild irrt. Publikumsliebling des Abends ist Alexey Markov als Gretchens Bruder Valentin, ein toller Bariton. Er wird brutal von Mephisto und Faust erstochen und stirbt quasi im Stehen, nicht ohne seine unglückliche Schwester zu verfluchen. Rührend dagegen ist Tara Erraught als liebesbedürftiger Siébel.

Das Finale streckt sich ein wenig, nicht zuletzt wegen der Regie. Gretchen in der Kirche, da fahren Orgelpfeifen von oben. Und das "Kind" ist ein Paket, dessen sich Mephisto bemächtigt, ehe er Gretchen verflucht - was ein lautstarker Chor "aus dem Himmel", real frontal, abmildert in Gottes Güte und Erlösung.

Zu schauen gibt es viel, zu hören mehr, und im Sinne von Hans Neuenfels: vielleicht wird dieser "Faust" einmal als "Kult" gehandelt. In Bayreuth laufen die Produktionen aber über Jahre. Salzburg ist einmalig.

Quelle: SN

Aufgerufen am 23.09.2018 um 06:48 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/nachtkritik-zu-faust-teufelspakt-mit-nebenwirkungen-1169707

Karusell

Karusell

Lange Wartezeiten erlauben auch das wunderschöne Karusell im Abendlicht bewundernd, anzusehen bevor man abhebt. Danke, dass es jedes Jahr noch so jung dasteht wie vor 35 Jahren????????

Bei den Seifenblasen

Bei den Seifenblasen

Tobias Marie und Simon hatten sichtlich großen Spaß bei den Seifenblasen

Schlagzeilen