Kultur

"Sebastiansfriedhof war Bernhards Friedensort"

Thomas Bernhard erlebte im Andräviertel prägende Momente wie den 2. Weltkrieg. Eine Schnitzeljagd beim Literaturfest Salzburg macht seine Sicht auf die Stadt erfahrbar.

Schauspielstudent Sebastian Jekuhl und seine Kolleg(inn)en bringen Salzburg durch die Augen des jungen Thomas Bernhard nahe. SN/sw/suchanek
Schauspielstudent Sebastian Jekuhl und seine Kolleg(inn)en bringen Salzburg durch die Augen des jungen Thomas Bernhard nahe.

Den streitbaren Schriftsteller Thomas Bernhard verband mit Salzburg bekanntlich eine Hassliebe - und die Stadt mit ihm. In seiner Autobiografie "Die Ursache. Eine Andeutung" (1975) findet sich manche Erklärung dafür.

Er erzählt darin von seiner Schul- und Internatszeit im Andräviertel. Als Jugendlicher erlebte er hier die nationalsozialistischen Erziehungsmethoden im Internat "Johanneum" in der Schrannengasse, er verlor hier seine Englischlehrerin und Mitschüler im Zweiten Weltkrieg, er wurde hier von seinem Geigenlehrer geschlagen.

All das lässt sich in der "Ursache" nachlesen. Und es wird beim Literaturfest Salzburg erfahrbar gemacht, wenn sich vier Schauspiel-Studierende des Thomas-Bernhard-Instituts der Universität Mozarteum auf Bernhards Spuren begeben - in Form einer Schnitzeljagd durchs Andräviertel. "Es wird eine Textperformance, dahinter steckt die Idee des Wiedergängers. Bernhard kommt durch die Studierenden noch einmal zu Wort", erklärt Projektleiterin Christina Laabs.

Gearbeitet werde mit dem Originaltext aus "Die Ursache". Die Schnitzeljagd umspannt ein dramaturgischer Bogen, an fünf Orten werden inhaltliche Schwerpunkte gesetzt.

Gestartet wird beim Sebastiansfriedhof, den Bernhard liebte, über die Linzer Gasse, wo er privat Englischstunden nahm, ins Thomas-Bernhard-Institut in der Schrannengasse, das früher eine Kaserne war, weiter zum Friseur H-vantgarde, wo sich einst das Johanneum befand, und zum Finale in die Andräschule. Nach jeder Station müssen die Teilnehmer gemeinsam eine kleine Aufgabe lösen, wie bei einer Schnitzeljagd üblich.

An fünf Stationen wird durch Bernhard Geschichte lebendig

"Wir versuchen, durch Text, Melodie und Ort die Teilnehmer in jene Stimmung zu versetzen, in der Bernhard sich befand", sagt Schauspiel-Student Sebastian Jekuhl. Bernhard habe den Geigenunterricht gehasst, gleichzeitig war er froh, dem Internatsterror kurz entfliehen zu können. Der Tod habe Bernhard fasziniert, der Sebastiansfriedhof war ihm ein Friedensort, weiß Jekuhl: "Die Gedanken von Thomas Bernhard am Sebastiansfriedhof laut aussprechen zu können, das ist ein schönes Gefühl. Ihm war das damals ja nicht möglich."

Bernhard sei auch heute aktuell. "Wie er schreibt, das ist so hautnah. Es ist spannend, in diese Bedrücktheit reinzuflüchten." Man könne das auch auf den Leistungsdruck heutiger Jugendlicher beziehen, vor dem viele in Drogen und die Scheiß-drauf-Mentalität fliehen.

Laabs ist es wichtig, die Schnitzeljagd positiv enden zu lassen. Bernhard ging nach dem Krieg wieder zur Schule, machte dann einen Schnitt und begann eine Lehre in Lehen "Das zeigt: Es gibt immer Alternativen, Handlungsspielraum. Die Gespenster von damals sind nicht weg. Man kann mitlaufen oder sich dagegenstellen. Man muss die Stimmungen wahrnehmen", so Laabs.

Es sei wichtig zu wissen, was hier, wo wir leben, stattgefunden habe. Da könne Thomas Bernhard sensibilisieren. "Ich bin überzeugt, dass man nach dieser Schnitzeljagd manche Ecken Salzburgs mit etwas anderen Augen sieht", so Laabs.

Termine Thomas-Bernhard-Schnitzeljagd: Fr., 25. Mai, 14 &16 Uhr; Sa., 26. Mai, 12.30 & 14.30 Uhr; Info und Anmeldung: Eintritt frei, Anmeldung nötig unter +43/677/62 97 05 18; Programm Literaturfest: www.literaturfest-salzburg.at

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