Kultur

Tobi Reiser: Trachtenverbot für Juden

72 Seiten umfasst das Gutachten des Historikers OIiver Rathkolb zu Tobi Reiser und dessen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus.

Den Auftrag erteilten das Land und der Verein der Freunde des Salzburger Adventsingens. Befasst damit wurde der prominente Historiker Oliver Rathkolb. Er sollte sich mit Tobi Reiser und dessen Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen.

Notwendig wurde das, weil 2013 bekannt wurde, Reiser habe aktiv am Juli-Putsch der NSDAP 1934 teilgenommen. So steht es, von Reiser unterschrieben, in einem "Fragebogen des Reichsnährstandes" vom 21. Oktober 1938. Das machte eine neue Bewertung nötig, ob ein von den Freunden des Adventsingens seit 1992 vergebener und nach Reiser benannter Preis weiterhin verliehen werden kann.

Das Land reagierte prompt. Der Name Tobi Reiser dürfe nicht mehr mit Ehrungen des Landes verbunden werden.

Den SN liegt nun das Gutachten von Rathkolb vor. Es steht am Samstag im Zentrum eines Symposiums im Salzburg Museum. Rathkolb schreibt zusammenfassend: "Reiser hatte sich bereits vor 1938 in der Zeit des Verbots der NSDAP während der Kanzlerdiktaturen von Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg intensive Kontakte zu aktiven Proponenten der NSDAP, obwohl er gleichzeitig mit Vertretern des herrschenden Regierungsregimes wie Landeshauptmann Franz Rehrl oder mit der RAVAG, dem unter Regierungkontrolle stehenden Radio-Sender, Gespräche suchte, um seine Karriere als Volksmusikant zu intensivieren."

Rathkolb weiter: "Ob er tatsächlich am blutigen Juli-Putsch-Versuch der österreichischen NSDAP 1934 teilgenommen hatte, wie er nach dem ,Anschluss' 1938 behauptete, konnte nicht verifiziert werden, spielt letztlich keine Rolle, das seine politische Nähe zur NSDAP dann sogar in einem eindeutigen politischen Auftritt in Bayern 1937 gipfelte.

Auch polemisierte er bereits vor 1938 durchaus im ideologischen Sinne der NSDAP mit antisemitischen Untergriffen öffentlich gegen ,jüdische Tänze' und agitierte mit anderen für ein Trachtenverbot für Juden."

Tobi Reiser sei es nach 1945 gelungen, "wie Zigtausenden anderen auch, ein Volksgerichtsverfahren wegen Fragebogenfälschung bezüglich seiner NSDAP-Mitgliedschaft so lange in die Länge zu ziehen, bis die allgemeine Amnestierungswelle zu einer Einstellung der Anklage führte."

Und weiter: "Während Tobi Reiser zwar 1941 zur Wehrmacht eingezogen wurde, profitierte er aber von seiner politischen Stellung im Regime und wurde im Hinterland des besetzten Mähren in Proßnitz eingesetzt."

Historiker Oliver Rathkolb hält fest: "Künftige Ehrungen und Erwähnungen Tobi Reisers sollten auf die Nachkriegs-Konstruktionen als unpolitischer Volksmusiker in der NS-Zeit endgültig verzichten."

Roland Floimair hat als ehemaliger Präsident der Freunde des Adventsingens den Tobi-Reiser-Preis "erfunden."

SN: Was sagen Sie zum Rathkolb-Gutachten?
Floimair: Ich habe es am späten Dienstag-Nachmittag bekommen und erst zum Teil gelesen. Fest steht: Dieser Vorwurf, Reiser habe aktiv am Juli-Putsch teilgenommen, ließ sich nicht verifizieren.

SN: Es tauchen dafür unerträglich Reiser-Zitate auf wie: "Heimatbrauchtum ist die beste Waffe gegen das jüdische Gift."
Diese Sätze stehen derzeit für mich losgelöst da. Ich werde mir das genau anschauen. Ich bin kein Bewohner der moralischen Hochebene. Ich habe den Preis initiiert, weil Reiser große Leistungen für die Volkskultur erbrachte. Er hat meines Wissens seine Stellung nicht benutzt, um Menschen zu schaden.

SN: Was erwarten Sie vom Symposium am Samstag?
Das Rathkolb-Gutachten wird intensiv diskutiert werden. Konsequenzen müssen jetzt andere ziehen. Ich bin nicht mehr in leitender Funktion.

Quelle: SN

Aufgerufen am 21.08.2018 um 12:35 auf https://www.sn.at/salzburg/kultur/tobi-reiser-trachtenverbot-fuer-juden-1000513

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